Der Filmneid der Schreibenden

26. Oktober 2009, 18:55
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Tagebuch zur Viennale, Teil 2

Wohin man als Schreibende und Schreibender zwangsläufig gelangt und auch gelangen muss: Diese Sprache ist eine reine Lügensprache. Wie man's dreht und wendet, die dreht und wendet sich doch immer in dieselbe Einheitsrichtung, dumme Sprache, unsere Sprechrichtung, die eine Muttermilchrichtung ist. Aufgesogen, aufgezogen, Wissen inhaliert und Erfahrung, aber trotzdem fehlt die Möglichkeit zum eigenen Ausdruck, der lässt sich nicht festhalten, der ist keine Bekanntschaft, nicht mal eine flüchtige, der bleibt einem unbekannt. Einheitsform, Einheitssprech, großartig tradiertes Machtverhältnis, das in jeder Wortanordnung steckt und sich nicht abschütteln lässt.

Der Versuch, etwas Wahres zu sagen, wird ohnehin überbewertet, das Anliegen, etwas darzustellen, auszustellen, ein hehres Bemühnis. Wie etwas abbilden, ohne bloß nachhallfreier Abklatsch zu sein, wie auf etwas hinweisen mit Sprache, wenn das Entkommen aus der vermaledeiten Struktur nicht gelingen kann? Der Dialog, der den sozialen Kontext zwischen die Zwischenmenschlichkeit packt, steckt selbst in der sozialen Konvention fest, die unterm Sprechmuster wabert.

Ein Dialog, der vielleicht der Konvention entginge: Sprechen in dem Wissen, dass nichts Großes mehr kommt, ein Sprechen in großer Müdigkeit und dass das aber gut ist so, ein Sprechen in einer Parallelwelt (aber nicht fantastisch!), frei von Moral. Theater als Ort frei von Moral ohnehin, wozu sonst das Ganze?

Ein vielleicht sinnvoller Ansatz: das Bemühen, diesen Ort zu verteidigen gegen das, was aus jedem eigenen Wort drängt, das Geschwür abschneiden. Aber alles auch nur Krücke irgendwie, weil Sprache schließlich ja dann doch auch eine Krücke ist und sonst nichts, vielleicht darum das Beste: nichts sagen, kein Text, und wenn, dann O-Ton, wie zum Beispiel Rimini Protokoll, keine Fiktionstheaterei.

Deprimierende Schreibeinsicht, Filmneid: Das Erzählen ohne Krücke, ohne Text, und mehr sagen als mit Sagen, zum Beispiel Gigante von Adrián Biniez: Dieser Mann, ist der ein Liebender oder ein Stalker und wo fängt das eine an, wo hört das andere auf, oder: Ist das eigentlich so wichtig? Weil das Schöne doch das Betrachten ist, ohne das, was man betrachtet, in ein Muster einzuordnen, was, wenn Sprache als gewichtiger Teil des Ganzen auftritt, aber automatisch passiert: Sprache ist immer schon gleich eine Zuweisung.

In Gigante ist die Sprache die Krücke, die sie ist, Gigante sagt: Sprache wird überbewertet. Und darum spricht man nur, wenn's sein muss, und was gesprochen wird, hat keine große Bedeutung. Das Relevante hier nicht vorformuliert vorgesetzt, sondern etwas, das entsteht zwischen dem Bild, und dem, der das Bild sieht; Bild, das so genau ist, wie kein Satz je sein kann, und trotzdem kein aufgezwungenes "So ist das", sondern selbst entscheiden als Zuseher, oder eben einfach zusehn, weil: das ist dann eben so, und was das eigentlich genau ist, ist auch nicht so wichtig, und dabei: kleiner, feiner Humor, der sich nicht aufdrängt, den immer noch übersehen kann, wer will, wer nicht hinschauen mag als Ganzer, sondern sich nach Behelfskrücke sehnt. (DER STANDARD/Printausgabe, 27.10.2009)

Zur Person:

Gerhild Steinbuch, Autorin und Dramatikerin, besucht derzeit für den Standard die Viennale.

  • Sprache wird überbewertet: Jara (Horacio Camandule, re.), schweigsamer Held, und Kollegen aus Adrián Biniez' "Gigante".
    foto: viennale

    Sprache wird überbewertet: Jara (Horacio Camandule, re.), schweigsamer Held, und Kollegen aus Adrián Biniez' "Gigante".

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