Das immer kargere Leben der Fischer im Golf von Triest

26. Oktober 2009, 23:49
posten

Nicht nur Überfischung gefährdet die Existenz der rund 200 Berufsfischer im Golf von Triest

Sie müssen zahlreiche EU-Regelungen befolgen, die nicht auf die lokalen Gegebenheitenabgestimmt sind.

Triest – Die naturräumlichen Faktoren im Golf von Triest bieten für den Fischbestand von jeher schlechte Bedingungen. Das seichte marine Becken gleicht einer Sackgasse im Meer. Das glasklare Wasser ist arm an Nährstoffen, es führt wenig Plankton. Ohne die "Bora" , einen Kontinentalwind aus dem Norden, fände kein Wasseraustausch mit der mittleren Adria statt. Dieser Fallwind durchmischt innerhalb zweier Tage die gesamte Wassersäule. In der Region konnte sich auf Grundlage nachhaltigen Wirtschaftens trotz der von Natur aus geringen Artenvielfalt eine Tradition des Fischfangs ausbilden und halten.

Der Golf bietet der marinen Fauna schwierige Verhältnisse für die Fortpflanzung. Daher ist der Fischfang im August verboten und im Winter nur eingeschränkt möglich. Die Fischsaison dauert im Schnitt drei Monate, etwa von Mai bis Juli. Am "Molo Veneziano" in Triest ankern die typischen Fischerboote mit großen Lampen. Mit "lampare" werden die Fischgründe im Sommer nachts bis zum Boden ausgeleuchtet. Im Herbst und Winter werden nur noch "reti di posta" , kleinere Fischernetze, ausgeworfen, um die Reproduktion nicht zu stören.

100.000 Euro Startinvestition

Die Brüder Paolo und Guido Degrassi fischen in einer kleinen Mannschaft. Beide kämpfen um ihre Existenz. Guido Degrassi erzählt: "In meiner Kindheit rissen die Käufer uns die Ware schon an der Mole aus der Hand. Doch heute lässt sich vom Fischfang keine Familie mehr ernähren." Sein Monatsverdienst beträgt mittlerweile höchstens 600 Euro. Im Vergleich dazu die Investitionskosten: mindestens 100.000 Euro für Fischereilizenz, Boot und diverse Geräte. Zusätzlich zur geringen Ausbeute gefährdet Importware den Lohn der Fischer, da sie die Marktpreise drückt. Immer mehr Fischer müssen auf Nebenberufe ausweichen. Es gibt Männer, die für den Unterhalt ihrer Familie nachts fischen und tagsüber in Fischgeschäften arbeiten.

Über Jahrzehnte haben staatliche Förderungen das Überleben der Fischer gesichert. Das Problem der Kommerzialisierung traf damals nur die Großhändler. Heute setzt sich die EU dafür ein, dass diese Unterstützung reduziert wird, und fördert die Schaffung von Produktionskooperationen. Eine dieser Zusammenschlüsse wird von Guido Doz geleitet. Der 47-jährige Triestiner betreibt zahlreiche Fischgeschäfte in der Stadt und koordiniert eine große Mannschaft mit sieben Fischerbooten. In seinem Team arbeiten als Teilnehmer eines Sozialprojektes vor allem Arbeitslose, frühere Alkoholiker und Ex-Häftlinge.

Guido Doz ist auch Präsident der Associazione Generale Cooperative Italiane della Pesca (AGCI). Diese Kooperative setzt sich ähnlich wie drei weitere Initiativen der Provinz für den wirtschaftlichen Aufschwung des Fischereiwesens unter nachhaltigen Aspekten ein. Ebenso unterstützt die von der EU finanzierte AGCI die Aufwertung alten Wissens über Fischfang und -zubereitung.

Alles neu überdenken

Auch wenn die Initiativen zur Stärkung des Fischfangs nicht immer an einem Strang ziehen, sind sich die Fischer in einem Punkt einig. Der traditionelle Fischfang muss in der nationalen und internationalen Gesetzgebung mehr Beachtung finden. Bestehende Gesetze sind überholt, vor allem da der Fischfang aufgrund der steigenden Nachfrage industrieller geworden ist. Alle Stufen der Wertschöpfungskette, von der Distribution bis hin zur Konservierung, müssen neu überdacht werden.

Unter den Fachleuten herrscht großer Unmut darüber, dass die EU sämtliche Fischereibetriebe, ob groß oder klein, auf eine Ebene stellt. Guido Doz bezeichnet die Situation im Golf als überkontrolliert und kritisiert, dass Sportfischer mit effizienterer Ausstattung keine Regeln einhalten müssen. Doch die größte Konkurrenz kommt von kroatischen Fischern, die sich nicht um EU-Gesetze kümmern müssen. Guido Digrassi und sein Bruder bekamen vor sechs Jahren eine hohe Geldstrafe, da sie vergessen hatten, auf einem Etikett den lateinischen Namen einer Fischart zu vermerken.

Lauscht man den Erzählungen der Fischer, wird bald klar, dass das einfache Fischerhandwerk auf großer Fingerfertigkeit und tradiertem Wissen gründet. Der lokale Fischfang orientierte sich mit seinen schonenden Methoden und Fangpausen schon immer am Prinzip der Nachhaltigkeit. In den letzten Monaten hat sich die Zahl der Triestiner Fischer, auch infolge von Pensionierungen, auf rund hundert halbiert. Hält der Trend an, dann läuft auch das kulturelle und handwerkliche Erbe der Fischer Gefahr, in Vergessenheit zu geraten.(Ute Mörtl/DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2009)

  • Hart war das Leben der Fischer im Golf von Triest schon immer (eine historische Aufnahme).
    foto: civico museo del mare di trieste

    Hart war das Leben der Fischer im Golf von Triest schon immer (eine historische Aufnahme).

  • Heute bleiben die Netze immer öfter leer.
    foto: mörtl

    Heute bleiben die Netze immer öfter leer.

Share if you care.