Die Stadt aus der Gefangenenperspektive

26. Oktober 2009, 18:08
1 Posting

Italoamerikaner Abel Ferrara hat in "Napoli Napoli Napoli" eine Dokufiction gedreht

Wenn Tony Soprano mit zweien seiner "soldiers" von New Jersey nach Neapel reist, mischt sich Italien-Sehnsucht mit Unvermögen. Christopher bleibt im Hotelzimmer, um in Ruhe Heroin zu spritzen, Paulie kommt weder mit den Meeresfrüchten auf der Pasta noch mit dem Zustand der Toiletten klar, und Tony, der Boss, mag partout nicht gutheißen, dass die Geschäfte auf dieser Seite des Atlantiks von einer Frau geführt werden, noch dazu von einer, mit der er gern ins Bett ginge. Als er sich endlich dazu durchringt, sie als Geschäftspartnerin zu akzeptieren, zieht sie ihn mit seinem offenkundigen Begehren auf. Er flüchtet in Grobheit: "Ich scheiße nicht, wo ich esse."

Wenn Abel Ferrara von New York nach Neapel reist, folgt er einer ähnlichen Sehnsucht wie die Mafiosi aus der HBO-Serie, das Ergebnis freilich sieht ganz anders aus. In Napoli Napoli Napoli, einer Mischung aus klassischer Dokumentation und kruder Fiktion, schaut der Regisseur sich vor allem an, wie es in den Gefängnissen der Stadt zugeht. Im Männerknast weiß die Kamera gar nicht, wohin mit sich, so voll belegt ist die Zelle. Immerzu ist das Sichtfeld verstellt, von einem Bettpfosten, einem Handtuch, einem Oberkörper. Die Frage nach dem Scheißen und dem Essen stellt sich auf so drängende Weise, dass Tony Soprano eine Panikattacke bekäme.

Vom Alltag in Neapel

Im Frauengefängnis Pozzuoli führt der Regisseur ausführliche Interviews mit den Insassinnen. Dabei kommt viel vom Alltag und vom Wirtschaften in Neapel zum Vorschein. Die meisten Frauen sitzen wegen Drogenhandels ein, viele sind mit Männern verheiratet, die für die Camorra arbeiten, manche sind Witwen, viele haben Kinder und fürchten, dass die den gleichen Weg gehen wie sie. Als eine der Insassinnen nach Roberto Savianos Buch über die Camorra gefragt wird, zögert sie eine Weile, dann sagt sie: "Es ist wahr."

Der Tonfall ist oft klagend - wie, so die einhellige Meinung, soll man sich an Gesetze halten, in diesen Zuständen? Ein Bewusstsein von Handlungsspielräumen und individueller Verantwortung gibt es nicht, was zunächst erstaunt. Sobald man jedoch erfährt, wie wenige Jahre diese Frauen zur Schule gegangen sind, wird es verständlicher. Ferrara besucht zudem die Viertel, aus denen die Frauen stammen, die Quartieri Spagnoli in der Innenstadt sowie Scampìa, das 70er-Jahre-Neubaugebiet am Stadtrand mit seinem architektonischen Ungeheuer "Le vele". Hier spricht er mit Anwohnern, Sozialarbeitern und einem auf die Camorra spezialisierten Journalisten, was den Eindruck von Verwahrlosung und Chancenlosigkeit, den die Interviews in Pozzuoli hervorrufen, noch bekräftigt.

Leider gibt sich Napoli Napoli Napoli damit nicht zufrieden. Die fiktiven Handlunsgsstränge, die Ferrara ins Dokumentarische einbaut, haben etwas Unbeholfenes und Forciertes. Was der Film in Scampìa oder in Pozzuoli entdeckt, ist hart genug. Es um erfundene Hinrichtungs- und Missbrauchsszenen zu ergänzen hat etwas Spekulatives. (Cristina Nord, DER STANDARD/Printausgabe, 27.10.2009)

Napoli Napoli Napoli: 28. 10., Urania, 21.00 Uhr; Wh.: 31. 10., Gartenbau, 23.00 Uhr

  • Regisseur Abel Ferrara sieht sich im Männerknast um und findet mehr als einen Schmerzensmann.
    foto: viennale

    Regisseur Abel Ferrara sieht sich im Männerknast um und findet mehr als einen Schmerzensmann.

Share if you care.