"Man kann sogar um das Leben feilschen"

26. Oktober 2009, 17:21
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Der philippinische Regisseur Brillante Mendoza erzählt in "Lola" von Alltagsgewalt, den Mühlen der Justiz und der Würde der Alten

Dominik Kamalzadeh traf Brillante Mendoza zum Gespräch.

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Standard: Mit dem brutalen Kidnapping-Drama "Kinatay" und "Lola" hatten Sie dieses Jahr gleich zwei Filme auf Großfestivals im Wettbewerb. Gibt es eine Verbindung zwischen den Arbeiten - in beiden geht es ja um unterschiedliche Formen von (Alltags-)Gewalt?

Mendoza: Kinatay war ein schwieriger Film, schwierig zu drehen und schwierig auch als Zumutung für das Publikum. Danach wollte ich etwas ganz anderes machen. Obwohl Lola ein Projekt war, das wir bereits vor zwei Jahren begonnen hatten, dachte ich erst jetzt, dass der richtige Moment für den Film gekommen sei. Er verfügt über eine andere Art der Darbietung und, wie Sie schon gesagt haben, über eine andere Art von Gewalt als Kinatay. Es gibt Zusammenhänge auf einer systemischen Ebene, auf der die Geschichten gedeihen: Dieses Mal geht es um alte Menschen und um den Justizapparat - das berührt soziale Fragen, die auch in Kinatay gestellt werden.

Standard: Es ist eine ungewöhnliche Wahl, zwei Großmütter ins Zentrum zu stellen, die unterschiedliche Seiten eines Justizfalls repräsentieren. Wie kam es dazu?

Mendoza: Die Grundidee entstand durch eine Meldung im Fernsehen, in der es um den Tod zweier Enkelkinder im Teenageralter ging. Wir sahen, wie deren Großmütter um sie trauerten: Das war ein vielsagendes, starkes Bild. Tatsächlich ist es so, dass den Großmüttern in den Familien eine zentrale und hochrespektable Rolle zukommt: Sie sind es vor allem, die über den Zusammenhalt wachen und auf die Nachkommen aufpassen. Auf den Philippinen ist der Familiensinn generell sehr stark. Selbst wenn man heiratet und Kinder bekommt, bleibt man oft noch im gleichen Haus - vor allem in ärmeren Schichten ist das eine Selbstverständlichkeit. Diese Orte sind dann oft sehr eng und überfüllt.

Standard: Die eine Großmutter ist mit dem Täter verwandt, die andere mit dem Opfer. Beide kämpfen mit Hingabe um ihre Enkel. Was eint die beiden in Ihren Augen?

Mendoza: Mir ging es um eine Art Testfall für deren Menschlichkeit und Würde. Wenn arme Leute solche Erfahrungen machen, hoffnungslos sind und vor allem auch nicht die Mittel haben, um ihre Probleme zu lösen, ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sie weiterkämpfen. Ein sehr bedeutendes soziales Thema: Wie lässt sich so etwas Fundamentales, wie einen Toten zu begraben, hinbekommen - und wie holt man jemanden aus dem Gefängnis raus, wenn für beides Geld benötigt wird? Es geht um ganz essenzielle Bedürfnisse - ein Begräbnis ist sehr teuer, aber man will die Würde der Toten erhalten. Das ist etwas, was ich an diesen Leuten bewundere. Und das ist auch eine Mahnung an die jüngere Generation, den Respekt vor den Alten nicht zu verlieren - der geht ja zurück.

Standard: Man hat es im Film mit einer bestimmten Klasse und einem konkreten Ort zu tun: Die Familie des Opfers lebt in einem dieser Häuser am Fluss.

Mendoza: Diese Situation ist sehr verbreitet auf den Philippinen. Der Ort liegt in Manila, auf einem Areal, das praktisch das ganze Jahr hindurch überflutet ist. In der Regenzeit ist es natürlich besonders schlimm, umgekehrt sinkt der Wasserspiegel während des Sommers. Es ist eine außergewöhnliche Gemeinschaft, die sich auf Verhältnisse einzustellen vermag, die eigentlich ziemlich hoffnungslos erscheinen: ökonomisch oder hinsichtlich der Gewalt.

Standard: Wasser ist im Film ja allgegenwärtig - auch durch den Dauerregen ...

Mendoza: ... das Wasser ist auch eine Metapher, da eigentlich der Ursprung allen Lebens. Zugleich kann es aber katastrophische Wirkung haben, also mit dem Tod eng verbunden sein, gerade in einer überfluteten Gegend mit verschmutztem Wasser.

Standard: Die Kamera kommt den Personen in "Lola" immer sehr nahe und begleitet sie auf Schritt und Tritt. Wollten Sie eine Art physische Zeit vermitteln?
Mendoza: Wie schon in früheren Filmen habe ich versucht, eine Art Echtzeit herzustellen. Ich möchte nicht nur, dass man fühlt, was _meine Charaktere erleben, son-dern auch ein Gefühl der Umwelt und der Stimmungen, der ganzen übergeordneten Situation vermitteln.

Standard: Das scheint auch eine Funktion des Tons zu sein: Man hört alle möglichen Geräusche des Umfelds. Da herrscht ganz schön viel Lärm.

Mendoza: Weil der Lärm Teil unserer Kultur ist. Alle meine Beobachtungen sollen die Situation ergänzen, ich versuche, das Publikum, so weit es mir möglich ist, dasselbe erfahren zu lassen wie die jeweilige Figur. Vor allem wenn man an einem Ort wie den Philippinen lebt, wo alles sehr laut und hektisch ist. Es gibt oft keinen Unterschied zwischen innen und außen, zwischen Tag und Nacht - die Geräuschkulisse hält an. Der Lärm ist ein wesentlicher Teil unserer täglichen Existenz.

Standard: Die Schauspielerinnen, Anita Linda und Rustica Carpio, zeigen die Mühsal im Kampf mit der Institution. Wollten Sie diese durchs Alter unterstreichen?

Mendoza: Ja, denn der Punkt ist doch der, dass diese älteren Menschen einen Kampf ausfechten müssen, der selbst uns, die wir jung und kräftig sind, zermürben kann. Umso härter ist es für uns, diesem Gang durch schwierige Situationen zu folgen. Ich zeige die Korruption auf vielen Ebenen, die Ungereimtheiten des Justizsystems. Zugleich sieht man, dass die Institutionen das Beste versuchen, um zu helfen. Angesichts der Situation und der Möglichkeiten der Regierung bleibt einem nicht viel Wahl: Man muss mit der Lage leben, das Beste aus ihr herausschlagen. Mir geht es darum zu zeigen, was wirklich passiert und wie es passiert - und was die Menschen daraus machen. Egal, wie hoffnungslos alles erscheint. Das macht den Film in meinen Augen realistischer. Ich theoretisiere und predige nicht, was ich als Person denke: Ich will bloß alles zeigen. Menschen können aus solchen Situationen Vorteile ziehen, sie können aber auch helfen. Es ist wie bei einer Balance - einer Balance zwischen zwei Seiten.

Standard: Aus europäischer Sicht ist es sehr verwunderlich, dass man ein Totschlag-Delikt finanziell regeln kann.

Mendoza: So ist es. Vor allem für die armen Menschen gilt: Man kann sogar um das Leben feilschen. Das Herzzerbrechende daran ist, dass man als jemand, der arm ist, damit umgehen muss - je nachdem, wie hoch das Angebot ist. Aber wenn man reich ist, kann man sich einfach freikaufen.

Standard: Etwas anderes: Das philippinische Kino ist im Moment sehr präsent. Betrachten Sie sich mit Lav Diaz, Raya Martin oder Khavn de la Cruz als Teil einer Bewegung?

Mendoza: Wir sind alle Teil einer Gruppe: Als philippinische Filmemacher stehen wir einer internationalen Gemeinschaft gegenüber: mit unseren Unterschieden und jeweils anderen Stilen. Unsere Bewegung ist, wenn man so will, das philippinische Kino der Welt zu präsentieren. Wir arbeiten unabhängig voneinander, vor allem ich habe meine eigene Produktionsfirma. Insofern stimmt beides: Wir sind nach außen eine Gruppe und daheim eher unabhängig.

Standard: Auf der Viennale gibt es derzeit auch ein Lino-Brocka-Tri-bute. Wie wichtig war er für Sie?

Mendoza: Er ist sehr bedeutend für mich, weil er dem philippinischen Kino die Unabhängigkeit gebracht hat. Ich sehe ihn nicht nur als Filmemacher, sondern als Ermöglicher. Stilistisch ist er mir nicht so nahe, allerdings teile ich mit ihm das Interesse an sozialen Themen - und das, was er damals in den 70er- und 80er-Jahren aufgegriffen hat, ist heute immer noch aktuell. (DER STANDARD/Printausgabe, 27.10.2009)

Lola: 28. 10., Metro, 16.00 Uhr ; Wh.: 4. 11., Gartenbau, 15.30 Uhr

  • "Lola" heißt auf Tagalog Großmutter - in Brillante Mendozas gleichnamigem Film kämpft eine solche (Anita Linda, li.) um ein Begräbnis  für ihren ermordeten Enkel.
    foto: viennale

    "Lola" heißt auf Tagalog Großmutter - in Brillante Mendozas gleichnamigem Film kämpft eine solche (Anita Linda, li.) um ein Begräbnis für ihren ermordeten Enkel.

  • Brillante "Dante" Mendoza (49) ist ein philippinischer Filmregisseur. Er studierte an der Universität Santo Tomas in Manila, arbeitete fürs Theater, TV und als Produktionsdesigner. 2005 gab er mit "Masahista" sein Filmdebüt, das in Locarno ausgezeichnet wurde. In Cannes wurde er dieses Jahr für "Kinatay", der sehr kontrovers aufgenommen wurde. als bester Regisseur ausgezeichnet - im Jahr davor war er dort bereits mit "Serbis" im Wettbewerb vertreten.
    foto: viennale

    Brillante "Dante" Mendoza (49) ist ein philippinischer Filmregisseur. Er studierte an der Universität Santo Tomas in Manila, arbeitete fürs Theater, TV und als Produktionsdesigner. 2005 gab er mit "Masahista" sein Filmdebüt, das in Locarno ausgezeichnet wurde. In Cannes wurde er dieses Jahr für "Kinatay", der sehr kontrovers aufgenommen wurde. als bester Regisseur ausgezeichnet - im Jahr davor war er dort bereits mit "Serbis" im Wettbewerb vertreten.

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