Grüne, 123people.at und ÖBB "gewinnen" den "Big Brother Award"

26. Oktober 2009 09:24
  • Artikelbild
    grafik: big brother awards

Auch Unternehmen Tiger Lacke und das Finanzministerium "ausgezeichnet" - Positivpreis dieses mal nicht vergeben

Das Unternehmen Tiger Lacke, das Finanzministerium, drei Abgeordnete der oberösterreichischen Grünen, Russel E. List-Perry - Geschäftsführer der Personensuchmaschine 123people.at - und die ÖBB wurden am Sonntagabend bei einer Gala in Wien als "Gewinner" der diesjährigen "Big Brother Awards" präsentiert. Der Datenschutz-Negativpreis wurde in den Kategorien "Business und Finanzen", "Behörden und Verwaltung", "Politik", "Kommunikation und Marketing" von einer Fach-Jury vergeben, es gibt außerdem eine "Volkswahl".

Argumentationen

Zur Begründung für die "Auszeichnung" an Tiger Lacke hieß es: "Im Sinne des Erhalts der Zufriedenheit" und um "Verbesserungen frühzeitig durch geeignete Maßnahmen einleiten zu können", habe die Geschäftsführung des Welser Unternehmens "regelmäßig die Kommunikation mit Mitarbeitern gesucht". Diese Aussage würde die tatsächliche Absicht verschleiern: "Mitarbeiter wurden systematisch vorgeladen und nach den Gründen für ihren Krankenstand befragt." Des weiteren sei in Hallen, Büros und Müllraum ein vernetztes System von rund 20 Kameras samt Aufzeichnungsanlage verdeckt installiert worden. Die Überwachung des E-Mail-Verkehrs sei nur ein "Einzelfall", wie auch die Videoüberwachung nur dem Übereifer eines nicht dazu autorisierten Mitarbeiters zuzuschreiben sei, so die Geschäftsführung der Firma, die nicht zuletzt für diese "aalglatten Ausreden" nominiert wurde.

Finanzen

Das Finanzministerium durfte einen Award für die "Spendenpflicht für Sozialversicherungsnummern" in Empfang nehmen. Im Steuerreformgesetz 2009 des Ressorts heiße es: "Ab dem Jahr 2011 muss die Spenderin/der Spender bei jeder Spende, die als Sonderausgabe absetzbar sein soll, dem Spendenempfänger ihre Versicherungsnummer bzw. ihre persönliche Kennnummer der Europäischen Krankenversicherungskarte bekanntgeben."

Populismus

Die oberösterreichischen Grünen-Politiker Gottfried Hirz, Maria Wageneder und Ulrike Schwarz hätten sich vom "Internetsperrpopulismus" anstecken lassen. Die drei Landtagsabgeordneten hätten eine Resolution zur Einführung von Internet-Sperren mitunterschrieben. Dazu die "Big Brother Award"-Organisatoren: "Schön langsam sollte sich auch in Landtagen herumgesprochen haben, wie unsinnig die Sperrung einer Website auf Basis der Domain-Namen in jedem einzelnen Land und bei jedem einzelnen Provider ist. Man sollte auch schön langsam wissen, dass sich derartige, öffentlich sichtbare Websites in der Regel nur auf gehackten Webservern und von Trojanern ferngesteuerten PCs ahnungsloser Eigentümer befinden."

Konfusion

Der Service 123people.at bezeichnet sich als Personensuchmaschine. Dank eines "proprietären Suchalgorithmus" würden hier "personenbezogene Informationen", die aus Bildern, Videos, E-Mail-Adressen, Telefonnummern und Extrakten aus verschiedenen, im Web bereits vorhandenen Profilen bestehen, angehäuft. "Menschen werden willkürlich Parteien zugeordnet und Bilder falschen Personen, Personen werden verwechselt oder überhaupt neu erschaffen, indem Daten von mehreren Individuen zu einem Datensatz zusammengezogen werden", lautet die Kritik der Initiatoren quintessenz, Verein zur Wiederherstellung der Bürgerrechte im Informationszeitalter, und vibe!at, Verein für Internetbenutzer Österreichs.

Publikum

Bei der Publikumswahl für einen "Big Brother Award" setzten sich die ÖBB durch. In der Nominierung hieß es u.a.: "Die Aufrüstung der Bahnhöfe mit überdimensionierten, vernetzten Kamerasystemen, die mindestens 20 Millionen Euro teure Aufrüstung von hunderten Nahverkehrszügen mit Video-Aufzeichnungsanlagen waren nur die nach außen sichtbaren Symptome. Im Jahr 2009 kam heraus, dass der ÖBB-Konzern zur gleichen Zeit auch intern auf totale Überwachung setzte, die Frage der Legalität war sekundär. Systematisch wurden Krankenakten über Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angelegt (...)."

Passen

Nicht vergeben wurden hingegen zwei andere Preise: Während sich beim Positiv-Preis "Defensor Libertatis" dieses Jahr zum Bedauern der Jury keine geeignete Person hervorgetan hat, hatte man in der Kategorie "Lebenslanges Ärgernis" das umgekehrte Problem. Eigentlich müsste man diesen der Gegenwart als Ganzes verleihen, so massiv seien die aktuellen Überwachungsbestrebungen von unterschiedlichsten Seiten, so die nüchterne Erkenntnis. (APA/red)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 107
1 2 3
Observer9
01.11.2009 11:38
Schutz der Privatsphäre im Web

dieser beginnt dabei, eine wirklich sichere Login-Methode zu verwenden. www.weblookon.com bietet eine solche!!

kinsm
30.10.2009 16:07
unklar

schoen und gut die gruenen oberoesterreich mit dem preis auszuzeichnen - aber die anderen landtagsabgeordnetne haben dann korrekt abgestimmt, wenn sie wie die drei ominoesen gruenen sich verhalten haben?
Oder gibt es da verschieden mass?
Es geht mir nicht darum, ob internet-setien zu sperren sinnvoll ist (ist es meiner ansicht nach nicht), sondern darum was es heisst ,wenn der big brother an die gruenen verliehen wird ,nicht aber gleichzeitig auch an blaue, schwarze, ...
Das finde ich falsch und kritisiere ich! Da wird fuer mich als jemand, der ins flex gekommmen ist alles ad absurdum gestellt und die jury unglaubwuerdig!
Gleichen mit gleichren vergleichen?

Threonin
01.11.2009 18:05

Es geht darum, dass die Grünen sich gerne damit rühmen für Bürgerrechte, gegen Zensur und Überwachung einzutreten.

Während die ÖVP Linie klar ist und auch von der SPÖ dazu nichts zu hören ist, haben sich gerade die Grünen immer gegen Zensur nach außen hin gewehrt.

Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Jeder wird an seinen Aussagen und seiner offiziellen Linie gemessen.

Ich finde das in Ordnung.

Alexander Reiter
01.11.2009 21:11

Bei den Grünen kann man sich recht sicher sein, dass die drei Abgeordneten schon intern einen auf den Deckel bekommen haben.

Threonin
02.11.2009 07:48

Ein offenes "sich distanzieren" von diesen Personen wäre besser gewesen. Die sollten nicht intern eine am Deckel bekommen sondern transparent und für alle sichtbar.

project subvert
30.10.2009 14:25
123people AGB

Ich kenn mich nicht gut aus, aber für mich klingt die Formulierung der AGBs sehr bedenklich. In diesen wird erklärt, dass man sich durch die Nutzung der Seite mit den AGB einverstanden erklärt.

Weiters akzeptiert man durch die bloße Nutzung die Verpflichtung, sich vor jeder solchen Nutzung die AGB (in den AGB selbst als "Vertrag" [sic] bezeichnet) zu überprüfen.

Nachfolgend wird lang und breit erklärt, dass 123people sich alles zusammenklauben dürfe und für nichts zu belangen sei: von der Freisprechung von Folgeschäden bis hin zur dreisten Empfehlungen im Internet niemals personenbezogene Daten anzugeben.

Mal im Ernst, das kann doch nicht gültig sein? Hat sich das schonmal jemand genauer angesehen?

project subvert
30.10.2009 14:30

Wäre durch diese Aufstellung nicht schon das Lesen der AGBs eine Zustimmung dieser? Wie genau "Nutzung" der Webseite definiert ist konnte ich darin nämlich vorerst nicht finden...

http://www.123people.at/page/tos

PiP09
28.10.2009 16:13
Kampf gegen die Falschen?

die vielgescholtenen oberösterreichischen Grünen, mit dem bba09 ausgezeichnet, hätten "sich im Feld der Überwachung, Kontrolle und Bevormundung ganz besonders verdient gemacht! so lautet der Vorwurf der Jury.

LT.Abg. Ulrike Schwarz beweist wie schon bei Tiger Lacke und ÖBB einmal mehr, das konkrete Politik gegen den Überwachungsstaat möglich ist und zeigt einen "Überwachungs-Skandal" in der Gemeinde Weyer auf...

http://ooe.gruene.at/demokrati... sen/50639/

darkyat
27.10.2009 19:06
Piraten braucht es auch hierzulande...

http://www.piratenpartei.at

- Freies Wissen! Freie Kultur! Freie Menschen!

don calvo
27.10.2009 18:39
man kanns auch uebertreiben

wo ist das problem, wenn man rechtlich illegale seiten sperren will? und was ist das fuer ein bloedes argument gegen das sperren, dass es nicht wirksam sei. wenn es nicht wirksam ist, warum dann einen aufstand gegen zenzur. hier loeschen sich argument und kritik gegenseitig aus.

123...hab ich mir angesehen. also ein telefonbucheintrag, eine anzeige die im internet unter meinen aufgegeben habe um das falsche titelbild meines facebook accounts. dann irgendwelches zeugs von namensvettern. Wo ist hier das problem?

ueberwachung in bahnhoefen. wo ist hier der schaden fuer die Privatsphäre?

ChesneyB
30.10.2009 12:25

Nachzulesen z.B. hier: http://ak-zensur.de/

Da finden Sie genügend Gründe.

Vor allem wird man das Problem durch Wegschauen nicht lösen.

ash & stuff
28.10.2009 02:23
:)

War es wirklich so gut in Margit & Moaeben?

kernel_panic
27.10.2009 23:48
Das Problem ist, dass bei Internetseitensperren nicht nur illegale Seiten erfasst werden...

http://de.wikipedia.org/wiki/Wikileaks

in Australien wurden Seiten von Abtreibungsgegnern gefiltert [...] in Finnland war die Seite des kompetentesten und kritischsten Bloggers gegen die Filtersysteme gesperrt [...] So bestätigte auch eine Untersuchung des australischen Senats, dass nur 32% der gesperrten Seiten Inhalte mit Darstellungen von Personen unter 18 Jahren anboten[38]. Die Listen der skandinavischen Länder wiesen noch höhere Fehlerquoten von bis zu 90% auf.

DAS ist das wahre Problem!

eklaTANT
27.10.2009 23:18
Warten sie mal BBA 2010 ab

Im proprietären Wahlverfahren wurde entschieden:

1. Business und Finanzen
FMA für das Überwachen der Banken
2. Politik
BMfLV für das Überwachen der grünen Grenze
3. Behörden und Verwaltung
Mag.Wien für das Überwachen der Kurzparkzonen
4. Marketing und Kommunikation
RTR, für das Überwachen der Telekomunternehmen
5. Lebenslanges Ärgernis
Nach wie vor läuft "telnet" unverschlüsselt

Mucosaprolaps
27.10.2009 11:57

123people ist vor allem lästig und nutzlos, da man nahezu ausschließlich irrelevantes und falsches Zeug findet. Leider trickst diese Firma Google so aus, dass ihre wertlosen Seiten meist auf Seite 1 dargestellt werden :(

Was mir bei Google fehlt: "Keine Ergebnisse aus dieser Domain anzeigen", einmal einstellen und nie wieder auf 123people und andere Linkspammer geklickt.

StrgAltEntf
 
27.10.2009 13:11

Schreiben Sie einfach hinter den gesuchten Begriff "-123people" und schon bleiben Sie davon verschont. Funktioniert auch mit "-ebay" und so weiter.

Mucosaprolaps
27.10.2009 15:13

Ich hätte sowas halt gern schon in den Google-Voreinstellungen, damit ich nicht jedesmal -123people -linkfarm1 -linkfarm2 -linkfarm3 tippen muss :)

Susanne Cave
01.11.2009 11:10
möglicher Ansatz

www.gmbmg.com in search bar integrieren

t_e_l_e
27.10.2009 11:07
jetzt heisst das schon gala...

...beim naechsten mal findet die verleihung beim opernball statt.
damits sie dann endlich in den richtigen kreisen angelangt sind, oder wie?

Somnus
27.10.2009 10:31
warum darf BBA eigentlich ...

das staatswappen verunstalten (siehe paragraph 7 im wappengesetz)?

während "österreich zeigt rückgrat" (fussball euro08) abgestraft wurde? sind manche gleicher als gleich?

kinsm
30.10.2009 16:21
gesetze und erkenntnisse

Nach Art. 10 EMRK ist es erlaubt wappen anders zu verwenden, zumnidest wenn ein fussball drauf ist. Erkenntnis vom VfGH

Alexander Reiter
30.10.2009 14:00

Hat der Bundesadler nicht Schild, Hammer und Sichel, wie bei bei "Österreich zeigt Rückgrat"?

Gerwin Winter
27.10.2009 14:36
Welches Wappen?

das ist doch nie das .at-Wappen. Kameras sind mir neu.

derPolizist
27.10.2009 15:22

Wie heißt es so schön: "Was wollte der Täter?"... und das hier eindeutig das Bundeswappen gemeint war, ist für jeden klar erkennbar...

kinsm
30.10.2009 16:26
ahnungslos?

Der VfGH hat mit seiner Erkenntnis B 367/09-6 am 29. 09. 09 das anders gesehen (Art. 10 EMRK)
....
3.3.3. Auch wenn es sich - wie im beschwerdegegen-ständlichen Fall - um eine Beschränkung der Meinungsfreiheit zum Schutz des Ansehens des Staates selbst handelt, ist die Zulässigkeit des Eingriffes zu prüfen. Dabei muss insbesondere zwischen einer Polemik und einer Beschimpfung oder böswilligen Verächtlichmachung unterschieden werden, gerade weil die Meinungsäußerungsfreiheit aus dem besonderen Schutzbedürfnis der Machtkritik erwachsen ist und darin unverändert eine ihrer Hauptbedeutungen findet (vgl. BVerfG 15.9.2008, 1 BvR 1565/05, Rz 13).
....

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 107
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.