"Der Hahn gehört gerupft"

26. Oktober 2009, 17:39
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Die Proteste an den Unis gehen weiter, aber die Studenten kämpfen zunehmend mit der Basisdemokratie

Soll der Minister eingeladen werden? Am Mittwoch wird jedenfalls wieder demonstriert.

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Auf dem Podium des Audimax kauern Studenten in dicken Schlafsäcken. Andere sind schon wach, manche stolpern schlaftrunken zum Kaffeeautomaten. Mit Instantkaffee und Aufstrichbroten (Sorte: Bohne Apfel) rüsten sie sich am Nationalfeiertag für Tag fünf der Besetzung des größten Hörsaals der Wiener Uni.

Die Studenten haben eine weitere Nacht auf hartem Boden verbracht, und das sieht man ihren Gesichtern am Montagmorgen an. Hart sind aber auch die politischen Bretter, an denen die Besetzer bohren. Kurz vor 10 Uhr, als manche Studenten mit zusammengerollten Schlafsäcken aus der Uni schlendern - während ihnen Kollegen mit Bierdosen entgegenkommen, um sie abzulösen -, teilt Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) beim Sonderministerrat anlässlich des Nationalfeiertags mit, er sehe keinen Grund, auf die Studentenforderungen einzugehen. Die Fronten zwischen Politik und Studenten sind verhärtet.

"Wir wollen, dass die Bevölkerung uns versteht und dass die Bildungspolitik wieder ein Thema wird" , sagt im Audimax eine Studentin mit dunklen Augenringen. Es ist jetzt kurz nach elf, drinnen wird das Audimax langsam zumindest halbvoll, und die Studenten halten ihr Plenum ab: jene Versammlung, in der die Studenten ihr Vorgehen besprechen. Am Podium steht ein Grüppchen von zwölf Studierenden, die abwechselnd reden: gelebte Basisdemokratie, ein Protest ohne Führung. Die Themen reichen von "Bildungsgerechtigkeit" bis "Müll wegräumen" .

Auf die Wand sind die sieben zentralen Forderungen an die Regierung projiziert: Die beinhalten Überschriften wie "Bildung statt Ausbildung" und "Demokratisierung" der Universitäten, aber auch konkrete Punkte, etwa eine Frauenquote von 50 Prozent in allen universitären Bereichen.

Doch wie soll Hahn, der Wissenschaftsminister, die Hörsaalbesetzung durch "Demokratisierung" beenden, wie lässt sich ein Bildungssystem in einer Woche retten? "Es gibt keine Exit-Strategie" , räumt im Pressezentrum die Wirtschaftsstudentin Rahel Süß ein, "denn wir haben nicht die eine Sache, die passieren muss, damit wir gehen." Es wird also besetzt - bis auf weiteres.

Ihre basisdemokratische Ausrichtung macht den Studenten zu schaffen. Am Sonntag gab es noch 30 Arbeitsgruppen: von der Finanzierung (des Bildungssystems) bis zum Aufräumen (von Bierdosen und Zigarettenstummeln). Heute sind es nur noch 20 Arbeitsgruppen. Die Pressebeauftragte sagt, sie wolle nicht mit der Presse reden, "weil wir eine basisdemokratische Initiative sind" .

Im Plenum kann jeder sprechen und unterbrechen. Ein geplanter Vortrag über Burschenschaften führt etwa zu einer knapp einstündigen Diskussion über Redefreiheit und Rechtsextremismus.

Um halb eins wird Hahn auch Thema im Plenum: Soll man den Minister einladen? "Es ist nicht sicher, dass wir nächste Woche noch da sind" , warnt eine Rednerin am Podium. Man solle Hahn möglichst bald einladen, meint jemand. "Er muss sich das erst verdienen" , entgegnet ein Zwischenrufer. Und wieder die Diskussion über Basisdemokratie: "Wir können ihn nicht einladen, und jeder sagt irgendwas. Der Hahn zerreißt uns" , sagt eine Rednerin. Ein anderer ruft wiederum vom Podium herunter, "der Hahn" müsse sich "genauso hinten anstellen wie wir" .

Um den Protest des besetzen Audimax auch nach außen zu tragen, haben am Montag etwa 100 Studierende den Tag der offenen Tür des Wissenschaftsministeriums am Nationalfeiertag für eine Flashmob-Aktion genützt. Um "fünf vor zwölf" stieg der Lärmpegel unter den gemächlichen Feiertagsbesuchern schlagartig in die Höhe: Gerupfte Quietschhähne und "Kikeriki" -Rufe hallten durch die ministeriellen Prunkräume am Minoritenplatz. Der Minister war freilich nicht in seinem Büro. Auch der friedliche Protestzug zurück zur Uni Wien blieb laut: "Der Hahn gehört gerupft!" "Wessen Bildung? Unsere Bildung" , wurde skandiert.

Die Proteste sollen jedenfalls weitergehen. Den Dienstag rief die ÖH zum "Tag der freien Bildung" aus, um auf "Missstände im Bildungsbereich hinzuweisen" . Fixe Programmpunkte sind Hörerversammlungen an der Uni Graz sowie den Technischen Universitäten in Graz und Wien.

Um 12 Uhr mittags ist am Dienstag eine Kundgebung auf der Uni-Rampe geplant, am Mittwoch soll es in Wien ab 17 Uhr eine Großdemo geben. "Bis Mittwoch haben wir ein dickes Programm, und wir entscheiden jeden Tag aufs Neue, was zu tun ist" , richtet Studentin Rahel dem Wissenschaftsminister aus. (Lukas Kapeller und Tanja Traxler, DER STANDARD/Printausgabe, 27.10.2009)

 

  • Protest macht auch müde. Manche Studenten waren am fünften Tag der Besetzung schon angeschlagen. Aber der Protest geht weiter.
    foto: robert newald

    Protest macht auch müde. Manche Studenten waren am fünften Tag der Besetzung schon angeschlagen. Aber der Protest geht weiter.

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