Geschichte aus "Resten, die nicht aufgehen"

26. Oktober 2009, 18:54
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    foto: viennale

    Tumult im Saal: Der Filmemacher gerät bei einer Premiere zwischen die Fronten der ideologisierten Auseinandersetzung.

Thomas Heises aufschlussreicher Deutschland-Dokumentarfilm "Material"

Was zwischen 1989 und 1990 in Deutschland geschah, haben die Historiker inzwischen ganz gut rekonstruiert und interpretiert. Es fehlt bei all den Darstellungen vielleicht eine, aus der die euphorische Anarchie dieser Tage hervorgeht und die ein Gefühl für die Offenheit des historischen Prozesses vermittelt. Thomas Heises zweieinhalbstündiger Dokumentarfilm Material stellt sich diese Aufgabe nicht direkt, sondern gelangt aus einer Position der Marginalität zu verblüffenden Eindrücken.

Wie schon in Eisenzeit, für den er bald nach der „Wende" ein in der DDR verhindertes Projekt über die "Kinder des Sozialismus" (vier Jugendliche aus Eisenhüttenstadt) wiederaufnahm, steht auch Material im Zeichen einer Rekapitulation. Aufnahmen von einem DDR-Gefängnis in Brandenburg oder einer Sitzung der DDR-Volkskammer zum Ausschluss ehemaliger Mitarbeiter der Staatssicherheit etwa fügen sich nicht zu einem homogenen Ganzen, es sind "Reste, die nicht aufgehen", die aber dadurch wesentlich dazu beitragen, dass Historiografie nicht einfach der Saldierung von Geschehnissen dient, sondern sie ergebnisoffen hält. Und zwar bis heute.

Thomas Heise war 1989/90 in der inzwischen ehemaligen DDR unterwegs, zum Teil mit einer frühen Videokamera. Die Szenen, die er damit gedreht hat, sind seine Form des Direct Cinema, und sie zählen, gerade weil sie in Material in teilweise sehr ausführlichen Blöcken präsentiert werden, zu den aufschlussreichsten Dokumenten für spezifische Ausdrucksformen der DDR.

An einer wichtigen Stelle bezieht sich Material, wie es von einem Film zu erwarten ist, der sich als Arbeitsjournal ausgibt, auch aufs Werk Heises zurück. Er zeigt Aufnahmen von der Premiere seines Films Stau - Jetzt geht's los in Halle 1992. Die rechtsradikalen Jugendlichen und ihre Familien, um die es in Stau geht, sitzen im Publikum. Von außen wird die Veranstaltung durch linke Proteste gestört, der Filmemacher gerät mit seiner Arbeit zwischen die Fronten einer ideologisierten Auseinandersetzung und macht gerade diese Position seinerseits wieder zu Material. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 27.10.2009)

Material: 27. 10., Urania, 20.30 Uhr; Wh.: 29. 10. Stadtkino 12.00 Uhr

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