Frei sind die Dinge - unfrei ist der Mensch?

26. Oktober 2009, 12:04
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    coverfoto: heyne

    In seinem Roman "Accelerando" schildert der Science Fiction-Autor Charles Stross den Weg der menschlichen Zivilisation in den Posthumanismus.

Sind wir Sklaven unserer maschinellen Produkte? Fantasien des Posthumanen in Philosophie, Medientheorie und Science Fiction

Wenn man sich an Stanley Kubricks "2001 - A Space Odyssey" hält, ist der Mensch von Anbeginn seiner Evolution von seiner selbst entwickelten Technik ge- und befördert worden - wohin auch immer.

Der Kommunikationswissenschafter Oliver Heissenberger hat in seiner Diplomarbeit "Fantasien des Posthumanen" versucht Philosophie, Medientheorie und Science Fiction miteinander zu verbinden, ausgehend von den Theoretikern Marshall McLuhan, Günther Anders und Vilém Flusser. Anhand von (meist bekannten) Filmbeispielen wird exemplarisch über deren Theorien reflektiert, grobe interpretatorische Ansätze bereit gestellt. Die Genreentwicklung der Science Fiction aus einer literarischen Gattung heraus wird ebenso an Beispielen veranschaulicht wie einzelne Motive herausgegriffen (z. B. der Schachautomat).

Beziehungen zwischen "Einbildnern" und Philosophen liegen nahe. Die Hauptfragen, die sich durchgehend stellen: Inwiefern ist die Erfahrbarkeit von Botschaften abhängig vom verwendeten Medium? Kann sich Philosophie und/oder Medientheorie im Film anders ausdrücken, als sie es gedruckt vermag? Inwiefern ist eine Bewusstseinserweiterung des Rezipienten, die Erweiterung des Erfahrungshorizontes durch das Medium angelegt und realisierbar? Bei McLuhan etwa wird die Wahrnehmung von Botschaften über alle Sinne angesprochen, eine Synästhesie im Kommunikationsprozess: "the medium is the m(e/a)ssage".

Mad Scientists - ein prometheisches Gefälle?

Die Vermenschlichung der Maschine (Kubricks "2001" als Paradigmenwechsel) steigert den Schauer-Effekt: Wo setzt man die Fähigkeit zur Urteilskraft (bei Maschinen) bestmöglich an? Kann diese Fähigkeit programmiert werden, auch die des ethischen Empfindens?

Es finden sich die verschiedensten psychologischen Angstverschiebungen im selbstentfremdeten Subjekt unserer Gesellschaft. Eine beliebte davon bleibt die Auseinandersetzung im Maschine-Mensch Diskurs, die Laien fragen sich; wie ist es um unsere "mad scientists" bestellt? So sind menschliche Werte wohl nur programmierbar unter der Voraussetzung, dass der menschliche Schöpfer von Apparaten solche Eigenschaften selbst besitzt ... Bereits bei "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" von R. L. Stevenson wird dieses Unbehagen thematisiert. Durch die Selbsterhebung in göttlichen Status kann sich der Homo ludens schon selbst unheimlich werden. Hat der moderne und mündige Bürger seine neue Fremdbestimmtheit bereits programmiert? Technisch ist alles machbar - kann der Mensch von seinen eigenen Produkten überrollt werden? Derartige Skepsis ist nicht neu, seit der industriellen Revolution wird sie unübersehbar.

Telematisches Bewusstsein vs. Anthropologische Bedrohung

Die Angstwirkung funktioniert allein aufgrund des Beharrens auf der einen (eigenen) Position. Etwa der eindeutig formulierten Botschaft: der Apparate-Totalitarismus und dessen Missbrauch, führt uns in die Katastrophe des kulturellen Verfalls, die Entropie.

Die Phantasie hingegen erlaubt uns solche Positionen zu verlassen, eine andere einzunehmen und - wie es der Science-Fiction-Film immer wieder versucht - mit diesem Wechsel angesichts einer möglichen Apokalypse zu spielen: so etwa eine bewusste Entscheidung gegen eben diesen Totalitarismus und eine Mäßigkeit im Gebrauch der Maschine, etwa der Entertainment-Industrie als einer deren Ausläufer.

Heissenberger stellt das telematische Bewusstsein der Skepsis entgegen, sieht die Herausforderung, die sich uns stellt: Telematik (Begriffszusammensetzung aus Telekommunikation und Informatik) kann positive Utopien einer bisher ungelebten und ungedachten Kultur vorantreiben, eine neue Menschwerdung im Sinne der Koexistenz mit Technik ermöglichen. Eine Überwindung bisheriger Ideale und die Schaffung neuer. Eine Lösung aus den Angstgedanken kann nur über neue, noch unbedachte Möglichkeiten geschehen, weg vom Kulturpessimismus.

Die Diplomarbeit Heissenbergers bietet leicht lesbar eine interdisziplinäre Rundschau - sowohl auf literarischem, medienwissenschaftlichem wie philosophischem Feld, regt zur vertiefenden Auseinandersetzung an. Auf die Schlussfrage, ob die Philosophie im klassischen Sinne obsolet wird und dieser Diskurs sich nun "nur" mehr in den neuen Medien vollzieht, gibt der Autor keine Antwort. Alle diesbezüglichen Fragestellungen werden und müssen sich meines Erachtens Erwartungshorizonten anpassen - Transformationen von Diskursformen sind zeitlos.

Die Diplomarbeit "Fantasien des Posthumanen. Medien, Technik und Science-Fiction-Film" (2008) von Oliver Heissenberger ist auf textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.


Der Autor

Oliver Heissenberger (geb. 1972, Mag. phil.) studierte von 1994 bis 2008 Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

Die Rezensentin

Petra M.J. Mairer (geb. 1986) studiert seit 2005 Vergleichende Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck.






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Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 30
1 2
Eine Kreatur
01
30.10.2009, 22:50
danke für die weitere psychologisierung eines sachlichen problems und die nicht-nennung des eigentlichen problems - der psychischen entwicklung des menschen

aus bewährter zeitlich begrenzter und subjektiver ich-perspektive wird wieder versucht zu reflektieren und die beschäftigung mit sich selbst macht die beschäftigung mit dem problem unnötig - mach ja auch viel mehr spaß ..

denn was juckt es, dass die menschen psychisch und sozial noch immer in der steinzeit leben, irrationalen ängsten nachhängen, an höhere wesen glauben, blind vertrauen und zu blöde für eine hochtechnisierte und komplexe welt sind? ist doch viel lustiger über die eigenen kleinen spinnereien, eigenheiten und flausen zu schreiben, anstatt einmal die gegenwärtige (oder auch vergangene) menschliche natur kritisch zu hinterfragen und nicht von ihr als ultima ratio auszugehen .. z.B.: die eigene wahrnehmung und "programmierung"

Eine Kreatur
00
30.10.2009, 22:23
dass wir menschen uns durch unsere eigene entwicklung selber auflösen ist ja wohl nur logisch ..

die menschheit wird eines tages verschwinden, genauso wie sie entstanden ist
technologie (werkzeuge) war immer treibende kraft der menschheitsentwicklung, wir können schon lange nicht mehr ohne sie leben, also müssen wir uns an sie anpassen
alles andere würde fortschritt und weiterentwicklung des lebens widersprechen

das ist das heutige problem - in der momentanen technologie ist der einzige schwachpunkt der mensch, hoffen wir, dass dieses problem bald zur vernunft kommt und nicht in einer sozialen steinzeit in high-tech umgebung ausstirbt

und "posthuman" gibt es nicht .. nur ein prä"irgendwas" ;-) denn die geschichte wird aus der gegenwart geschrieben und die wird in der zukunft (hoffentlich) nicht von "menschen" verfasst :-)))))

ratseci
80
27.10.2009, 16:44
...wow...

braucht man fuer das publizistik/kommunikations studium wirklich so lange, dass man erst mit 37 jahren eine diplomarbeit zustande bringt?

phaidros
02
27.10.2009, 17:22

bzw - es mag leute geben, die neben dem studium einer vollzeiterwerbstaetigkeit nachgeben - auch wenn andere (wie Sie etwa) das von vornherein fuer unmoeglich halten sollten.

phaidros
02
27.10.2009, 17:20

woher wollen sie wissen, dass der autor mit 18 begonnen hat?

C R3
00
27.10.2009, 16:27
Ich kann den Quasi-Buchtipp unterstreichen

Hab eigentlich nur wegen dem Bild auf den Artikel geklickt.

"Accelerando" ist nämlich tatsächlich ein Wahnsinnswerk, allerdings auch sehr schwere Lektüre. Aber die Entwicklung die der Autor zeichnet, der Mensch nur mehr als hochgeladene Simulation seiner selbst, die nach mehr Rechenkraft hungert in einer virtuellen Welt in der Mord nur "nicht empfohlen" (schließlich kann man jederzeit neu instantiiert werden), aber GmbH's verboten sind, ist wirklich faszinierend.

freeye
10
2.11.2009, 12:19
deutsch hast du durchs lesen wohl nicht

gelernt.

es heißt "wegen des bildes"

Ziemlich leichter Stessa
00
9.11.2009, 19:24

Es heisst wengan Bild.

kdalaryd
01
27.10.2009, 15:17

mir fällt auf dass die bezeichnung post- meistens nicht wirklich neue erkenntnisse bringt. z.B.: postmoderne, postpunk, posthumanismus usw... das ist eher "trendy" als aufregend.

Eine Kreatur
00
30.10.2009, 22:24
keine angst ..

die lebensformen, die aus der menschheitsentwicklung hervorgehen werden, werden diese phase als prä"irgendwas" bezeichnen ;-)

phaidros
01
27.10.2009, 17:23

postings?

kdalaryd
00
27.10.2009, 17:29
;)

sehen Sie!

Raptor Jesus
01
27.10.2009, 15:13
Menschliche Zwänge sind in der Gesellschaft häufiger vorzufinden als in der Technik.

Die Technik könnte ein Verhikel der befreiung sein, kann aber in bezug auf gesellschaft tiefer in Unfreiheit sinken (Navigationsgerät = Peilsender).
Oder aber auch in selbstgeführte Abhängigkeit (Fernbedinung außerhalb der Armreichweite, zu faul zum selberaufstehen)

Eine Kreatur
00
30.10.2009, 22:33
die von mir angesprochene steinzeit in high-tech umgebung

wenn sich die menschen nicht sozial und psychisch weiterentwickeln, wird es die menschen nicht mehr lange geben - entweder löschen wir uns selber aktiv aus oder die menschen werden zu marionetten in komplexen systemen die sie nicht begreifen ..

biologisch sind wir begrenzt, dass ist ein problem, aber das hauptproblem ist die soziale und psychologische entwicklung der gesellschaft und der individuen darin

technologie ist fast nebensächlich, wenn sie nicht verarbeitet bzw. bewältigt werden kann - genauso wie supertolle hochleistungscomputer, wenn darauf schlecht programmierte anwendungen laufen, bringt das auch nichts
schwache rechner mit effizient und effektiv programmierten anwendungen dahingegen können ohne probleme aufgerüstet werden

gastrosoph
00
27.10.2009, 09:12
Lange Rede, kurzer Sinn

Das Wesentliche konnte hier nicht erfaßt werden und somit auch nicht beantwortet. Zu dieser Erkenntnis benötigt man 28 Semester und den Standard. Eine Maschine ist immer so 'schlau', wie der, der sie bedient. Der 'einfache' Mensch ist weit davon entfernt, das zu verstehen, von dem hier die Rede ist, da er auch nur gewohnt ist: Schalter Ein/Aus zu bedienen. Und bitte nicht Bewusstsein mit Intelligenz gleichsetzen und immer Albert Einstein als Argument dafür anführen – ich meine nicht seine schlechten Schulnoten. Die bekannte Weisheit einfach nur hinnehmen, nur das Genie verstehe das Genie.

sag mir alles
00
26.10.2009, 23:39
wir sind sklaven unserer

obskuren gesetzte

Nick Tameer
01
26.10.2009, 20:19

Um einer derartigen Sklaverei zu entkommen, müsste man zuerst einmal begreifen, dass es nicht das Verhältnis zu den Dingen die Unfreiheit verursacht, sondern die (allerdings verdinglichten) Beziehungen der Menschen untereinander, deren Form jedoch so selbstverständlich wirkt, dass es plausibel erscheint, die Ursache anderweitig dingfest zu machen.

rossgoschn
16
26.10.2009, 20:11

Rezensieren wir jetzt schon Diplomarbeiten von Publizistik-Studis? Gibt es keine echten Themen mehr in der Welt?
(p.s.: Wenn euch wirklich so fad ist, ich schicke euch gerne meine alte Diplomarbeit von der TU Wien.)

wijaa
01
26.10.2009, 23:10
bitte gerne

bitte an wichtige-tu-diplomarbeit@spam.la schicken. wird verläßlich innerhalb einer woche profund rezensiert.

hagane
03
26.10.2009, 20:40

Ich weiss nicht ob man die Fadheit sich zu Themen äussern zu müssen die man nicht interessant findet und/oder man nicht versteht zu überbieten ist.

Aber danke für den Einblick in deine herablassende Art gegenüber Publizistikstudierenden und Diplomarbeiten und der durchaus peinlichen Meinung zu glauben die "echten Themen" der Menschenheit zu kennen.

Darius Minor
01
26.10.2009, 19:56
"Oliver Heissenberger (geb. 1972, Mag. phil.) studierte von 1994 bis 2008 Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien."

14 Jahre, 28 Semester. Der hat glatt laenger studiert als ich. 8-]

*esofan*
00
27.10.2009, 14:43
yes :)

ich hab auch 8 jahre studiert.
für so lange studienzeit braucht man einiges an geld.

Lun
00
26.10.2009, 16:42

Zum Verhältnis von Mensch und Technik ist Heideggers Vortrag 'Gelassenheit' mit Nachdruck zu empfehlen: Eindringlich wird in gebotener Kürze - Heidegger trägt im Zuge einer Gedenkfeier für den Komponisten Conradin Kreutzer vor - gleichsam in hoher Prägnanz, das Geheimnis, der Schleier vor dem Wesen der Technik und das von ihr Angesprochensein des Menschen zur Sache des Denkens.

Nick Tameer
00
26.10.2009, 20:02

Das klingt schon alles ganz irrsinnig präzise.

hirnstroem
01
26.10.2009, 15:43

"...ist die Erfahrbarkeit von Botschaften abhängig vom verwendeten Medium?"

^^ Das Medium (die Form) hat mit der Erfahrbarkeit (dem Inhalt) so viel nicht zu tun, folglich nein.

"Hat der moderne und mündige Bürger seine neue Fremdbestimmtheit bereits programmiert?"

^^ Gibt es den mündigen Bürger denn überhaupt?

"Auf die Schlussfrage, ob die Philosophie im klassischen Sinne obsolet wird und dieser Diskurs sich nun "nur" mehr in den neuen Medien vollzieht, gibt der Autor keine Antwort."

^^ Ethik und anderes metaphysisches sind zwar gebräuchlich, aber belanglos und Philosophie im klassischen Sinne deshalb obsolet.

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