Waisenkind aus Vietnam als neuer Polit-Star

26. Oktober 2009, 17:47
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Philipp Rösler (FDP) wird jüngster deutscher Minister

Ob Willi von Hannover nach Berlin mitkommt, ist noch nicht ganz klar. Willi - eine Handpuppe - hat dem jungen FDP-Politiker Philipp Rösler jedenfalls schon viele gute Dienste erwiesen. In seinem früheren Leben, als Rösler noch Arzt war, musste er oft Kinder beruhigen, die Angst vor einer Spritze hatten. Dann hat er immer Willi eingesetzt und verlieh ihm seine Stimme, selbstverständlich ohne die Lippen zu bewegen.

Bauchreden kann Rösler also auch. Vermutlich gibt es nichts, was er nicht kann - zumindest, wenn man so manchem in der FDP Glauben schenkt. Diese Woche wird der 36-jährige Shooting-Star der FDPals jüngster Minister Deutschlands vereidigt - und die Liberalen triumphieren. Rösler gilt nicht nur wegen seiner "Jugend" als schillerndste Figur im schwarz-gelben Kabinett.

Geboren wird die "Wunderwaffe der FDP" (tageszeitung) 1973 in Vietnam. Als neun Monate altes Baby adoptiert ihn ein deutsches Ehepaar, das selbst schon zwei leibliche Kinder hat. Er wächst in Hamburg, Bückeburg und Hannover auf. Die Eltern trennen sich, als er vier Jahre alt ist. Rösler bleibt beim Vater, einem Bundeswehroffizier, und tritt selbst in die Bundeswehr ein. Er wird Sanitätsoffizier, studiert Medizin und ist gerade dabei, sich als Augenarzt zu etablieren, als seine Polit-Karriere beginnt. Mit 27 schon ist er FDP-Generalsekretär in Niedersachsen, 2006 übernimmt er den Vorsitz der FDP-Landesgruppe, Anfang 2009 ist er bereits niedersächsischer Wirtschaftsminister.

"Es hat sich oft zufällig ergeben" , beschreibt er seine Laufbahn. Weniger leicht tun sich in Niedersachsen die CDU-Kollegen. Dort heißt Rösler anfangs nur "der Chinese" . Als er 2006 zum ersten Mal nach Vietnam reist, um sein Geburtsland kennenzulernen, wird der Besucher hingegen für einen Japaner gehalten.

Rösler nimmt derlei locker. Schon als Kind hat ihm sein Vater erklärt, warum er anders aussieht als andere deutsche Kinder. Als junger Mann sei er schon öfter angepöbelt worden, erzählte Rösler einmal. Aber nicht, weil er Asiate ist, sondern wegen seines Engagements für die FDP.

Klar, es gab Zeiten, da fragte sich Rösler, ob er vielleicht ein "verschollener Prinz" sei. Doch längst ist Niedersachsen seine Heimat. Von Hannover nach Berlin umziehen wollte er nicht, da seine Ehefrau Wiebke, ebenfalls Medizinerin, vor einem Jahr die Zwillingsmädchen Grietje und Gesche zur Welt brachte. Jetzt macht er es doch. Aber auf ewig will Rösler nicht Politiker bleiben. Mit 45 Jahren, hat er verkündet, "ist Schluss". (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2009)

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