Sozialstaat und Audimax-Besetzung

27. Oktober 2009, 18:43

Österreich subventioniert niedrig qualifizierte Arbeitskräfte, riesige Beamtenheere und hat kein Geld für Bildung und Ausbildung neuer Leistungsträger

Die Studenten im Audimax der Uni Wien und anderswo demonstrieren im Grunde gegen einen Umverteilungsstaat, der jahrzehntelang soziale Transferleistungen ausgebaut - und die Bildung/Ausbildung knapp gehalten hat. Die Ausweitung des Sozialstaates auf Europa-Rekordniveau war die Antwort auf die Verschlechterung der Einkommen, die wiederum durch den Verfall der industriellen Arbeit bedingt ist.

Um das zu korrigieren, hätte man in Bildung investieren müssen. Man muss die politische Taktik von Josef Pröll anerkennen, der mit einer einzigen Rede-Passage die bisherige "Verteilungsgerechtigkeitsdebatte" umgedreht hat. Bisher hatten die "Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher" -Prediger und die "Besteuert die Reichen" -Anhänger in SPÖ und bei den Grünen die Meinungshegemonie. Pröll musste nur erwähnen, dass man einmal die Transferleistungen von den Nettogebern zu den Nettonehmern genau auflisten müsse, um zu einem realistischen Bild zu kommen - und schon hatte die Debatte ein anderes Vorzeichen.

Gewiss, gewiss, da ist die Finanzkrise und in der haben ganz sicher skrupellose Abzocker Unsummen verdient (und großteils wieder verloren). Opfer war hauptsächlich die obere Mittelschicht, denn nur die hat Geld zum Anlegen. Wer aber so blöd war, Meinl und Grasser sein Geld zu geben, ist selbst schuld (weil er keine Zeitungen liest).

Aber die Finanzkrise ändert genau null an der langfristigen österreichischen Einkommens-und Transferstruktur. Die Haushaltseinkommen hierzulande sind sehr gleich verteilt, weil den Gutverdienern genommen und dies an die Schlechtverdienenden verteilt wird. Dies bestätigt eine neue Studie des Wifo, deren Autor schlicht konstatiert: Die obere Einkommenshälfte finanziert die Untere. In dieselbe Richtung geht die jüngste Titelgeschichte des Profil, wonach "laut Berechnungen der Statistik Austria von 3,9 Millionen Erwerbstätigen (Selbstständige und Unselbstständige) insgesamt 1,8 Millionen mehr an Transferleistungen beziehen, als sie an Lohn- und Einkommensteuer abführen. Gerechnet auf die Gesamtbevölkerung, tragen zwei Millionen Nettozahler sechs Millionen Nettoempfänger; durchschnittlich muss ein Leistungsträger die Sozialleistungen von drei Landsleuten finanzieren - und seine eigenen dazu" .

Die Rede ist von Einkommen. Vermögen - die sich in der oberen Mittelschicht und darüber konzentrieren - scheinen in der Rechnung nicht auf. Vermögen wird in Österreich relativ gering besteuert. Aber die Vermögenden - und dazu gehören Millionen von "kapitalistischen" Sparbuchbesitzern - mögen das als Ausgleich für ihre sonstige übermäßige Belastung empfinden. Zum Teil ist es so gekommen, weil ganze Politikergenerationen lange den Sozialstaat aufgebaut haben, um eine autoritär anfällige Bevölkerung davon abzuhalten, wieder einer Art Nationalsozialismus zu verfallen.

Außerdem ist es schwer geworden, mit Erwerbsarbeit gut zu verdienen. Ganze Berufszweige fallen in Europa und den USA aus der "Leistungszone" heraus, weil ihre Leistung nicht mehr gebraucht wird, bzw. zu teuer ist. Zehntausende Arbeitnehmer haben nichts mehr anzubieten, was Asiaten nicht billiger machen könnten.

Sie müssten auf höherwertige Leistungen umsteigen. Aber die Regierungen, ganz besonders die österreichische, haben in dieses Upgrading nicht investiert. Österreich subventioniert niedrig qualifizierte Arbeitskräfte (noch dazu häufig aus Migrantenfamilien), riesige Beamtenheere und hat kein Geld für Bildung und Ausbildung neuer Leistungsträger. Siehe die Besetzung des Audimax. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2009)

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Nik M
00
29.10.2009, 09:19
Ich haett anstelle von Hundsdorfer die Offenlegungvon Transferleistungen nicht nur an die Offenlegung von Subventionen,

sondern auch an die Offenlegung von Einkommensteuererklaerungen und Gehaeltern in der Privatwirtschaft gekoppelt. Waer interessant, wer welche Taetigkeiten wo versteuert, bzw wer was von der Steuer absetzt.

Transparenz kann nur im Sinne aller sein.

Und zu "man haette muessen" - Investieren in Bildung kann nicht eine Stuetzung von Einkommen, die zum Ueberleben zu niedrig sind, ersetzen. Sie sehen eh selbst, Herr Rauscher, dass wir in der momentanen Situation die Transfers brauchen. Was soll die alleinerziehende Mutter denn machen, ihre Kinder verkaufen? Investitionen in die Bildung muessen parallel gemacht werden. Und zahlen werden das wohl die Besserverdiener muessen (die nicht notwendigerweise mehr leisten).

Management Quatscher
22
28.10.2009, 22:50
und wieder ein Schuss in den Ofen

Die Niedrigverdiener sollten alle ihren Bätschelor in Management of Irgendwas machen und sich anschließend gegenseitig managen.

Ich glaube, das wäre eine ebenso taugliche Lösung, wie die vor 2 Jahren propagierte Finanzdienstleistungsgesellschaft - alle leben davon, sich gegenseitig schwindlige Wertpapiere zu verkaufen.

Aus irgendeinem Grund - dem hochqualifizierte Experten und der göttliche Rau noch auf den Grund gehen - hat das mit der Finanzdienstleistungsgesellschaft aber nicht funktioniert.

Vielleicht erkennen auch die Hochqualifzierten, dass auf 1 produktive Arbeitskraft nicht 4 Manager, 8 Assistenten und 10 Verwalter kommen können. Das trägt die 1 produktive Kraft nämlich nicht.

Klingt komisch, ist aber leider so.

F F
00
30.10.2009, 08:57

Volle Zustimmung!

Porqué no te callas?
00
29.10.2009, 11:35

jaja genau. weg mit all den gebildeten, dann gibts keine besserverdienenden mehr und alles ist gut.

wie blöd muß man sein um besserer bildung für die leute zu widersprechen?

es ist eine tatsache dass die produktionskosten wo anders niedriger sind.wieso wird diese tatsache hartnäckig geleugnet?

es müssen sich also breitere schichten höher bilden. tatsächlich könnte man meinen, dass der freie hochschulzugang höhere bildung für breitere massen zugänglich machen würde. das ist aber nicht geschehen. warum machst du dir nicht gedanken warum so wenig menschen nach höherer bildung streben, trotz freiem hochschulzugangs? ist dieser deswegen als gescheitert anzusehen?

Management Quatscher
01
29.10.2009, 22:18

Alles sehr schön, leider wird es nicht funktionieren. Auch wenn es wahnsinnig toll klingt, irre hipp ist und jeder der etwas auf sich hält die Phrase "wir müssen in Bildung investieren" drischt.

Wenn ein Land nichts produziert, muss es alles importieren. Leider muss es diese Importe bezahlen und zwar durch Exporte.

Ich glaube nicht, dass der Export von Juristen, Managern für alles mögliche, Publizisten, Soziologen, Psychologen, ... wie hochqualifiziert und gebildet die auch sein mögen, funktioniert.

Aber ich lasse mich gerne überraschen. Bis jetzt habe ich allerdings recht behalten, weder der Mär vom Arbeitskräftemangel, noch die bis vor kurzem gepredigte Finanzdienstleistungsgesellschaft haben funktioniert.

Nik M
00
30.10.2009, 09:18

Technologie kann exportiert werden. Areva NP baut in China reihenweise Kernreaktoren, und ein Monat eines Spezialisten aus dem Sektor wird mit etwa 20T€ verrechnet. Auf der anderen Seite kostet das Monat eines Hilfsarbeiters in China sehr wenig - dh, sie muessen nur wenig Arbeit aus Europa exportieren, koennen ein Vielfaches von chinesischer Arbeit importieren, und sind immer noch im Gleichgewicht.

Fragt sich nur, wie lang das so bleibt - China investiert naemlich massiv in Bildung, Forschung und Entwicklung - weit mehr als Europa, gemessen am BIP. Eine zweite Frage ist, ob das so gerecht ist.

Nik M
00
29.10.2009, 08:49

Aber sie koennten 22 produktive Kraefte im Hochtechnologiebereich, und einen 23. der zusaetzlich zu seiner wissenschaftlichen Taetigkeit die anderen koordiniert anstreben. Technologie, die andere nicht haben, kann teuer verkauft werden - sogar Schwellenlaender sind bereit, die fuer sie abstrus hohen Loehne der ersten Welt zu zahlen.

Und um die Nase vorne zu behalten, muss die erste Welt forschen. Viel oefter als ein, zwei, dreimal koennen sie ein- und dieselbe Technologie nicht verkaufen, dann koennens die anderen auch.

Anders wird sich der status quo (shoppen von billig produzierte Waren aus der dritten Welt mit europaeischen Loehnen) nicht beibehalten lassen.

Management Quatscher
01
29.10.2009, 22:23

Es wird eh nicht beibehalten werden können, dass das Billigsdorferzeug aus der Dritten Welt zu Mondpreisen in der Ersten Welt verkauft wird.

Es wäre natürlich der Traum der Unternehmen (billig produzieren und teuer verkaufen), leider kaufen Arbeitslose aber recht wenig. Bei Abzug der Industrie kann man mit Arbeitslosenraten von jenseits 30% rechnen, bin dann gespannt wer die um 5 Euro produzierten Turnschucherln dann um 150 Euro kauft.

Aber vielleicht werden 500 Millionen Europäer auch hochbezahlte Forscher und Verwalter der Forscher. Halte ich allerdings für nicht sehr realistisch. Toll klingen tut´s schon.

Nik M
00
29.10.2009, 22:45

Es gibt sicher Modebewusste, die fuer die Marke ueberhoehte Aufschlaege zahlen. Aber sie darauf keinen Wert legen bekommen das gleiche Produkt auch bedeutend billiger - koennen sie sich noch an die Espandrillos erinnern, um 10 ATS das Paar? z.B.

Und es werden ja nicht wirklich alle Forscher, Teile der Industrie lassen sich nur schwer auslagern. Aber ein Schwerpunkt, mit so 10-20% der Berufstaetigen, koennts wohl schon werden.

blablabla blablabla
00
28.10.2009, 20:35
die wahre Verteilung sieht anders aus,



www.wiweb.at

Kredite machen reicher

avision
00
28.10.2009, 22:05
Verteilungs - gerechtigkeit ...

In der politischen Auseinandersetzung unserer Zeit, sprechen wir allerdings nur von der Vertei-lungsgerechtigkeit, die ein an die Bürger verteilender Staat verstanden wird.
"Rawls´>>Theory of Justice<< (1971)" fordert mehr materielle Gleichheit und eine stärkere Umverteilung der privatwirtschaftlichen Gewinne zugunsten der finanziell schwachen, das er soziale Ungleichheit nur unter der Voraussetzung für legitim hält, daß alle von ihr profitieren. Der Begriff Gerechtigkeit im Sinne menschenrechtlicher Gleichheit und Gewaltvermeidung läßt sich jedoch kein sozialer Gerechtigkeitsbegriff und somit auch kein Recht auf materielle Gleichheit ableiten. Gerechtigkeit, richtig verstanden, orientiert sich daher an der Schaffung von Arbeitsplätzen.

Der Joker
 
01
29.10.2009, 08:30
Rawls spricht vor allem von Chancengleichheit für alle und das vor allem im Bereich Bildung.

das ist durch den freien Hochschulzugang, Stipendien, Ausnahmen von den Studiengebühren in Österreich gegeben.

Dass Ungleichheiten bei der Chancenauswertung nivelliert werden sollen, steht auch bei Rawls nicht, sondern dass weniger Begünstigten geholffen werden soll. Dass es eine Umverteilung geben soll, steht außer Frage.

Nur das Ausmaß der Umverteilung wird als ungerecht empfunden, denn es hat nichts mehr mit Ausgleichen naturgegebener Vorteile zu tun, wie es Rawls fordert, sondern damit, dass Parteien vor allem die SPÖ Geldgeschenke an ihre Wählerschaft im großen Stil verteilen.

blablabla blablabla
00
29.10.2009, 00:30
richtig,

dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Ente Lippens
00
28.10.2009, 19:37
Ungerecht sind nicht die Transferleistungen, sondern die - vor Wahlen sogar von Politikern zugegebene - masslose frühe Einstufung von durchschnittlichgen Gehältern in die Spitzensteuersätze

buff flyer
00
29.10.2009, 09:36
nur bedingt das eine das andere

Martin Schwarzbauer
 
01
28.10.2009, 19:01
"Leistungsträger" ist ein gefährlicher Begriff

Denn jeder versteht etwas anderes darunter, je nach Fokus auf Steuerleistung, Arbeitsleistung, Einkommen ("Marktleistung") etc.

In jedem Fall grenzt man damit eine Gruppe von jenen ab, die entweder nicht wollen ("Owezahrer") oder nicht können (z.B. Schwerstbehinderte). Auch Mitläufer und Systemerhalter, die einfach ohne besonderes Engagement ihren wenig anspruchsvollen Job machen, wird man kaum als Leistungsträger bezeichnen können.

Leistungsträger ist, wer in seinem Wirkungsbereich einen signifikant höheren Nutzen für das System bietet als ein durchschnittlicher Ersatz. Je nach Wirkungsbereich, System und dessen Zielen schwankt dann eben die Zugehörigkeit. Das heißt, wenn man "Leistungsträger" sagt, muss man dazu sagen in Bezug worauf.

Poldi Prettljausn
22
28.10.2009, 20:18
Lassen Sie nur, es sollte mittlerweile klar geworden sein: hier gehts um die fiskalischen Leistungsträger, also um jene, die

das System der Zwangsbesteuerung aufrecht erhalten müssen. Jener relativen Minderheit von 2 Mio. Steueraktiven, die den Rest der 8 Mio. Österreicher und Österreicherinnen mittragen müssen.

natoll
68
28.10.2009, 17:25

man kann sagen was man will, aber er hat recht.

Alkolix
00
29.10.2009, 11:31
sie haben den artikel wohl nicht gelesen

gleich der erste absatz stimmt nicht

Raf Weisheit-Löffelfresser
12
28.10.2009, 20:08
"da kann man sagen was man will"


Verstehe. Wer sich von vornherein des politischen Meinungsbildungsprozesses entsagt und sich lieber bloß auf seine rechtsliberalen Scheuklappen verlässt, hat also Recht.

"Bravo"

Porqué no te callas?
00
29.10.2009, 11:43

blablabla

dein blabla lässt darauf schliessen dass du absolut kein gegenargument hast.

natoll
11
29.10.2009, 07:36

rechtsliberal? scheuklappen? red doch keinen schmarrn.

die wahrheit ist nunmal die, das es langfristig keinen sinn macht nicht nachgefragte tätigkeiten zu subventionieren. hat es nie, wird es nie. und früher wäre man damit auch verhungert.

österreich ist ein winziges land. ohne rohstoffe. einziges asset: know-how. besser zu sein als andere.

alles andere läßt sich (wie in der vergangenheit) nur durch schuldenaufbau finanzieren.

robert rittersmann
35
28.10.2009, 16:42

Bei dieser Debatte wird immer vergessen, dass alles Geld, das "umverteilt" wird, auch wieder in die Wirtschaft zurückfliesst.
Der Steuer-Euro, den jemand als Wohnbeihilfe kassiert, kassiert am nächsten Tag der wohlhabende Mietshausbesitzer und bezahlt damit seinen Mercedes.
Gäbe es diese Wohnbeihilfe nicht, müsste er seine Wohnung billiger oder gar nicht vermieten. Dann ist es aber auch nix mit dem Mercedes.

natoll
44
28.10.2009, 18:25

na dann überweist mir einfach demnächst 500 eur von deinem einkommen und ich verspreche es wieder dem wirtschaftskreislauf zuzuführen. über umwege profitierst sicher auch mit einer paar cent davon.

erkennst jetzt den irrtum?

Poldi Prettljausn
97
28.10.2009, 16:50
Auf der anderen Seite könnte ja der Wohnbeihilfe-Kassierer

mal anfangen, sich einen ordentlichen Job zu suchen, das BIP mithelfen zu erhöhen und die Miete selber zahlen.

Dann könnte sich der Mietshausbesitzer immer noch einen Mercedes leisten, oder?

Nicht andere arbeiten lassen, selber was tun.

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