Tschechien

Verfassungsgericht vertagt EU-Entscheidung

27. Oktober 2009, 15:38

Richter wollen erste Anfang November über die Klage EU-kritischer Senatoren entscheiden

Brünn - Die Entscheidung des tschechischen Verfassungsgerichtshofes zum Lissabon-Vertrag ist auf den 3. November vertagt worden. Bei der Sitzung am kommenden Dienstag wird höchstwahrscheinlich der Spruch verkündet, gab der Vorsitzende Richter Pavel Rychetsky am Dienstag in Brno (Brünn) bekannt.

Das Verdikt sowie dessen Zeitpunkt sind für die EU von großer Bedeutung, weil Tschechien das letzte EU-Land ist, das den Ratifizierungsprozess des Lissabon-Vertrages noch nicht abgeschlossen hat. Präsident Vaclav Klaus hatte bereits früher angekündigt, er wolle die Entscheidung der Verfassungsrichter abwarten und "der Letzte in Europa" sein, der das Dokument ratifiziert.

17 Senatoren legten Beschwerde ein

Der tschechische Verfassungsgerichtshof hatte sich am Dienstag in Brno mit der Beschwerde, die eine Gruppe von 17 EU-kritischen Senatoren gegen den EU-Reformvertrag von Lissabon eingereicht hatte, befasst. In den Nachmittagsstunden wurde die öffentliche Anhörung mit den Reden der einzelnen Teilnehmer des Verfahrens noch fortgesetzt.

Die Kritiker des EU-Reformvertrages werfen diesem vor, die Souveränität Tschechiens zu beschränken und wichtige Kompetenzen an die EU zu übertragen. Der Leiter der Beschwerdeführer, der Senator der konservativen Demokratischen Bürgerpartei (ODS) Jiri Oberfalzer, betonte in seinem Plädoyer, der Lissabon-Vertrag "verändert auf eine grundsätzliche Weise das Funktionieren der EU und damit auch die Position der Tschechischen Republik". Von den europäischen Verträgen aus Rom und Maastricht "bleiben dann nur noch die Namen". Der Lissabon-Vertrag beinhalte in sich einen "Keim einer Föderation, weswegen wir vorsichtig sein sollten". Das Dokument stelle die EU-Mitgliedsstaaten in die Position der Unterordnung, so Oberfalzer.

Vorwürfe gegen Vorsitzenden des Verfassungsgerichtshofes

Gleich nach dem Beginn der Sitzung stellten die Beschwerdeführer die Kompetenz des Vorsitzenden des Verfassungsgerichtshofes, Pavel Rychetsky, der gleichzeitig der sogenannte Richter-Berichterstatter im Fall des Lissabon-Vertrages ist, infrage. Sie warfen Rychetsky Voreingenommenheit vor, womit sie auf sein kürzliches Treffen mit dem deutschen Botschafter in Prag, Johannes Haindl, anspielten. Bei dem Treffen war auch das jetzige Verfahren zum Lissabon-Vertrag Thema. Nach einer kurzen Besprechung hinter verschlossener Tür wies das Gremium den Vorwurf zurück.

Außerdem brachten die Kritiker des Lissabon-Vertrages eine Ergänzung ihres Prüfantrages ein, die sie dem Gericht in schriftlicher Form übergaben. Dem Vernehmen nach handelt es sich um neue Argumente zur Unterstützung der Beschwerde. Rychetsky reagierte darauf sichtbar erregt und kritisierte die Senatoren, genug Zeit gehabt zu haben, um ihre Einwände ausreichend im Voraus zu formulieren. "Der Verfassungsgerichtshof wird sich damit bestimmt auseinandersetzen. Ich kann mich aber einer Bemerkung nicht erwehren, dass dieser Vorgang am Rande der Obstruktion ist", erklärte Rychetsky.

Oberfalzer wies die Kritik zurück. Man sollte keinen Druck auf die Gruppe von Senatoren ausüben, die ernsthaft daran zweifelten, ob der Lissabon-Vertrag im Einklang mit der Rechtsordnung ist. "Wir wollen, dass dies gründlich überprüft wird", so Oberfalzer.

Kritisch reagierte Rychetsky auch auf den Auftritt des Rechtsvertreters von Staatspräsident Vaclav Klaus, Ales Pejchal. Dieser stellte im Namen des Staatschefs einige Fragen, beispielsweise jene, ob Tschechien nach der Ratifizierung des EU-Reformvertrages ein souveräner Staat und die EU eine internationale Organisation bleiben würden. "Sollen wir das als einen Fragebogen wahrnehmen", fragte Rychetsky und fügte hinzu, der Verfassungsgerichtshof habe keine Kompetenz, die Angelegenheit zu interpretieren.

Klaus will Ausnahmeregel

Kürzlich hatte Klaus einen neuen Einwand gegen den Vertrag eingebracht: Er fordert eine Ausnahmeregel für Tschechien bei der Menschenrechtscharta, wie sie Großbritannien und Polen haben. Der Staatschef argumentiert im Zusammenhang mit den Benes-Dekreten, ohne diese Regel könnten die Eigentumsgarantien der tschechischen Bürger im Zusammenhang mit eventuellen Eigentumsklagen seitens der Sudetendeutschen infrage gestellt werden.

Gerhard Zeihsel, Bundesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich (SLÖ), kritisierte die beim kommenden EU-Gipfel angestrebte Einigung zwischen der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft und Präsident Klaus. "Das Vertragsangebot der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft ist noch nicht im Wortlaut bekannt, aber wenn Vaclav Klaus zufrieden darauf reagiert, ist es ein Teufelspakt", so Zeihsel in einer Aussendung des Sudetendeutschen Pressedienstes (SdP) am Dienstag. "Damit würde Europa die deutschen Heimatvertriebenen aus seinem Grundrechtekatalog herauslösen", sagte Zeihsel. Der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, warnte in einer Aussendung vor "einer Inflation von juristisch sinnlosen, moralisch aber inakzeptablen (...) Klauseln". Menschenrechtliche Probleme in Europa könne man seiner Ansicht nach nur durch einen direkten Dialog mit den Betroffenen lösen; sonst werde die Frage der Benes-Dekrete noch in Jahrzehnten immer wieder auftauchen. (APA)

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Free Mind
00
27.10.2009, 15:11
entscheidung verschoben

auf 3.november !!!

Christoph ************
00
27.10.2009, 18:21

Die Vertagung um rund eine Woche ist keine Außerordentlichkeit. Es wurde schon damit gerechnet, dass das Urteil wohl nicht gleich am Auftaktstag gefällt werden kann. Daran tragen wohl auch die Senatoren Verantwortung die "am Rande der Obstruktion" agieren. Also anders formuliert, hart am Rand der Verfassung. Aber damit haben sie ja schon etwas mit dem Burgherrn Klaus gemein.

Wie auch immer, das VfG wird wohl in einer Woche ein Urteil fällen und mit ihrer Vorgehensweise haben die Senatoren sicherlich keine Pluspunkte für ihren Standpunkt herausgeholt. Lediglich eine Woche mehr Zeit, was wohl kaum eine Rolle spielen wird.

M. P.1
00
27.10.2009, 17:46

Dann sollen sie dem Klaus für den 4. November schon mal den Kuli bereit legen, und wenn er (sofern das Urteil erwartungsgemäß aussagt, dass der Lissabon Vertrag nicht verfassungswidrig ist) da nicht unterschreibt, soll gleich am 5. November die Verfassungsklage sowie ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Klaus wegen Amtsmissbrauchs eingebracht werden.

Mafi mauer
185
27.10.2009, 13:38
ich hoffe...

der präsident vaclav klaus ist klüger - und bleibt ein gegener des lissabon-vertrags...

leider haben unsere politiker kein rückrat und wollen uns diesen vertrag aufs auge drücken, ohne auf das zu hören, nämlich was das VOLK will...

Christoph ************
00
27.10.2009, 18:22

Laut Umfragen will "das Volk" in Tschechien, dass der Vertrag in Kraft tritt. Also sparen Sie sich ihre pathetischen Sprüche.

yomellamo
04
27.10.2009, 15:57

... jaja/..... das volk will natuerlich keine Grundrechte.

Der Cygeuner
23
27.10.2009, 15:48
Wissen SIE denn,

was "das Volk" will?

Mir geht die Präpotenz gehörig auf die Nerven, von Politikern beständig zu hören, was denn deren Wähler wollten, oder von Postern hier, was "das Volk" will.

Würden Sie abstimmen, wäre das Ergebnis wohl 51:49 oder 49:51. Vor der Wirtschaftskrise wär's wohl knapp gegen den Vertrag (den kaum wer gelesen hat) ausgegangen, heute wahrscheinlich knapp dafür. In keinem Fall kann man von einem "Volkswillen" sprechen.

zimbo
 
32
27.10.2009, 15:37
"Der Vertrag ist schlimmer, als er gedacht hatte", sagte er zu Putin.

Also warum sollte er seine Meinung ändern.

Und wir werden ja nicht gefragt, wie in einer Diktatur üblich.

Stattdessen gibts jede Menge Propaganda und Auftragsstudien.

Christoph ************
00
27.10.2009, 18:25

Klaus und Putin führen also ein Plauscherl über den Lissabonvertrag (während Klaus die Anrufe der schwedischen EU Präsidentschaft tagelang unbeantwortet lies), sozusagen "lupenreine" Demokraten unter sich. Wobei, Putin wurde wenigstens vom russischen Volk gewählt.

Gerry Mander
16
27.10.2009, 14:09
ja und was will das "volk"

freibier und schnitzel und pension mit 37½ jahren.

Ja wenn nur alle politiker auf das volk hören würden ging's uns gleich viel besser, oder?

Feindbild
00
4.11.2009, 14:16
Glaubens wirklich, dass Sie mit diesem "Prgramm" bei einer NR-Wahl bestehen würden?


Viel Glück! Eine Mitleidsstimme habens ;-)

Der auf der Nudelsuppen dahergschwommen is
 
23
27.10.2009, 13:27
"... der auf Achtung der Rechte und Freiheiten des Menschen und Bürgers basiert"

klar, dass er da die grundrechtecharta ablehnen muss...

rechterungustl
15
27.10.2009, 11:50
Tschechien

Ich bin oft und sehr gern in der Tschechischen Rebublik. Ich mag die Leute, ich mag das essen, ich mag das Bier, ich mag die tolle Lanschaft, und die wunderschönen Städte. Natürlich auch die wunderschönen Frauen.
Ich kann den Slawenhass der hierzulande seit der N*zizeit herscht nicht nachvollziehen.

Chris Quast
00
27.10.2009, 13:54

ja die städte sind wuuuuuunderschön. also bluten mussten die schon ordentlich während der kummerlzeit (war auch vor kurzem in tschechien und die orte die ich da durchquerte naja wuuuunderschön ist was anderes, ich denke mir wie runtergekommen müssen die wohl vor 20-25 jahren gewesen sein !!!) , dass europa sie jetzt an den tisch sitzen lässt wo sie hingehören ist auch richtig, aber könnten sie dann nicht das nasenbohren und furzen lassen ?

ok sie "sind" und waren lange die schmuddelkinder europas, aber man könnte dass ja ablegen, und extra versuchen musterschülerhaft zu sein, wäre sicher nicht zu deren schaden.

Christoph ************
00
27.10.2009, 18:27

Die Tschechen sind halt den Österreichern einfach zu ähnlich. Da kann man nichts machen.

Luky Pozzo
00
27.10.2009, 16:45

Mann könnte also versuchen.
Versuchen Sie's halt, Quast.

Aristarch
00
27.10.2009, 13:39
Das waren nicht die Nazis,

die Slawen haben viele hier in Österreich schon lange vor den Nazis verachtet. Das begann schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Kaisertum Österreich, als sich manche Slawen nicht mehr mit ihrer Rolle als zweitrangige Nationen einverstanden waren.

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
57
27.10.2009, 10:51

Wir hätten bei der Osterweiterung viel vorsichtiger vorgehen müssen. Bis auf Slowenien ist kaum eines der Länder politisch und wirtschaftlich reif genug für die EU. Man muss sich nur Rumänien und Bulgarien ansehen. Das ist doch dritte Welt.

Luky Pozzo
00
27.10.2009, 17:28

Kennen Sie das, Herr Eder:
"Herr Travnicek, was halten Sie von Rumänien?"

ü-strichal
13
27.10.2009, 12:32

rumänien und bulgarien 3. welt ??

also wenn ich mir das so durchlese ...

http://futurezone.orf.at/stories/1629089/

würde ich diese länder nicht als 3. welt bezeichnen ...

genau sowas würde ich mir von österreich auch wünschen, das ganze ist zwar in österreich noch nicht umgesetzt, wird aber wohl bald mal kommen, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass unsere politiker genug schneid haben das ganze abzulehnen.

und in zukunft wird wohl die eu mit solchen antidemokratischen entscheidungen einfach über die eu-staaten drüberfahren ... eu-vertrag sei dank

falafel 95
00
27.10.2009, 17:36

rum. bulg. 3 welt ? nein. 19. jahrhundert trifft wohl eher den zustand der beiden länder, auserhalb der großstädte.

M. P.1
14
27.10.2009, 11:56

Ich sehe nicht die Osterweiterung an sich als Fehler. Aber den Lissabon Vertrag (bzw. wie immer er dann geheißen hätte) hätte man schon vor der Osterweiterung gebraucht. Das wurde leider verschlafen.

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
00
27.10.2009, 16:07

Die Osterweiterung ansich ist ja kein Fehler sondern die Art wie sie durchgeführt wurde. Es hätte strengere Aufnahmekriterien gebraucht und man hätte mehr Reformen fordern und diese Notfalls auch mit politischem Druck erzwingen müssen.

Meine Wünsche an die EU wären:
-mehr soziale Gesetzgebung (einheitliche Regelungen zu Abtreibungen, Homoehe, Krankenversicherungen, uvm.)
-einheitliche Regelungen für die Wirtschaft (Arbeitsrecht, europaweite Lohnanpassung, einheitliche Regelungen zur Unternehmenskreditvergabe, übernationale Bankenkontrolle, Unterstützung für Neu-Unternehmer, Anpassung der Lohnnebenkosten [Senkung], uvm.)
-einheitliche Außen- und Verteidigungspolitik zur Stärkung der Rolle Europas in der Welt
-Energiepolitik
uvm.

Herzerzog Johann
43
27.10.2009, 11:23
... viel vorsichtiger ...

Und was unterscheidet in Bezug auf "Reife" Österreich von diversen "anderen Ländern"?

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