Raffiniertes Täuschungsmanöver

27. Oktober 2009, 18:57
14 Postings

Wiener Forscher enthüllen die Geheimnisse einer Orchideenart auf Kreta - die Pflanzen schaffen es mit ihren Blüten, bei Bienenmännchen heftige Gelüste hervorzurufen

Im März ist die Insel Kreta ein botanisches Paradies. Ihre Vegetation ist noch grün statt verdorrt wie im Sommer, Wiesen und Hügel sind übersät mit einer bunten Blumenpracht. An kargen Standorten blühen jetzt auch die hübschen Ragwurz-Orchideen der Art Ophrys heldreichii. Ihre Blüten leuchten sattrosa, eine weitere Farbnote im optischen Potpourri.

In der Luft herrscht Hochbetrieb. Hummeln, Bienen, Schwebfliegen und andere geflügelte Kostgänger bedienen sich eifrig am floralen Überfluss. Wer aber genauer hinschaut, entdeckt Seltsames: Während etwa der wilde Salbei von Insekten allerlei Couleur angeflogen wird, locken besagte Orchideen nur eine einzige Bienenart an, und zwar nur deren Männchen.

Diese schwirren im Zickzack-kurs heran, stürzen sich regelrecht auf die Blüten und tun etwas, das so gar nicht ins Bild passen will - die Bienenmänner versuchen, mit den Orchideen zu kopulieren.

Der Biologe Johannes Spaethe hat solche Szenen schon zahllose Male beobachtet - und gefilmt. Seit einigen Jahren studiert der Experte zusammen mit seinen Kollegen Martin Streinzer und Hannes Paulus vom Department für Evolutionsbiologie der Universität Wien das merkwürdige Verhältnis zwischen O. heldreichii und der Langhornbiene Tetralonia berlandi. Die Orchideen imitieren den Pheromon-duft empfängnisbereiter T.-berlandi-Weibchen praktisch perfekt und locken so deren potenzielle Partner an, um ihnen zwei klebrige Pollenpakete aufzuladen. Diese Fracht laden die Tiere bei der nächsten täuschenden Blüte wieder ab, die Bestäubung ist geregelt.

Allerdings währt der Orchideen-trick nicht lange. "Die Männchen lernen sehr schnell", erklärt Johannes Spaethe im Gespräch mit dem Standard. "Wenn die ein paar Mal auf einer Blüte waren, merken sie den Betrug."

O. heldreichii ist nicht allein, alle Ophrys-Arten verlassen sich für ihre Fortpflanzung auf die Sexualtäuschung jeweils einer einzigen Insektenart. Das ist schon lange bekannt. Bislang jedoch gingen Forscher davon aus, dass die Anlockung fast gänzlich mittels Dufts geschieht.

Neue Untersuchungsergebnisse der Wiener Wissenschafter zeigen aber ein komplexeres Bild: Es kommt deutlich auch auf die Optik an.

Das Team reiste im Frühling nach Kreta und setzte dort freilebenden Langhornbienen manipulierte O.-heldreichii-Blüten vor. Die Biologen trennten ihnen die rosa Perianthblätter ab und filmten, was passierte. Liebeshungrige Bienenmännchen kamen zwar über weite Entfernungen angeflogen, doch dann hatten sie große Schwierigkeiten, das beschnittene Objekt ihrer Begierde zu finden. Wenn allerdings das Perianth durch künstliche Blütenblätter aus Papier ersetzt wurde, verlief die Annäherung meist wie üblich.

Für Menschen unsichtbar

Die eigentliche Farbe der Attrappen war interessanterweise nur von geringer Bedeutung. Stattdessen zeigten Spektralmessungen, wie sehr sich die Insekten offenbar an einem für Menschen unsichtbaren Signal orientieren. Je stärker die künstlichen Blätter grünes Licht im Wellenlängenbereich von etwa 550 Nanometer absorbierten, desto besser war die Lockwirkung. Blaues Papier ist sogar der natürlichen Perianthfarbe überlegen. Die Details der Studie wurden im Fachblatt The Journal of Experimental Biology (Bd. 212, S. 1365) publiziert.

Der Grund liegt laut Johannes Spaethe in der Helligkeitswahrnehmung durch die grünempfindlichen Fotorezeptoren im Bienenauge. Die Perianthblätter, auf denen die Bienenmännchen landen sollen, bilden dadurch eine Kontrastfläche zur dunkel gefärbten Blütenlippe, quasi eine Bühne mit Rampenlicht für eine falsche Schönheit. Hat sich der Begattungswillige indes erst einmal auf die Lippe gesetzt, regen ihn sogar Härchen zur Pseudokopulation an. "Das Taktile muss auch stimmen", so Spaethe. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2009)

  • "Das Taktile muss auch stimmen": Bienenmännchen, das gerade mit einer Blüte der Ophrys-heldreichiiRagwurz pseudo-kopuliert.
    foto: martin streinzer

    "Das Taktile muss auch stimmen": Bienenmännchen, das gerade mit einer Blüte der Ophrys-heldreichiiRagwurz pseudo-kopuliert.

Share if you care.