Krämer, Philosoph und "Scheißliberaler"

27. Oktober 2009, 20:38
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Wissenschaftsminister Johannes Hahn wird EU-Kommissar

Für die Brüsseler Dolmetscherinnen kann er eine Herausforderung werden: Wissenschaftsminister Johannes Hahn, der Kompromisskandidat, den SPÖ und ÖVP als österreichischen EU-Kommissar nach Brüssel schicken, neigt nämlich dazu, hin und wieder etwas flapsig zu formulieren. Er sagt dann zum Beispiel: "Mir geht das schon alles am Keks" , wenn sich Rot und Schwarz wieder einmal im Parteihickhack suhlen.

Der 51-Jährige Wiener redet gern frei Schnauze. Sagt, was er denkt. Und das ist nicht immer das, was seine Partei gerade hören will. Obwohl er sich schon lange in der Politik bewegt wie seine rote "Zwillingsministerin" Bildungsministerin Claudia Schmied, hatte der ÖVP-Politiker seit Jänner 2007 in der Regierung immer eine Art "Outsider within" -Status.

Er hatte schon als Stadtpolitiker - Hahn ist seit 2005 in der City allerdings, wie "Parteifreunde" monieren, wenig gesehener VP-Wien-Chef - etwas gegen die Diskriminierung Homosexueller und nichts gegen das Ausländerwahlrecht, was unter anderem dazu führte, dass er vom erzkonservativen Wiener Ex-VP-Klubchef Johannes Prochaska zum "Scheißliberalen" geadelt wurde.

Ein Titel, den Hahn, dem eine fast Zen-hafte Gelassenheit eignet, nicht zurückwies. Die absolute Gegenwärtigkeit des EU-Kommissars in spe hängt wohl auch mit einer überstandenen Krebserkrankung in seinen 20ern zusammen.

In der Bildungspolitik tat sich der Vater eines Jus-Studenten oft schwer mit dem reformresistenten Beton-Habitus seiner Partei. Die Frau des CocaCola- und Gummibärli-Süchtigen arbeitet im Wirtschaftsministerium im Bereich Gender-Mainstreaming/Budgeting.

Schon als Sohn eines Reifenhändlers, der im Gemeindebau groß geworden und in der achten Klasse Gymnasium der ÖVP beigetreten ist, fühlte sich Hahn wie "das intellektuelle Beiwerk" . Die institutionalisierte Intellektualisierung an der Uni verlief dann (studiengebührenfrei) in großzügigen Schleifen. Nach einem Häppchen Germanistik und einer ihn irritierenden Vorlesung über den Ritterroman wechselte Hahn zu Jus, um fünf Jahre später Philosophie zu wählen und über das Phänomen Stadt zu promovieren. Schon während des Studiums dockte er bei ÖVP-Generalsekretär Michael Graff an, pendelte dann zwischen Politik und Wirtschaft (zuletzt managte er den Glücksspielkonzern Novomatic) und lebte die "zwei Seelen" in seiner Brust aus: "die des Krämers und des Intellektuellen" . Kommissionspräsident Barroso hat die Wahl, was er aus Wien will: Kram oder Intellekt.  (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2009)

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    Johannes Hahn

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