Das Libro-Abenteuer der Telekom

26. Oktober 2009, 18:29
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Die Staatsanwaltschaft wirft den Beklagten vor, beim Einstieg der Telekom Austria 1999 faktisch wertlose Aktien verkauft zu haben

Wien - In der Anklage zur Causa Libro spielt auch die Beteiligung der Telekom Austria AG (TA) an dem Handelsunternehmen eine zentrale Rolle. Die TA hatte sich 2000 mit 25 Prozent plus einer Aktie um 85,5 Mio. Euro eingekauft, noch im selben Jahr schrieb sie die Beteiligung völlig ab.

Wie berichtet, werden von der Staatsanwaltschaft Wr. Neustadt die Ex-Libro-Manager Andre Rettberg und Johann Knöbl, die Ex-Aufsichtsräte Kurt Stiassny und Christian Nowotny sowie Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann als Beschuldigte geführt. Die Anklage ist nicht rechtskräftig, die Beschuldigten, die etliche Privatgutachten zu ihrer Entlastung vorgelegt haben, bestreiten alle Vorwürfe (Betrug, Untreue, Bilanzfälschung bzw. Beihilfe dazu). Es gilt die Unschuldsvermutung.

Illiquide Gesellschaft

Den Einstieg der Telekom Austria rund um den Libro-Börsengang im November 1999 sieht der Staatsanwalt so: "Es gelang den Beschuldigten, (...) Investoren - darunter auch zahlreiche Kleinanleger - zum Ankauf von 2,76 Mio. Stück Libro-Aktien zu einem Gesamtkaufpreis von 77,56 Mio. Euro zu verleiten. (...) Der Ausgabepreis von zumindest 29 Euro je Aktie (...) entsprach keinesfalls dem Wert der zu diesem Zeitpunkt buchmäßig überschuldeten und faktisch illiquiden Gesellschaft", die Aktien hätten für den Bezieher letztlich "keinerlei Wert dargestellt".

Die Telekom sei ins Boot geholt worden, weil die "Altaktionäre" rund um Rettberg, Knöbl und Unternehmensinvest AG (UIAG unter Stiassny) ihre einst von der Wlaschek-Gruppe gekauften Libro-Aktien "möglichst zeitgleich mit dem Libro-Börsengang veräußern" wollten, "um zumindest einen gewinnbringenden Teilausstieg aus der 1999 wirtschaftlich bereits schwer angeschlagenen Libro AG zu ermöglichen".

Da die "Altaktien für einen Verkauf an der Börse nicht die erforderliche Attraktivität aufwiesen", sei ein strategischer Partner für ein größeres Aktienpaket gesucht und bald die gerade erst privatisierte und vor ihrem eigenen Börsengang stehende Telekom Austria gefunden worden.

Ab Spätsommer 1999 sei "unter großem Zeitdruck und Vorspiegelung einer massiv geschönten Vermögens- und Ertragslage der Libro AG" verhandelt worden. Vor allem der Internetbereich lion.cc sowie der geplante Aufbau eines Telefoniebetreibers ("librotel") sei für die Telekom Austria "maßgeblich" für ihren Einstieg gewesen.

Späte Veröffentlichung

Ende Oktober verpflichtete sich die TA zum Kauf von 25 Prozent plus einer Aktie (35,5 Prozent der Aktien der Altaktionäre), zum Abschluss eines Syndikatsvertrags und zur Kooperation in Sachen Internetstrategie. Ende Jänner 2000 wurde der Vertrag geschlossen: Die Telekom kaufte um 85,45 Mio. Euro rund 2,4 Mio. Aktien; Closing und Überweisung in zwei Tranchen fanden im März statt.

Freilich sei die "negative Entwicklung von Libro unvermindert" und "weiterhin verschleiert" weitergegangen, erst im Februar 2001 (Bilanzstichtag für das Geschäftsjahr 2000/2001) sei die "bereits seit November 1999 faktische Wertlosigkeit der Libro-Aktie öffentlich bekannt geworden", schreibt der Ankläger. Auch diese Darstellung wird von den Beschuldigten bestritten. Das Ausgleichsverfahren wurde Ende Juni 2001 eröffnet, der Konkurs Mitte Juni 2002.

Für die Telekom Austria endete das Abenteuer Libro rasch: Nachdem sie den Kaufpreis im März 2000 bezahlt hatte, erkannte sie "die vollständige Wertlosigkeit ihrer Beteiligung an der Libro AG" und schrieb selbige bereits in ihrer Bilanz 2000 ab: auf null Euro.(Renate Graber, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 27.10.2009)

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    Mit Libro ging es laut Staatsanwaltschaft Wr. Neustadt bereits bergab, als das Management die Aktiengesellschaft noch als äußerst attraktiv bewarb. Die Angeklagten bestreiten die Vorwürfe.

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