Elegantes Kammerspiel des Triebstaus

27. Oktober 2009, 12:26
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Premiere von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk": Bei der ersten Premiere der letzten Saison von Direktor Ioan Holender gab es Zustimmung für Regie, Sänger und Dirigenten.

Wien - Mit letalen letzten Sprüngen hat die Staatsoper mitunter so ihre Problemchen. Man erinnert sich an Tosca und ihre unfreiwillige Komik beim finalen Abgang von der Engelsburg. Und auch nun bei Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk war der Selbstmord-sprung der Zentralfigur Katerina Ismailowa von eher zaghafter Verkrampfung - nichts war da von jener Entschlossenheit zu bemerken, mit der man diesem dramatischen Akt der Selbstbeseitigung theatrale Unmittelbarkeit verleiht.

Für die Gesamtperformance von Angela Denoke bleibt dies unerheblich: Sie ist das musikalische und szenische Zentrum dieser Produktion; und ihre gestalterische Intensität ist frei von Opernklischees, wodurch sie die Figur der Katerina von jeglicher Eindimensionaliät befreit. Denoke ist die gelangweilte, in einer trostlosen Ehesituation (klangschön als zu ermordender Gatte: Marian Talaba) eingekerkerte und erotikfixierte Träumerin. Sie ist die vom Schwiegervater Boris gequälte und begrapschte Kreatur, die den Mord an diesem arroganten Machttypen diskret durchführt. Sie ist indes auch die fragile, in sich gespaltene Frau, die letztlich in die Liaison mit dem brutalen Heuchler Sergej (tadellos Misha Didyk) gleichsam halb bewusst hineintorkelt.

Schließlich ist sie aber auch eine dieser Welt entrückte (gesanglich delikat lyrische) Verletzte, die im Arbeitslager von diesem moralfreien Lügner, dem sie nach wie vor verfallen ist, eine letzte Demütigung erfährt - und danach ihre Konkurrentin Sonjetka (einprägsam trotz kurzen Auftritts Nadia Krasteva) in den Abgrund stürzt.

Regisseur Matthias Hartmann hat nicht nur Denokes Möglichkeiten gekonnt instrumentalisiert - zustande gekommen ist ein Kammerspiel des Triebstaus, das auch den guten Staatsopernchor als Kollektiv der genau gezeichneten Individuen zeigt. Durch klare, kühle Räume kommt es zusätzlich zu Verdichtungen der Eindrücke: eine kahle Spielfläche, zwei begrenzende Wände (die auch als Filmleinwand fungieren) und ein Bett - das ist jene räumliche Basisanordnung (Bühnenbild: Volker Hintermeier), mit der Hartmann lange Zeit auskommt und mit der er alle Aufmerksamkeit auf die Figuren lenkt.

So kann sich auch Kurt Rydl als Schwiegervater Boris ungestört in Pose werfen: Er dirigiert gerne seine Untergebenen, er drangsaliert Katerina mit seinem Begehren; und effektvoll wirkt sein letztes Aufbäumen als alternder Geilspecht, der sich in Fantasien von juveniler Virilität hineinsteigert. Bevor er - von Katerina vergiftet - zusammensackt.

Riesige Schattenfiguren

Bezüglich des Erotischen weicht Hartmann ins Überdimensionale aus: Da finden sich dann Katerina und Sergej (bei ihrem ersten Liebesakt unter einem Tuch unsichtbar) zu riesigen Schattenfiguren vergrößert und im Rhythmus der Musik hochaktiv. Allerdings: Es ist dies nicht nur ein weiterer Beleg dafür, dass Hartmann elegante szenische Lösungen findet. Vielmehr wirkt dies auch als Symptom dafür, dass bei ihm jede Lösung etwas Diplomatisches und Vorsichtiges hat. Als wollte er der Drastik des Geschehens die Schärfe nehmen. So wirkt seine Arbeit in der Tendenz elegant und hin und wieder komisch. In der Darstellung einer brutalen Gesellschaft (samt Vergewaltigung) immer aber stilisiert und verspielt. Es ist wohl so: Jeder ästhetische Ansatz hat seine Stärken und Schwächen.

Für etwas mehr Wucht ist der instrumentale Sound zuständig: Dirigent Ingo Metzmacher setzt auf Klarheit und Transparenz, schafft es allerdings durchaus, die vielen emotionalen Schattierungen der Partitur vor dem Gefrieren zu bewahren. So kommt der philharmonische Sound natürlich im Melancholischen (man hört auch die Orchesterversion des 1. Satzes des 8. Streichquartetts) zur Geltung. Die bissige Unmittelbarkeit der Musik lebt indes mehr durch Lautstärke (in den Zwischenspielen) auf als durch die nötige Schärfe von Klang und Phrasierung. Wäre also in jeder Hinsicht mehr drin gewesen in dieser akklamierten ersten Premiere der letzten Saison von Direktor Ioan Holender. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 27.10.2009)

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    Ein gefährliches Paar an der Staatsoper: Misha Didyk (als Sergej) und Angela Denoke (als Katerina).

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