Pointen, die im Hals steckenbleiben

26. Oktober 2009, 17:09
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Johann Nestroys "Häuptling Abendwind oder das gräuliche Festmahl" als müde Klamotte

Wien - Kafka, der Meister im Verdichten absurder Züge aus der Realität, fantasierte einmal von einem Theaterdirektor, der alles, was er für die Aufführung braucht, selbst von Grund auf schaffen muss - einschließlich der Schauspieler.

Ein wenig konnte man bei der neuesten Volksopern-Premiere an dieses Bild denken. Direktor Robert Meyer hat Häuptling Abendwind, Nestroys Neutextierung der Offenbach-Operette Vent du Soir, schon einmal mit Erfolg im Vestibül des Burgtheaters gegeben, was für ihn wohl Anlass war, dieses Stück als unaufwändige Produktion zur Vermeidung von Schließtagen in sein Programm einzubinden. Allerdings handelte es sich damals um eine One-Man-Show - ein Metier, in dem Meyer schlicht unübertrefflich ist. Davon kann man sich mit Nestroys Tannhäuser-Persiflage auch in dieser Saison wieder überzeugen.

Das aktuelle Produkt dreieiniger Personalunion - Meyer als Direktor, Regisseur und Darsteller - geriet allerdings weit weniger glücklich. Das lag nicht so sehr an der spartanischen Ausstattung der Menschenfresser-Story und ihren fantasielosen Robinson-Crusoe-Kostümen, sondern an einer fast gänzlich fehlenden Pointierung.

Schon musikalisch blieb Béla Fischers Einrichtung für ein winziges, auf der Bühne akustisch oft verlorenes Ensemble, das unter seiner Leitung weitgehend pannenfrei zu keinerlei Linie fand, trüb. Schwerer wog aber, dass auch die Inszenierung großteils müde dahinholperte. Abgesehen von Meyer selbst als köstlichem Staatsgast in einer Fantasieuniform in Gaddafi-Manier und Heinz Zubers leichtem Esprit als Koch wurde das "gräuliche Festmahl" zahnlos serviert.

Zumal die Darsteller selbst den zahllosen Pointen offenbar nicht vertrauen wollten - weder Nestroys Wortspielen, die zu flachen Kalauern wurden, noch aktuellen Witzen auf Kosten von FPÖ und BZÖ rund um "Lebensmensch" und "Bärental" .

Eigenes Rollenprofil fanden dabei weder Carlo Hartmann als schenkelklopfender, näselnder Abendwind, noch Elisabeth Schwarz, die dessen Tochter Atala als sauber trällernde Soubrette gab. Und schon gar nicht Christian Drescher, der den Arthur witzlos nahe an einer Kopie des Urkomödianten Meyer anlegte. Ein tragfähiges Lustspielgebäude sieht anders aus. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 27.10.2009)

Aufführungen:
30. 10., 4., 17. u. 19. 11., 10. (16.30) u. 29. 1., 20.00

  • Unrunde Arbeit eines Allrounders: Robert Meyer.
    foto: dimov/volksoper

    Unrunde Arbeit eines Allrounders: Robert Meyer.

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