Tom Holert

Besetzen und begreifen

26. Oktober 2009, 18:39
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    foto: apa/georg hochmuth

    "Vernetzte Probleme" : Streiksignale in der Kunstakademie (o.) und vor der Uni Wien (u.).

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    foto: apa/herbert pfarrhofer

Dass die Streikbewegung der Studierenden gerade in einer Kunsthochschule, also an einem Ort für ästhetische Gegenentwürfe, ihren Ausgang nahm, ist von hohem Symbolwert für die politische Relevanz des Konflikts

Vielleicht ist die neoklassizistische Aula der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz die perfekte Bühne für den Aufstand. In dieser sakralen Halle, die sich als ästhetisches Statement ihres Architekten Theophil Hansen so schön selbst genügt, kann und muss man sich eigentlich nur danebenbenehmen. Und das ist ein enormer strategischer Vorteil. Die Vollversammlungen, Arbeitsgruppentreffen, Partys und Vortragsveranstaltungen, die hier seit letzten Dienstag stattfinden, nutzen ihn und produzieren symbolhaltige Kontraste - zwischen dem klassizistischen Appell an stille Versenkung und der Intensität kollektiver Debatten, zwischen der starren Geometrie des Ortes und einer möglichst offenen und beweglichen selbstorganisierten Praxis.

Die Entwicklungen, die zum Streik an der Akademie der bildenden Künste und zu ihrer Besetzung geführt haben, sind unterschiedlich skaliert. Richtet sich die Kritik einerseits auf sehr lokale, spezifische Zustände an dieser Hochschule (Widersprüche zwischen in monatelanger Gremienarbeit vorbereitetem Entwicklungsplan und ökonomischer Realität, über deren Ausgestaltung letztlich das Rektorat entscheidet; Verhandlungen über Leistungsvereinbarungen zwischen Rektorat und Wissenschaftsministerium usw.), zielt sie andererseits auf großmaßstäbliche Veränderungen des Bildungswesens (gegen die umfassende Ökonomisierung und Entdemokratisierung von Forschung und Lehre; gegen die Schere zwischen Elitestudien und Bachelor-Fabriken - mit der Forderung nach selbstbestimmtem Lernen und Lehren usw.).

Was aus den laufenden Ereignissen aber ein "Ereignis" im Sinne eines Bruchs macht, ist die Art und Weise, wie sie unmittelbar einleuchten lassen, dass Mikro und Makro untrennbar sind. Partikularinteressen müssen im Kontext internationaler Kämpfe um Zugänge zu Bildung und Umverteilung von Wissenshoheiten verhandelt werden:

Will man von Bachelor/Master sprechen, darf man über neoliberale Rationalität nicht schweigen. Und die sich verschlechternden Bedingungen der Ausbildung von Künstler/inne/n, Architekten, Kunsterziehern, Kulturwissenschaftern und Restauratoren betreffen nicht nur eine exklusive Minderheit, sondern verweisen auf die Schließung der Spielräume für soziales Handeln, für demokratische Verhältnisse und für Lebensformen im Allgemeinen.

Nicht repräsentativ...

Den Aktivisten und Aktivistinnen an der Akademie, Studierenden wie Lehrenden, ist der hohe Vernetzungsgrad der eigenen Probleme äußerst bewusst. Immer wieder stellen die Redebeiträge ein Wissen darüber her, wie der Kampf um emanzipatorische Bildungsstrukturen verbunden ist mit einem Kampf gegen weltweit wachsende Ungleichheiten.

Es wäre deshalb falsch, eine Singularität am Schillerplatz zu behaupten. Als Kunstuniversität mag die Akademie nicht repräsentativ sein für das Bildungssystem, aber sie ist eben auch alles andere als eine Ausnahmeerscheinung. Die Auseinandersetzungen, die an diesem Ort geführt werden (vgl. http://malen-nach-zahlen.at), ziehen nicht nur viele Leute aus anderen Bildungs- und Forschungszusammenhängen an, sie sind auch an der Ausweitung der Streik- und Besetzungsaktionen auf die Universität Wien und die Karl-Franzens-Universität Graz beteiligt.

...aber symptomatisch

Am Konflikt in der Akademie lässt sich zudem ablesen, wie groß die Abhängigkeit von einer politischen Ökonomie der "Krise" gerade dort geworden ist, wo die "Freiheit" (der Künste und der Wissenschaften, aber eben auch die, ein anderes Leben zu führen) ein vermeintlich unantastbares Gut darstellt. Wenn nicht einmal jener Raum geschützt werden kann, der einer zählebigen Ideologie zufolge dazu ausersehen ist, ästhetische Gegenentwürfe zur bestehenden Ordnung zu entwickeln, wie steht es dann erst um die Unabhängigkeit des politischen und wissenschaftlichen Denkens, das sich gegen die allseits suggerierte Alternativlosigkeit der ökonomischen Logik richtet?

Dass an den Universitäten momentan etwas passiert, was keinem vorgegebenen Skript folgt, weil durch das Zusammenführen und Zusammendenken unterschiedlicher Positionen, Themen und politischer Äußerungsformen eine erst zu begreifende (und nicht immer schon begriffene) Situation entstanden ist, kann als ein erster Erfolg gewertet werden. Die Aulen und Hörsäle sind besetzt. Das sollten sie bleiben. In mehr als nur einer Bedeutung. (Tom Holert, DER STANDARD/Printausgabe, 27.10.2009)

Der Autor, geb. 1962 in Hamburg, Kulturwissenschafter und Kunsthistoriker, lehrt an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zuletzt erschien von ihm: "Regieren im Bildraum" (Berlin 2008, bbooks/Polypen).

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 31
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Seria
00
27.10.2009, 17:08

grundsätzlich ist es gut wenn Studenten ihren Unmut über diverse Zustände äußern. Solange sie sich im rahmen der österr gesetze bewegen sollen auch alle student Verbindungen, jeglichen Couleurs, Zugang haben. Es ist zu hoffen, daß der "Studentenaufstand" gegen unmögliche Platzbedingungen und Zugangslimitierung sich weiter ausweitet, bis "die da oben" reagieren. Ansonsten wird ja nur vor den Wahlen versprochen

soiell
11
27.10.2009, 12:45
kunst von unten

seit mehr als ein jahrzehnt entwickelt sich eine nicht elitäre kunst in wien. dort wo die auseinandersetzung zwischen leben und ästhetik zusammen prallen. diese kunst ist herausfordern weil es nicht um selbstreproduktion geht sondern das leben begreift. deshalb sind die aktionen auf der universität eine bestätigung. die bildung soll nicht in wirschaftliche leistung ausarten. persönlichkeit und freies denken leiden wenn kreativität und kunst zu kurz kommen. menschlich ist unsere wirtschaft nicht, es ist aber möglich sie zu verändern aber nur wenn wir selbständig denken. das bild von rauchende studenten, die bei der besetzung musik hören ist was die medien reproduzieren. lob den kommentar die ein anders bild zeigt.

nogawa
412
27.10.2009, 00:54

im gerade zu ende gegangenen plenum wurde beschlossen, dass kein burschenschafter, der offen seine zugehörigkeit zu eben dieser zeigt zugang aufs unigelände der uni wien haben und von diesem verwiesen werden soll. erstens wer glauben die egtl zu sein so etwas beschließen zu können und zweitens ist es wohl nun offenkundig keine studentische sondern eine linke demo.

qball
00
27.10.2009, 17:02
und wenn links?

hätten sie ein problem damit, wenn studierende vorwiegend links wären?

Le'Mac
02
27.10.2009, 13:53

ich dachte sie wären basisdemokratisch?!?

Michael Jack Dundee
 
01
27.10.2009, 14:36
In Österreich gilt

basisdemokratisch = links

Krawuzi Kabuzi
02
27.10.2009, 18:19

Eh klar, weil die rechten in Ö nix mit Demokratie im Sinn haben...

Krawuzi

p-e-p
41
27.10.2009, 09:00

Hat das irgendetwas mit der in diesem Artikel behandelten Aktion an der Akademie der bildenden Künste zu tun?

p-e-p
51
27.10.2009, 10:17

Noch einmal: Was hat ein angeblich an der Uni Wien gefaßter Beschluß mit der Akademie zu tun?

nogawa
11
27.10.2009, 10:32

nunja.. zusammengeführtes politisches denken ist es wohl kaum, so wie in DIESEM artikel beschrieben.. und mit ANGEBLICH hat der beschluß auch nichts zu tun, wenn man den livestream verfolgt hat.
und was haben diese zwei postings überhaupt mit dem artikel gemein?

p-e-p
21
27.10.2009, 13:36

Also noch einmal: Was können die BesetzerInnen an der Akademie für Beschlüsse der Uni Wien?

nogawa
11
27.10.2009, 13:46

ich beziehe mich auf den letzten absatz, der beginnt mit "dass an den universitäten etwas passiert...". und sofern von der akademie nicht in majestätsplural gesprochen wird versteh ich nicht was es an meinem posting nicht zu verstehen gibt.

p-e-p
00
27.10.2009, 14:54

Ja dann sind selbstverständlich alle überall für alles verantwortlich, wie konnte ich das nur übersehen. Geht's noch?

Christoph Karl Steininger
13
27.10.2009, 00:05
Die Studenten sollten es nicht mit simplen Besetzungen bewenden lassen!

Sie sollten die Lehre selbst organisieren, als Genossenschaft wenns sein muß. Die Universitätsverwaltung ist offensichtlich nicht in der Lage eine funktionierende Lehre in Gang zu halten. Das Ministerium funktioniert nur als Zier der ÖVP und zu sonst nix!

thinkingplaces
01
26.10.2009, 22:46

Exzellenter Kommentar!

Zinnmo
 
26
26.10.2009, 22:09
Gelehrtensprech...

Zugegeben - es ist wohltuend, wenn Debatten nicht auf Kronenzeitungsniveau geführt werden. Aber mit seinem überkomplizierter Stil schadet der Kommentators seiner Seite der Debatte mehr, als er ihr nützt. Kommen Kunst und Wissenscahft nicht raus aus dem Elfenbeinturm wird die Sympathie der breiten Masse nur sehr schwer zu erringen sein.

biberkopf
00
28.10.2009, 08:06

die allgemeine bildungsfeindlichkeit (vor allem was humanistische, nicht direkt verwertbare bildung anbelangt), die in großen teilen der österreichischen gesellschaft verankert ist, ist sicherlich mitschuld an der misere. dein posting bestätigt das... die stumpfsinnigkeit geht mit der ökonomisierung hand in hand.

3ch0
02
27.10.2009, 10:41

Die 'breite Masse' interessiert sich einen Dreck für die Vorgänge an der Uni, und hat auch keinen Dunst;
Die sieht doch nur "typische" Studenten beim Demonstrieren... (bis es an Themen geht, die sie selbst angehen?)

Diese Debatte MUSS zuallererst im "Elfenbeinturm" geführt werden (damit der Protest sich "universalisiert")
Genau DAS ist die eigentliche Aufgabe einer ges. Studentenschaft: Kritik leben. Veränderung gestalten. Politik machen.

Poldi Fesch
00
27.10.2009, 12:37
schau mal, wer

da wo streikt. Die TU nicht, das Juridikum nicht, die ueblichen Verdaechtigen halt. Vom Studentenstreik direkt in geschuetzte Werkstaetten

stookie
00
27.10.2009, 21:32

Die Uni Wien schon. Die Bildende schon. Die TU schon. Die BOKU jetzt auch. Einzig und allein das Juridicum und die WU nicht. Wobei sich die ÖH der WU solidarisch erklärt hat mit den Anliegen und morgen auch ab 16 Uhr eine Demo bei der WU stattfindet, die sich um 17 Uhr der Demo der Uni Wien anschließt.

Dazu streiken auch die TU Graz, die Uni Graz, die Uni Linz, die Uni Salzburg, die Uni Innsbruck, die Uni Klagenfurt, FH Campus Wien.

Sind schon mehr als nur "ein kleiner Haufen Chaoten". Verharmlosen Sie nicht das Problem.

Poldi Fesch
00
27.10.2009, 23:17
der TU

geh ich nach; taet mich ueberaschen.

3ch0
00
27.10.2009, 15:35

es ist erst der Anfang...
wirst schon sehen, wohin "Bologna" die europäischen Unis treibt.. und um die daraus resultierende Debatte voranzutreiben, braucht es mehr als ein paar 'Hippies' im zB AudiMax;
Nämlich intellektuelle Verarbeitung der strukturiellen Mängel, politische Agitation pro/contra div. Interessen aus dem Arbeitsmarkt, interinstitutionelle Organisation, etc etc...
{k.A., ich bin ja kein strategischer Bildungsökonom!}

und: natürlich kommen die ersten Stimmen aus der Kultur- und Sozialwissenschaft: die haben nämlich keine wirtsch. Schwerpunktlobby, wie zB. Wirtschaftsinformatik oder Molekularbiologie...
{oder k.A., bin ja kein - eh schon wissen}

Lang ist es her, als die Weisen noch durch Akademnos' Gärten flanierten..

Poldi Fesch
00
27.10.2009, 15:56
:) ich hab das

schon irgendwo gepostet. Nachdem jetzt die "ersten" Neffen u. Nichten im 1. Semester sind, haben wir gleich so einen Fall. Erstsemestrige Publizistikstudentin streik, TU- Haberer ist fassungslos, dasz die nichts besseres zu tun haette. Eine Beziehung mit Ablaufdatum

rochus
00
29.10.2009, 20:36

grande poldi!

Der Freund Deiner Frau
00
27.10.2009, 11:02

gute Antwort!

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