Tschetschenische Familie mit sieben Kindern in Polen auf die Straße gesetzt
Graz/Wien/Warschau - "Wieso dürfen die anderen in Österreich bleiben und wir nicht?", fragt die 15-jährige Tschetschenin immer wieder weinend, als sie sich am Donnerstagabend das erste Mal beim STANDARD telefonisch aus Polen meldet, "wir wollen in Österreich leben". Sie ist eines der sieben Kinder eines Ehepaares, das - wie mehrmals berichtet - bis zum Sommer über drei Jahre in Österreich lebte. Im Sommer ging die neunköpfige Familie aus Angst vor einer Abschiebung nach Polen in die Schweiz.
Am Mittwoch wurde sie nun von dort nach Polen geflogen, obwohl das Land für Tschetschenen laut Amnesty International absolut nicht sicher ist. Der Vater soll dort vom russischen Geheimdienst Morddrohungen erhalten haben. Dass die Familie in ihrer Heimat politisch verfolgt und der Vater gefoltert wurde, spielte keine Rolle, ebenso wenig mehrere ärztliche Atteste wonach die Eltern traumatisiert sind, die Mutter schwer an Hepatitis C erkrankt ist und eine der Töchter, die mit ansah, wie man in Tschetschenien Verwandte erschoss, selbstmordgefährdet ist.
"Seit zwei Tagen nichts zu Essen bekommen"
Der Grund, warum diese Familie in Österreich und der Schweiz kein Asyl bekam, ist das Dublin-Abkommen der EU, wonach das erste EU-Land, das Flüchtlinge betreten, für diese verantwortlich ist. (Das Dublin-Abkommen gilt auch in der Schweiz.) Ein humanitäres Bleiberecht hätte Österreich trotzdem gewähren können. Doch aus dem Büro von Innenministerin Maria Fekter hieß es schon vor Monaten, es seien "keine menschenrechtliche Probleme in Polen bekannt".
"Wir haben seit zwei Tagen nichts zu Essen bekommen", erzählt die Tochter der Familie, für die in ihrer Schule bei Graz Schüler wie Lehrer Unterschriften sammelten, weil sie wollten, dass sie hier bleiben kann. Das Flüchtlingszentrum Debak, wo die Familie die ersten beiden Tage zu neunt in einem Zimmer mit vier Betten verbringen musste, soll laut Michael Genner von der Organisation Asyl in Not, die die Familie in Österreich vertrat, tatsächlich "ein ganz schlimmes Lager" sein. Die Mutter der Familie, die in der Schweiz und Österreich einige Wochen im Krankenhaus verbringen musste, hat dort keine medizinische Versorgung. Am Freitag soll sich die Lage schließlich noch weiter verschärft haben: Man setzte die Familie bei Regen auf die Straße und sagte ihnen, sie sollten sich selbst etwas zu Essen und eine Unterkunft suchen. "Aber wir haben überhaupt kein Geld", sagt die Tochter am Telefon.
Ein wenig Geld gäbe es in für die Familie in Österreich, denn nach einem Entscheid des Unabhängigen Verwaltungssenats Steiermark wurde der Vater hier nach einem gescheiterten Abschiebeversuch im Frühling rechtswidrig mehrere Woche inhaftiert. Die Haftentschädigung, die ihm zusteht, konnte ihm aber nicht mehr ausbezahlt werden. (Colette M. Schmidt)