"Der Mensch ist ein Egomane, ein Tier"

27. Oktober 2009, 17:41
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Mit der Titelrolle in Alfred de Mussets "Lorenzaccio" erweist sich Michael Maertens erneut als Stütze der Hartmann-Burgtheater-Direktion

Standard: Am Burgtheater haben Sie das große Los gezogen: Während sich Gert Voss und Tobias Moretti mit dem "Faust" abmühten, konnten Sie sich mit bewährten Produktionen wie "Immanuel Kant" oder "Amphitryon" im Windschatten des Medien-Hypes als Hartmann-Protagonist ausweisen. Ein Vorteil?

Maertens: Beneidet habe ich die Kollegen sicher nicht - weder vorher noch nachher. Wenn man es andererseits sportiv sieht, kann man auch sagen: Ist doch toll, dass Theater diese Aufmerksamkeit genießt! Das war doch wie ein Champions-League-Finale. Ich war froh: Wenn man Faust macht, kommt man doch niemals sauber heraus. Außer man ist Gustaf Gründgens. Mittlerweile habe ich so viel mit Matthias Hartmann gearbeitet, dass ich es nicht ganz unclever fand, dass wir die Eröffnung nicht miteinander bestritten haben. Aber es bleibt paradox, da ich ja den Mephisto schon einmal für die Burg auswendig gelernt habe ...

Standard: Aber eine Zäsur am Burgtheater wurde für Sie nicht spürbar?

Maertens: Nein, aber ich bin ja auch schon seit sechs Jahren in der Stadt. Das für mich Aufregende ist dieses massive Auftreten.

Standard: Wer tritt massiv auf?

Maertens: Ich. Nach drei Premieren kommt im Dezember die vierte, im Jänner die fünfte Premiere. Das passiert ja nicht deswegen, weil ich rufe: Gebt mir Hauptrollen! Das hängt damit zusammen, dass die Burg-Direktion ein Repertoire aufbauen muss. Das hat Peymann doch auch gemacht! Was hatte Voss 1986, 1987 nicht alles zu tun!

Standard: Stoßen Sie als Dauerhauptheld an Leistungsgrenzen? Voss konnte als Protagonist von Zadek, Peymann und Tabori doch auch irgendwann nicht weiter.

Maertens: Es ist nun einmal so, wie es ist. Im Moment werden es halt fünf Titelrollen - mit der einen Ausnahme von Warten auf Godot. Da muss ich jetzt durch. Aber als ich jünger war, hatte ich manchmal zehn, zwölf Rollen parallel im Repertoire. Jetzt sagen Sie als Kritiker bestimmt, das geht auf Kosten der Konzentration. Das ist aber nicht unbedingt so. Ich behaupte, es geht nicht auf Kosten der Qualität. Sie fragen jetzt bestimmt: "Wie geht denn das?"

Standard: Wie geht denn das?

Maertens: Stellen Sie sich das wie bei einem Computer vor: Man kultiviert Rituale. Man drückt einen Knopf und weiß dann ungefähr ab 18 Uhr, in welches Stück man geht. Man speichert etwas im Kopf ab, dann fallen die anderen vier Figuren von einem ab. Noch bin ich ja Mitte vierzig, noch kann ich da durch. Müsste ich freilich jede Saison fünf Protagonisten geben, würde ich unweigerlich schizophren.

Standard: Verdanken Sie Ihr Arbeitsethos Ihrer Herkunft? Immerhin war Ihr Großvater Intendant am Hamburger Thalia Theater; Ihr Vater Schauspieler und Oberspielleiter. Ihre Geschwister sind obendrein Schauspieler.

Maertens: Ich entdecke tatsächlich Tendenzen an mir - was mir auch alle Intendanten bestätigen -, über mich hinauszudenken. Das ist gar nicht so gut: Vielleicht sollte ich mich nur besser auf mich konzentrieren. Aber ich denke dann an den ganzen Betrieb. Immer, wenn etwas Schlimmes passiert, kommt Matthias Hartmann zu mir und fragt: "Was soll ich sagen?" Das ehrt mich sehr. Er meint, wenn er vor den Vorhang muss: Maertens hat meistens eine gute Idee, was man den Leuten sagen kann.

Standard: De Mussets "Lorenzaccio" ist das Stück über einen Immoralisten, der moralisch handelt, indem er seinen Fürsten absticht. Ein Wüstling als Hamlet - wie spielt man einen Unaufrichtigen, der aufrichtig zu sprechen vorgibt?

Maertens: Manche Sachen glaube ich ihm ganz einfach - etwa dass er den Glauben an die Menschheit verloren hat. Vielleicht existieren in seinem Hinterkopf noch Begriffe wie Tugend, Moral oder Menschlichkeit. Ein Funke Hoffnung! Aber er sagt auch: "Es hat alles keinen Sinn, es ist egal, was ich tue." Der Mensch ist ein Egomane, ein Tier. Aber wir kennen solche Figuren aus der Spionage, übrigens auch aus der Politik: Der Doppelagent liebt beide Seiten.

Lorenzaccio liebt seinen Fürsten, so wie DDR-Spion Guillaume sein Kanzler-Opfer Willy Brandt geliebt hat. Lorenzaccio ist der Zuhälter und Zeremonienmeister für seinen Herzog (Nicholas Ofczarek). Aber er liebt seinen Berlusconi - was ihn wiederum darin bestätigt, dass alles keinen Sinn hat. Es wäre toll, wenn wir während der Aufführung lange genug die Illusion aufrecht erhielten: "Was will dieser widerliche Kerl eigentlich?" Ich habe so viele Figuren gespielt - da kann man unglaublich viele Facetten mit hineinpacken.

Standard: Sie rufen also die Eigenschaften bereits erarbeiteter Figuren ab - und setzen mit diesem Material die neue Figur zusammen?

Maertens: Mir fallen Erfahrungen ein. Aber ich ziehe in mir keine Schubladen auf: "Das ist jetzt Homburg, und da tu ich ein bisschen Hamlet hinein, da Heinrich IV. und dort Richard II." Interessant ist vielleicht, dass ich als Schauspielschüler bereits einen Lorenzaccio gemacht habe: Manfred Zapatka spielte ihn vor über 20 Jahren in einer Langhoff-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen. Ignaz Kirchner war der Herzog. Ich war ein kleiner, republikanischer Degenstecher - einer der Strozzi-Söhne und mit meinen drei Sätzen beschäftigt. Aber schon damals dachte ich mir: "Stell dir vor, du kannst so eine Rolle einmal spielen!" (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 28. 10. 2009) 

Zur Person
Michael Maertens (46) entstammt einer Hamburger Schauspielerdynastie und ist einer der großen Charakterschauspieler der Nullerjahre. Er arbeitete regelmäßig in Wien, stützte aber die Hartmann-Spielzeiten in Bochum und Zürich.

  • Als Wüstling und Tyrannenmörder in einer
Stefan-Bachmann-Produktion an der Burg zugange (Premiere  Freitag, 30.10. 19.30 Uhr): Michael
Maertens, in den Abgründen der französischen Hochromantik wühlend.
    foto: werner

    Als Wüstling und Tyrannenmörder in einer Stefan-Bachmann-Produktion an der Burg zugange (Premiere  Freitag, 30.10. 19.30 Uhr): Michael Maertens, in den Abgründen der französischen Hochromantik wühlend.

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