Desinformation

27. Oktober 2009, 16:57
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Wenn der Küniglberg wie ein rein privatwirtschaftlicher Betrieb agiert, hat das auch gesellschaftliche Relevanz

"Fernsehen funktioniert längst nicht mehr über Oberlehrerverhalten. Die Mobilität des Publikums ist inzwischen zu groß. Die Zeiten des Monopols sind vorbei, es geht um das beste Angebot." ORF-Kommunikationschef Pius Strobl will mit solchen Worten rechtfertigen, dass Dominik Heinzls neues Societyformat auf ORF 1 voraussichtlich gegen die ZiB-Nachrichten auf ORF 2 antreten wird.

Bestes Programm. Abgesehen davon, dass die Anwendung dieses Schlagworts auf Heinzl Anhängern eines tatsächlich öffentlich-rechtlichen Konzepts Tränen in die Augen treibt, zeigen solche Aussagen, welche Maßstäbe mittlerweile in der ORF-Programmgestaltung angelegt werden. Ein Teil der 200.000 Seher, die während der ZiB zu anderen Sendern abwandern, soll mit der (auch in Form eines Studios) neu eingerichteten Boulevardecke Heinzls zurückgeholt werden. Selbst, wenn das aufgeht und nicht nur frustrierte Politbeobachter von der ZiB zu Heinzl abwandern, ändert das nichts am paradoxen Selbstverständnis als öffentlich-rechtliches Fernsehen, das Quote über alles stellt und einen Bildungsauftrag wie einen Klotz am Bein mit sich herschleppt. Das "beste Angebot" heißt offenbar jenes, das das Unternehmen ORF prosperieren lässt.

Wenn der Küniglberg wie ein rein privatwirtschaftlicher Betrieb agiert, hat das auch gesellschaftliche Relevanz. Wenn Informationskompetenz zugunsten großteils zugekaufter Unterhaltung mehr und mehr verspielt wird, schürt das letztendlich kritiklosen Konsum und Obrigkeitshörigkeit. Auch durch diesen schleichenden Prozess macht sich der ORF zum Komplizen undurchsichtiger Politik anstatt zu ihrem Korrektiv. Wenn "Oberlehrerverhalten" hier abhilft - nur her damit! (Alois Pumhösel, DER STANDARD; Printausgabe, 28.10.2009)

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