"Was bedeutet es, auf Facebook 200 Freunde zu haben?"

28. Oktober 2009, 17:11
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Ein auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt soll ergründen, ob und inwiefern sich im Kontext digitaler Medien neue Identitäten herausbilden - die Uni Klagenfurt ist mit im Team

Wie präsentieren sich junge Menschen im Internet? Wofür interessieren sie sich, was bedeutet es für ihren Alltag? Diesen und ähnlichen Fragen geht in den nächsten drei Jahren ein multilaterales Forschungsprojekt mit dem Titel "Subjektkonstruktionen und digitale Kultur" nach, das von der Volkswagen-Stiftung und vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) in Wien mit rund 1,2 Millionen Euro gefördert wird.

Neben der TU-Hamburg-Harburg und den Universitäten Bremen und Münster ist auch die Universität Klagenfurt Teil des Forschungsteams. "Wir beschäftigen uns mit einem zentralen Bereich des Internets, nämlich mit der Kommunikation - das entscheidende Medium in diesem virtuellen Raum", erklärt Christina Schachtner, Institutsvorständin der Medien- und Kommunikationswissenschaft der Uni Klagenfurt. Das Neue an dem Projekt sei die intensive Zusammenarbeit, man würde systematisch untersuchen und vergleichen und in ständigem Austausch stehen.

Werte, Weltbilder und Meinungen

Innerhalb der nächsten drei Jahren will man in Klagenfurt "fünf bis sechs" Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Studivz untersuchen. "Wir werden uns nicht nur auf deutschsprachige Netzwerke beschränken, sondern auch englischsprachige untersuchen. Vor allem dort, wo es um Werte, Weltbilder und Meinungen geht", erklärt Schachtner. Eine Plattform hebt sie dabei besonders hervor: "Es gibt da zum Beispiel ein spannendes Projekt einer amerikanischen Universität: Sobald in der Welt etwas passiert - sei es der Einmarsch der Amerikaner im Irak oder der Angriff der Israelis auf Palästina - werden Diskussion gestartet. Und zwar möglichst auch mit Personen aus den betroffenen Ländern. In dem Zusammenhang wird auch über die Vorstellung von Demokratie oder die Position der USA in der Welt diskutiert."

Gilt das Schönheitsideal auch im Netz?

Einerseits werden die Plattformen analysiert, andererseits sollen auch Interviews mit Nutzern geführt werden. Dabei gehe es um Fragen wie: "Warum nutzen sie es? Was bedeutet es, auf Facebook 200 Freunde zu haben? Wie werden Themen verhandelt?" Auch die Profilgestaltung solcher Netzwerke seien "interessant": "Wie präsentieren sich die User? Wird das Schönheitsideal, das außerhalb der virtuellen Welt gilt, reproduziert?", erklärt Schachtner. Es gehe auch darum, wie sich das Nutzen von Social-Media-Plattformen auf das reale Alltagsleben auswirke. "Uns interessiert: Macht es einen Unterschied ob ich mit diesen Medien intensiv aufwachse oder wenig davon berührt bin?"

Das Internet als "reale Welt"

Auf die Frage, warum sich Menschen im Internet oft anders darstellen oder verhalten als im realen Leben, sagt Schachtner: "Die Faszination dieser sozialen Netzwerke besteht darin, dass es Welten sind, in denen sie das Leben, das sie möchten, Leben können. Sie können sich dort ihr Wunsch-Ich entwerfen, sie können experimentieren, vielleicht auch mal die düstere Seite in sich ausdrücken. Aber es ist ihre Welt, sie können ihre Standards, ihre Werte, ihre Themen setzen - das können sie oft außerhalb nicht." Als eine Art Flucht würde sie dieses Verhalten aber nicht bezeichnen, denn: "Es ist eine reale Welt für sie." Realität finde in dem Moment statt, in dem man mit seinen Gedanken, Gefühlen und auch mit seinem Körper involviert sei.

Menschen würden sich im Internet oft anders darstellen, weil es ganz einfach möglich sei: "Unabhängig von den Inhalten enthält jedes Medium - ob es sich um Print, Fernsehen oder Internet handelt - schon durch seine Struktur eine bestimmte Botschaft. Dass heißt, ich kann bestimmtes tun und bestimmtes nicht tun."

Das Netz verändert Beziehungen

Welchen Einfluss das Internet im Allgemeinen noch auf das alltägliche Leben haben kann, erklärt Schachnter so: "Im Internet kann sich die Kommunikation zum Beispiel unheimlich beschleunigen, das verändert auch die Beziehungen." Wenn man eine E-Mail schreibe, könne man schon fünf Minuten später mit einer Antwort rechnen. "Damit verändern sich die Ansprüche an andere. Wenn der andere nicht antwortet macht man sich Gedanken warum und ob die Beziehung gestört ist - und es kommt sofort die nächste E-Mail." Dabei entstehe fast so etwas wie ein "Terror des Jetzt". "Was irgendwie paradox ist, weil die Kommunikation prinzipiell zeitverschoben stattfinden kann, ich muss nicht sofort antworten. Gleichzeitig ist die Erwartung da, weil es ja technisch möglich ist, dass man sofort reagiert."

Real in Paris, online weit weg

Die technischen Möglichkeiten würde auch das Verhalten, die Beziehungen zu anderen und die Wahrnehmung verändern, wie Schachtner anhand eines weiteren Beispiels erläutert: Auch wer in Paris oder Wien sitzt, kann gleichzeitig online und mit Menschen in anderen Städten verbunden sein, mit denen er sich viel intensiver beschäftige als mit seiner Umgebung in der geografischen Lage, in der er sich tatsächlich gerade befinde. (mak, derStandard.at, 28.10.2009)

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    Facebook, Studivz & Co. - wie verändern soziale Netzwerke im Internet unsere Identität?

  • Christina Schachtner: Durch E-Mails entstehe eine Art "Terror des Jetzt".
    foto: privat

    Christina Schachtner: Durch E-Mails entstehe eine Art "Terror des Jetzt".

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