"Stellt sich die Frage, wie man davon leben soll"

26. Oktober 2009, 18:32
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Rund 1000 Euro netto verdient ein Schularzt in Wien - für eine eigene Kassenpraxis bleibt bei einem 20-Stunden-Vertrag aber keine Zeit

Wien - Dagmar Kissler betreut als Schulärztin drei Volksschulen, zwei Hauptschulen und die Modeschule Hetzendorf. Für ihren 20-Stunden-Vertrag erhält sie im Monat rund 1000 Euro netto. "Es stellt sich schon die Frage, wie man davon leben soll", sagt Kissler. Einsteigerinnen, so die Personalvertreterin, würden mit einem Nettogehalt von 800 Euro beginnen.

Schulärztinnen und Schulärzte an Wiener Pflichtschulen sind bei der MA 15 (Gesundheitsdienste) angestellt. Früher gab es Wartelisten, so beliebt war der Job. Früher - das war bis vor fünf Jahren. Seit dem 1. September 2004 werden neuangestellte Ärzte nicht mehr nach den lukrativen Gruppensonderverträgen entlohnt, sondern nach dem Besoldungsschema der Stadt Wien. Ärzte mit alten Verträgen erhalten rund das Doppelte. Und das bei weit flexibleren Stundenregelungen.

Starre Stundenregelung

Denn für Neuanfänger gibt es ausschließlich 20-Stunden-Verträge. Eine eigene Kassenordination als zweites berufliches Standbein ist dadurch nicht mehr möglich. "Man bekommt mit einem 20-Stunden-Vertrag keinen Vertrag bei der Gebietskrankenkasse mehr", sagt Kissler. Einige Kollegen würden sich mit Vertretungen bei praktischen Ärzten behelfen, um finanziell über die Runden zu kommen. "Wir erhalten außerdem keinerlei Zulagen wie andere Gemeindebedienstete und müssen die jährlichen 50 Stunden Fortbildung auch noch selbst bezahlen", moniert Kissler. Die 20 Wochenstunden würden ohnehin nicht ausreichen, fast alle Kolleginnen und Kollegen würden mehr arbeiten - "wir bekommen aber nicht einmal Zeitausgleich". Das Hauptproblem ist laut Kissler, "dass immer so getan wird, als wäre Schulärztin zu sein ein netter Zuverdienst für die Frauen der toll verdienenden Ärzte".

Kissler und vier Kolleginnen haben bereits 2005 einen Brief an Bürgermeister Michael Häupl (SP) geschrieben, in dem sie auf die eklatante Schlechterstellung im Vergleich zu Schulärzten mit alten Verträgen hinwiesen. Eine Antwort erhielten sie aus dem Büro der damaligen Gesundheitsstadträtin Renate Brauner: "... die Bemühungen der Stadt Wien zur Stabilisierung der Personalkosten haben dazu geführt, dass mit Wirksamkeit 1. September 2004 Neuanstellungen nur mehr nach dem für alle Mitarbeiter der Stadt Wien geltenden Besoldungsschema entlohnt werden. Alle davor abgeschlossenen Dienstverträge unterliegen der alten Regelung, in diese kann nicht eingegriffen werden."

Bei jeder Besoldungsreform gebe es eben einen Stichtag, heißt es bei der zuständigen MA 15. Verträge über 20 Stunden hinaus würden wenig Sinn machen, weil ja die Schüler meist nur am Vormittag in den Schulen seien.

Bei der Wiener Ärztekammer ist man der Ansicht, dass die Bezahlung der Wiener Pflichtschulärzte "nicht standesgemäß" ist. "Aber die Strukturen in Wien sind sehr starr", sagt Gudrun Weber, die Leiterin des Schulärzte-Referats. Noch dazu seien die Arbeitsbedingungen nicht gerade optimal. "Sehr viel Arbeitszeit", so Weber, "fließt in Organisatorisches." So müssten die Schulärzte häufig sogar die Impfstoffe selbst von den Gesundheitsämtern abholen.

Nur Pflichtprogramm

Noch dazu haben die Ärzte und Ärztinnen an Pflichtschulen pro Wochenstunde 100 Kinder zu betreuen, bei den Schulärzten an den Bundesschulen liegt der Schnitt bei 60 Kindern. "Da bleibt neben Impfungen und den Pflichtuntersuchungen keine Zeit mehr für Gespräche", sagt Weber. "Dabei könnten Schulärzte echte Gesundheitsbegleiter für die Jugendlichen sein. Noch dazu werden Schulärzte an AHS und BMHS mit einem Stundentarif von 172,20 Euro brutto wesentlich besser bezahlt. Die Verträge sind flexibler und reichen von Acht- bis - in Ausnahmefällen - 20-Stunden-Verpflichtungen, da geht sich eine eigene Praxis aus."

"Über die Schulärzte können alle Kinder erreicht werden", sagt Sigrid Pilz, die Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen. Die Stadt Wien vertue sich eine große Chance. Schulärzte müssten wieder ordentlich entlohnt werden und deutlich verbesserte Arbeitsbedingungen haben, fordert Pilz. "Die medizinische Ausstattung an den Pflichtschulen lässt oft sehr zu wünschen übrig." (Bettina Fernsebner-Kokert/DER STANDARD, Printausgabe, 27. Oktober 2009)

Wissen

An den 6500 österreichischen Schulen sind derzeit rund 2500 Schulärzte und Schulärztinnen tätig. Laut Bildungsministerium werden jedes Jahr 1,2 Millionen Schüler untersucht oder geimpft. Die Aufgabe der Schulärzte ist im Schulunterrichtsgesetz § 66 bundesweit geregelt. Die Schulärzte an Bundesschulen (AHS, BMHS) haben einheitliche Dienstverträge. Schulärzte an Volks-, Haupt-, Berufsschulen und Polytechnischen Lehrgängen fallen in die Zuständigkeit der Länder oder Gemeinden.

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    Schlechte Verträge und kaum Zeit für die Patienten: Wiens Schulärzte arbeiten unter schwierigen Bedingungen

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