Was uns auf den Geist geht

27. Oktober 2009, 18:47
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Studieren verkommt zum bürokratischen Hürdenlauf: Leidensbericht einer Sympathisantin der Audimax-Besetzung, die nach dem Umstieg vom Diplom- auf das Bachelorstudium für ihr akademisches Fortkommen keine Zukunft sieht

Wir sind uns bewusst, dass wir der Gesellschaft zu großem Dank verpflichtet sind, dass uns die Gelegenheit geboten wird, Wissen selbstständig zu erwerben, unseren Horizont zu erweitern, in der Welt als Forschende tätig zu werden. - Wir lieben das Studieren. Und wir wollen der Welt etwas zurückgeben. Dafür ist es aber erst einmal nötig, dass man uns studieren lässt.

Wobei es nicht darum gehen kann, in kürzester Zeit möglichst viel altes Wissen anzuhäufen und in genormten Fragebögen darüber Auskunft zu erteilen. Studieren heißt viel mehr: vorhandenes Wissen selbstständig mit Neuem verknüpfen zu lernen, um eigene Innovationen und Ideen entwickeln zu können und Forschung zu betreiben.

Genau das aber wurde und wird uns zunehmend verunmöglicht.

Beispiel "Erweiterungscurricula" : Bisher war es möglich, als Ergänzung zum Hauptstudium eine völlig freie Kombination an Lehrveranstaltungen zu besuchen, die der individuellen Schwerpunktsetzung entsprach. Das heißt: Wir konnten diejenigen Vorlesungen, Proseminare und Seminare aus anderen Studienrichtungen wählen, die für unser Forschungsthema relevant waren.

Wollen wir heute Input aus anderen Disziplinen bekommen, wird uns eine vorgefertigte Kombination an Unterrichtsgegenständen in Form eines fixen Lehrplans vorgesetzt, die wir zu absolvieren haben. Viele der Bestandteile des fremden Studiums sind aber für unsere Schwerpunktsetzung gar nicht interessant.

In Wirklichkeit hindert uns diese Pflichtabsolvierung von irrelevanten Basisinformationen aus Einführungsveranstaltungen aus dem anderen Lehrfach daran, unser eigentliches Forschungsthema effizient zu bearbeiten. Denn effizient, im Sinne von weiterbildend (nicht im Sinne von wirtschaftlich sparsam) ist auf der Uni gar nichts mehr.

Hürde Nr.2: "Modulblöcke" : Schon der Aufbau des Bachelorstudiums folgt keiner logischen Struktur, sondern der einer Scheinleistungsoptimierung. Gerechnet wird mit fiktiven Werten, die den Aufwand des einzelnen Studenten objektiv abbilden sollen (den ECTS-Punkten). Man kann den Aufwand eines einzelnen Studenten aber nicht statistisch erfassen! Wir sind Individuen, keine Faktoren einer Rechnung.

Statt eines logisch schlüssigen Studienverlaufs (z.B. Technik des wissenschaftlichen Arbeitens vor Proseminaren, Proseminare vor Seminare) gibt es nur noch sogenannte Modulblöcke, die größtenteils inhaltlich völlig voneinander getrennt sind und nicht aufeinander aufbauen.

Besonders schwer haben es Studierende zweier Fachrichtungen, ihr Studium abzuschließen. Durch das straffe Modulsystem hat der einzelne Studierende kaum die Möglichkeit, zwei unterschiedliche Studienrichtungen gleichzeitig zu studieren. Das Motto lautet: Erbringe die doppelte Leistung oder studiere nur ein Fach.

Hauptproblem: Die verschulten Modulsysteme zwingen Studierenden einen Stundenplan auf. Stundenpläne zweier Fachrichtungen sind aber selten kompatibel. Die Folge: Wir müssen uns für ein Studium entscheiden oder das zweite völlig vernachlässigen. Studieren wir aber in einem Fach zu langsam, müssen wir wieder Studiengebühren zahlen.

Daher unsere Forderung: Entweder völlige Abschaffung der Studiengebühren oder zumindest die Wiedereinführung eines Hauptstudiums als Bemessungsgrundlage für die Studiengebühren (das Nebenstudium kann in beliebiger Zeit absolviert werden).

Nur unter fairen Bedingungen können wir unser Studium wieder aufnehmen und unseren Teil zu einer offenen und aufgeklärten Gesellschaft beitragen.

Das derzeitige System hindert uns daran. (Marlene Mittringer, DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2009)

Zur Person: Marlene Mittringer ist Studentin der Germanistik (Diplom) und der Philosophie (Bachelor) in Wien

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