"Refuseniks": US-Trend Handy-Verweigerer

24. Oktober 2009, 10:23
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Ausgerechnet in den fortschrittsgläubigen USA gibt es zahlreiche eingeschworene Handy-Verweigerer

Ein Blick auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Restaurants genügt: Der Großteil der in Österreich lebenden Menschen ist mit seinem Handy am Ohr verwachsen. Mehr als 52 Prozent halten es einer GfK-Studie als unverzichtbar. Schon seit 2005 sind mehr Handys (bzw. SIM-Karten) im Umlauf als es Einwohner in der Alpenrepublik gibt.

Wesentlich langsamer ging und geht hingegen in den USA die Verbreitung von "mobiles" oder "cell phones" (die englischen Bezeichnungen für Handys) voran. 85 Prozent aller Amerikaner besitzen nach 20 Jahren Mobilfunktechnologie ein Handy, so das Pew Internet and American Life Project. Bei vielen der handylosen Menschen handelt es sich Pew zufolge um ältere oder schlechter ausgebildete Personen, die sich Gerät und Mobilfunkkosten schlicht nicht leisten können.

"Refuseniks"

Aber es gibt auch einen harten Kern an "Refuseniks", also eingeschworenen Verweigerern. "Es ist ein Luxus, nicht überall für jedermann erreichbar zu sein", erzählt Gregory Han, ein in Los Angeles lebender 34-jähriger Autor und Redakteur der New York Times. Dafür nimmt er in Kauf, sein Leben konsequenter planer zu müssen als Handyianer.

Als Hans Mutter kürzlich ins Krankenhaus ging, musste daher der Familien-Kommunikationsplan in Aktion treten: Seine Mutter rief seine Schwester an, diese schickte ihm eine Instant Message auf seinen Computer, auf die er via Skype (ermöglicht weitgehend kostenloses Telefonieren über das Internet) antwortete. Ein ähnliches Kommunikationsnetz hat Han für seine Kollegen vorbereitet, wenn er auf Dienstreisen ist.

Dabei ist Han neuen Technologien gegenüber generell aufgeschlossen. Unter anderem schreibt er in einem Webtagebuch über neue Gadgets. Ursprünglich hatte er sein Mobiltelefon aufgegeben, weil er Geld sparen wollte. "Aber nach und nach habe ich das Gefühl schätzen gelernt, das Leben ohne störendes Klingeln oder Piepsen einer einlangenden SMS zu genießen", sagt Han.

Die "Refuseniks" machten vielleicht nur fünf Prozent der handylosen Amerikaner aus, heißt es seitens Pew. Sie seien darin aber recht beharrlich. Die Botschaft dahinter: Wir bestimmen, wer uns erreichen darf.

Schwache Momente

Doch mitunter werden selbst hartgesottene "Handy-nein-danke-Anhänger" unsicher. Die 22-jährige Jenna Catsos nutzt kein Mobiltelefon, weil ihr die Vorstellung, immer erreichbar zu sein, "unheimlich" ist. Sie bleibt lieber mit handgeschriebenen Briefen mit ihrer Familie und Freunden in Kontakt.

Eines Tages wollte sie von ihrem College in Vermont aus, ihren Vater in Massachusetts zum Geburtstag überraschen. Auf der halben Strecke streikte ihr Auto. Zu Fuß ging sie knapp einen Kilometer zur nächsten Tankstelle und rief vom dortigen Münzfernsprecher ihre Eltern an. Doch diese waren nicht zu Hause. Nachdem sie ihnen auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht mit der Nummer des Münzfernsprechers hinterlassen hatte, wartete sie dort eine geschlagene Stunde auf deren Rückruf. "Ich glaube, in diesen Fällen ist es vielleicht doch nicht schlecht, ein Mobiltelefon zu besitzen", gesteht sie ein. (kat/ DER STANDARD Printausgabe, 24. Oktober 2009)

 

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    In den USA gibt es zahlreiche Handy-Verweigerer

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