Besetzen und begreifen

26. Oktober 2009, 18:39
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Dass die Streikbewegung der Studierenden gerade in einer Kunsthochschule, also an einem Ort für ästhetische Gegenentwürfe, ihren Ausgang nahm, ist von hohem Symbolwert für die politische Relevanz des Konflikts

Vielleicht ist die neoklassizistische Aula der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz die perfekte Bühne für den Aufstand. In dieser sakralen Halle, die sich als ästhetisches Statement ihres Architekten Theophil Hansen so schön selbst genügt, kann und muss man sich eigentlich nur danebenbenehmen. Und das ist ein enormer strategischer Vorteil. Die Vollversammlungen, Arbeitsgruppentreffen, Partys und Vortragsveranstaltungen, die hier seit letzten Dienstag stattfinden, nutzen ihn und produzieren symbolhaltige Kontraste - zwischen dem klassizistischen Appell an stille Versenkung und der Intensität kollektiver Debatten, zwischen der starren Geometrie des Ortes und einer möglichst offenen und beweglichen selbstorganisierten Praxis.

Die Entwicklungen, die zum Streik an der Akademie der bildenden Künste und zu ihrer Besetzung geführt haben, sind unterschiedlich skaliert. Richtet sich die Kritik einerseits auf sehr lokale, spezifische Zustände an dieser Hochschule (Widersprüche zwischen in monatelanger Gremienarbeit vorbereitetem Entwicklungsplan und ökonomischer Realität, über deren Ausgestaltung letztlich das Rektorat entscheidet; Verhandlungen über Leistungsvereinbarungen zwischen Rektorat und Wissenschaftsministerium usw.), zielt sie andererseits auf großmaßstäbliche Veränderungen des Bildungswesens (gegen die umfassende Ökonomisierung und Entdemokratisierung von Forschung und Lehre; gegen die Schere zwischen Elitestudien und Bachelor-Fabriken - mit der Forderung nach selbstbestimmtem Lernen und Lehren usw.).

Was aus den laufenden Ereignissen aber ein "Ereignis" im Sinne eines Bruchs macht, ist die Art und Weise, wie sie unmittelbar einleuchten lassen, dass Mikro und Makro untrennbar sind. Partikularinteressen müssen im Kontext internationaler Kämpfe um Zugänge zu Bildung und Umverteilung von Wissenshoheiten verhandelt werden:

Will man von Bachelor/Master sprechen, darf man über neoliberale Rationalität nicht schweigen. Und die sich verschlechternden Bedingungen der Ausbildung von Künstler/inne/n, Architekten, Kunsterziehern, Kulturwissenschaftern und Restauratoren betreffen nicht nur eine exklusive Minderheit, sondern verweisen auf die Schließung der Spielräume für soziales Handeln, für demokratische Verhältnisse und für Lebensformen im Allgemeinen.

Nicht repräsentativ...

Den Aktivisten und Aktivistinnen an der Akademie, Studierenden wie Lehrenden, ist der hohe Vernetzungsgrad der eigenen Probleme äußerst bewusst. Immer wieder stellen die Redebeiträge ein Wissen darüber her, wie der Kampf um emanzipatorische Bildungsstrukturen verbunden ist mit einem Kampf gegen weltweit wachsende Ungleichheiten.

Es wäre deshalb falsch, eine Singularität am Schillerplatz zu behaupten. Als Kunstuniversität mag die Akademie nicht repräsentativ sein für das Bildungssystem, aber sie ist eben auch alles andere als eine Ausnahmeerscheinung. Die Auseinandersetzungen, die an diesem Ort geführt werden (vgl. http://malen-nach-zahlen.at), ziehen nicht nur viele Leute aus anderen Bildungs- und Forschungszusammenhängen an, sie sind auch an der Ausweitung der Streik- und Besetzungsaktionen auf die Universität Wien und die Karl-Franzens-Universität Graz beteiligt.

...aber symptomatisch

Am Konflikt in der Akademie lässt sich zudem ablesen, wie groß die Abhängigkeit von einer politischen Ökonomie der "Krise" gerade dort geworden ist, wo die "Freiheit" (der Künste und der Wissenschaften, aber eben auch die, ein anderes Leben zu führen) ein vermeintlich unantastbares Gut darstellt. Wenn nicht einmal jener Raum geschützt werden kann, der einer zählebigen Ideologie zufolge dazu ausersehen ist, ästhetische Gegenentwürfe zur bestehenden Ordnung zu entwickeln, wie steht es dann erst um die Unabhängigkeit des politischen und wissenschaftlichen Denkens, das sich gegen die allseits suggerierte Alternativlosigkeit der ökonomischen Logik richtet?

Dass an den Universitäten momentan etwas passiert, was keinem vorgegebenen Skript folgt, weil durch das Zusammenführen und Zusammendenken unterschiedlicher Positionen, Themen und politischer Äußerungsformen eine erst zu begreifende (und nicht immer schon begriffene) Situation entstanden ist, kann als ein erster Erfolg gewertet werden. Die Aulen und Hörsäle sind besetzt. Das sollten sie bleiben. In mehr als nur einer Bedeutung. (Tom Holert, DER STANDARD/Printausgabe, 27.10.2009)

Der Autor, geb. 1962 in Hamburg, Kulturwissenschafter und Kunsthistoriker, lehrt an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zuletzt erschien von ihm: "Regieren im Bildraum" (Berlin 2008, bbooks/Polypen).

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    "Vernetzte Probleme" : Streiksignale in der Kunstakademie (o.) und vor der Uni Wien (u.).

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