Anklage: Karadzic war Architekt des Völkermords in Bosnien

27. Oktober 2009, 16:37
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Angeklagter blieb der Verlesung der Anklage fern - Richtersenat will Pflichtverteidiger ernennen

Den Haag/Belgrad - Der Kriegsverbrecherprozess gegen Radovan Karadzic ist am Dienstag mit der Verlesung der umfangreichen Anklage fortgesetzt worden. Der frühere bosnische Serbenführer blieb dem Verfahren auch am zweiten Prozesstag fern, was ihm eine erneute Rüge durch den Vorsitzenden Richter O Gon Kwon einbrachte. Sollte Karadzic seinen Boykott fortsetzen, werde ein Pflichtverteidiger eingesetzt. Eine Entscheidung darüber solle am kommenden Montag fallen, wenn die Staatsanwaltschaft die Verlesung ihrer Anklage abgeschlossen haben dürfte, erklärte der südkoreanische Richter.

In den ersten zwölf Minuten seiner Anklage schilderte Staatsanwalt Alan Tieger, wie Karadzic als oberster Befehlshaber während der Balkankriege in den 1990er Jahren die Verfolgung von muslimischen Bosniern organisiert haben soll. "In diesem Fall, Euer Ehren, geht es um den Obersten Befehlshaber. Einen Mann, der sich die Kräfte des Nationalismus, des Hasses und der Angst zu Nutzen machte, um seine Vorstellung eines ethnisch getrennten Bosniens umzusetzen - Radovan Karadzic", erklärte Tieger.

Karadzic muss sich vor dem Tribunal wegen Kriegsverbrechen in elf Punkten verantworten, darunter das Massaker von Srebrenica und die mehr als dreijährige Belagerung von Sarajevo. Der Angeklagte weist alle Vorwürfe zurück. Karadzic war dem Prozessauftakt bereits am Montag ferngeblieben mit der Begründung, er habe sich nicht ausreichend auf seine eigene Verteidigung vorbereiten können.

 

"Von der Erdoberfläche verschwinden"

Mit Blick auf die Belagerung von Sarajevo, die 1992 begann und bei der schätzungsweise 10.000 Menschen getötet wurden, verwies die Anklage auf frühere Äußerungen Karadzics. "Der Oberste Befehlshaber erklärte bereits im Oktober 1991, was auf Sarajevo zukommen sollte: 'Sarajevo wird ein schwarzer Kessel sein, in dem Muslime sterben werden. Sie werden verschwinden, diese Menschen werden von der Erdoberfläche verschwinden'", zitierte Tieger den Angeklagten. Karadzic habe seine Streitkräfte angewiesen, alles daran zu setzen, um einen "mono-ethnischen Staat aus einem multi-ethnischen Land" zu schneiden. Dabei sei er direkt verantwortlich für die Verfolgung und Ermordung bosnischer Muslime gewesen, erklärte Tieger.

Unterdessen wurde die bereits verurteilte Kriegsverbrecherin Biljana Plavsic vorzeitig aus der Haft entlassen. Die frühere Präsidentin der bosnischen Serben habe zwei Drittel ihrer elfjährigen Gefängnisstrafe abgesessen und sei in Absprache mit dem Tribunal in Den Haag auf freien Fuß gesetzt worden, teilten die schwedischen Vollzugsbehörden mit. Bei ihrer Ankunft in Belgrad zeigte sich Plavsic am Dienstagnachmittag wortkarg: "Ich weiß nicht, was ich darüber denken soll, nach acht Jahren wieder frei zu sein."

Plavsic war von dem Tribunal im Februar 2003 wegen Verbrechen während des Bosnienkriegs 1992-95 verurteilt worden. Sie hatte damals gestanden, während des Krieges Minderheiten aus religiösen, ethnischen und politischen Gründen verfolgt und dazu auch mit paramilitärischen Einheiten aus Serbien zusammengearbeitet zu haben. Im Gegenzug für das Teilgeständnis ließ die Anklage den Vorwurf des Völkermords fallen. Die heute 79-jährige Plavsic gehörte dem dreiköpfigen Präsidium der Serbischen Republik an, das von Karadzic geleitet wurde. (Reuters)

  • Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic ist
wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die
Menschlichkeit im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 angeklagt.
    foto: epa/jerry lampen

    Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic ist wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 angeklagt.

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