Roooaaarrr! Die Welt im Ehekrieg

27. Oktober 2009, 17:44
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Eugène Ionescos "Delirium zu zweit" an den Linzer Kammerspielen

Linz - In dieser Ehe schlummert die Gewalt. Jener Krieg, der draußen in den Straßen losbricht, kommt und geht, der Konflikt der Ehegatten hingegen bleibt in Ewigkeit festgefahren. Eugène Ionescos Farce Delirium zu zweit zieht keine vordergründigen Parallelen zwischen dem Zusammenbruch der Außenwelt und der verrohten Zweierbeziehung, er spinnt vielmehr subtile Kausalitäten, deren Faden die Sprache ist. Und so ist das Stück unter dem luftigen Deckmäntelchen der Absurdität vor allem eine präzise Gesellschaftsskizze.

Schauspielchef Gerhard Willert widmet sich in den Kammerspielen zuvorderst dem Gelingen der Farce. Gleich zu Beginn knallt die fürderhin als Spielboden verwendete Holzwand auf die leergefegte Bühne (Ausstattung: Florian Parbs), die Welt ist aus den Fugen geraten. Mit reichlich komischer Energie und präzisem Körpereinsatz sind Barbara Novotny und Vasilij Sotke Stück wie Regisseur hervorragend zu Diensten. Das Mechanische im Umgang der Ehepartner illustrieren sie mit überspitzt vorgetragenen Floskeln und grotesken Anwürfen. Schön, wie sorgsam man dabei mit Ionescos präziser Sprachkonstruktion umgeht.

Die Absurdität des Dialogs verstärkt ein gut integrierter elektronischer Soundtrack: Die Schritte des Ehegatten knarren, aus den aufgerissenen Mäulern dringt raubtierhaftes Gebrüll. Solcherart stellt Bernhard Schabmayr an den Keyboards den sprachlichen akustische Spitzen zur Seite. Roooaaarrr! Aus der durchwegs gelungenen Überzeichnung tastet man sich jedoch ungelenk an die moralischen Untiefen heran. Während Granaten und Gewehrfeuer zusehends in die Wohnung vordringen, kommen die Kommentare zum mörderischen Treiben eher abgespult daher. Da hilft auch die verstärkte Symbolik nicht, etwa der Aschenregen als Anspielung auf den Holocaust.

Die Weltkatastrophe ist durch ihr Andauern zur Belanglosigkeit geworden, so die Aussage, die zu harmlos daherkommt. So gerät auch das Schlussbild in Schieflage, in dem das Paar Walzer tanzt, glücklich darüber, dass wenigstens auch draußen der Krieg tobt. Fade out und viel Applaus. (Wolfgang Schmutz/DER STANDARD, Printausgabe, 28. 10. 2009)

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