Erinnerungen an virtuose "Sünden"

27. Oktober 2009, 17:56
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Ein Gespräch mit dem Jazzbassisten Stanley Clarke

Wien - Sitzt man diesem gemütlichen Herrn gegenüber, muss man - angesichts dessen gemächlicher Art zu gestikulieren und Sätze zu formulieren - die beliebte Theorie begraben, wonach der musikalische Stil einer Person deckungsgleich mit dem Gehabe derselben Person sei. Stanley Clarke nämlich gehört zu jenen Musikern, die seit den 1970er-Jahren dem Bass neue technische Dimensionen der Rasanz eröffnet und den Bassisten als energetisch-quirligen Solisten definiert haben.

Es war damals, nachdem Innovator Miles Davis und Freunde Funk, Rock und Jazz unter einen neuen Stilhut gebracht hatten, natürlich auch schwer anders möglich, es war die Hochblüte der Jazzrock-Supergruppen: Joe Zawinuls Weather Report, John McLaughlins Mahavishnu Orchestra und Chick Coreas Return to Forever gaben den instrumentalen Ton an. Und Stanley Clarke zelebrierte eben mit Corea ein Höchstmaß an Virtuosität. "Das Projekt wurde in einer Weise auch kommerziell erfolgreich, wie wir es uns nie erträumt hatten. Wir spielten in den USA Doppelkonzerte mit Fleetwood Mac, wobei die Leute schon erstaunt waren, wie das alles bei uns klang." In Rückblick betrachtet - war da nicht ein bisschen viel Technik im Spiel?

"Absolut! Manchmal höre ich meine Sachen von damals und denke: Jesus, welche Menge an Noten! Ich übte ja auch wie ein Besessener, aber so war es eben damals, und es war nötig. Die Stücke, die Chick für Return to Forever schrieb, waren ja lange, suitenartige Gebilde und technisch haarsträubend anspruchsvoll. Wenn du das Zeug ordentlich umsetzen wolltest, musstest du eben ein spezielles Niveau vorweisen."

Diese Kompositionen einzuüben wäre "auch wirklich kein Spaß" gewesen. "Es war einfach Arbeit. Spaß war für mich, mit B. B. King einen Blues zu spielen." Oder in der Band The New Barbarians (mit Ron Wood und Keith Richards) für die tiefen Noten zuständig zu sein.

Man bleibt natürlich nicht dreißig: "Sicher bin ich am Instrument mittlerweile um einiges relaxter, auch wenn ich eigentlich besser spiele als in den wilden 1970ern. Wenn du jung bist, spielst du eben ein bisschen wie ein Verrückter, und das ist gut so, das sollte so sein. Junge Musiker sollten verrückt und übermütig sein."

Im Trio mit Chick Corea

Hört man Stanley Clarke (1951 in Philadelphia geboren) mit dem aktuellen Trio, in dem er alten Bekannten, also Pianist Chick Corea und Schlagzeuger Lenny White, begegnet, vernimmt man tatsächlich eine kontrollierte Art der Bassbehandlung. Aber natürlich hängt das auch mit dem Repertoire des Trios zusammen, das am Montag im Wiener Konzerthaus zu hören sein wird. Es kreist um das Great America Songbook und um Chick Coreas weichere Kompositionen, ist rein akustisch angelegt und sehr auf den spontanen Augenblick hin angelegt. Clarke: "Wir entscheiden erst kurz vor dem Konzert, was wir aus dem Songbook wählen."

Der Obama-Song, den Clarke aus einem gewissen Hochgefühl nach dem Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA heraus geschrieben hat, wird nicht dabei sein: "Dieser Augenblick, als ein Afroamerikaner Präsident wurde und bei der Angelobung mit Familie da stand - das war der wichtigste symbolische Moment der ganze Angelegenheit. Das wird bleiben. Und natürlich ist das alles eine tolle Sache, und ich bin glücklich, dass Obama Präsident geworden ist. Ansonsten ist er aber jetzt für mich ein weiterer Präsident, der sich bewähren muss. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Ich danke Gott täglich, dass ich Musiker bin!" (Ljubiša Tošić/DER STANDARD, Printausgabe, 28. 10. 2009)


2. 11., Konzerthaus, 21.00

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    Kommt im Trio nach Wien: Stanley Clarke.

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