Von Bafoussam in den Linzer Gemeinderat

23. Oktober 2009, 19:07
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Die aus Kamerun gebürtige Politikerin Marie-Edwige Hartig setzt ein Zeichen gegen den Rechtsruck

Linz - Es fällt schwer zu glauben, dass Toutou als kleines Mädchen schüchtern gewesen sein soll. "Doch das war ich" , versichert Marie-Edwige Hartig und lacht dabei, wie so oft, wenn sie über sich erzählt. Außer ihrem Kosenamen Toutou erinnert aber nichts mehr an das scheue Kind. Mit gerade einmal 29 Jahren wird sie erste farbige Gemeinderätin in Österreich. Die gebürtige Kamerunerin kandidierte für die Grünen in Linz und schaffte bei den Wahlen im September sofort den Einzug in den Gemeinderat. Eine ihrer ersten Aktionen dort: "Ich möchte einen Integrationsausschuss gründen." Bisher sei ihr die Integrationsarbeit in Linz "zu unkoordiniert" abgelaufen. Dies habe sie während ihrer Mitarbeit im Vorstand der "Black Community" , dem Dachverband afrikanischer Kulturvereine, festgestellt. "In Linz leben Menschen aus 140 Ländern, sie und ihre Organisationen sollen endlich Partner für die Politik werden" , erklärt die Neo-Gemeinderätin.

Toutou, wie sie auch heute noch am liebsten genannt wird, kam mit sieben Jahren nach Linz. Ihre Mutter, die eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen hatte, holte ihre Tochter nach. "Zur Hochzeit meiner Mama mit einem Österreicher war ich schon in Traun dabei." Bereits ein Jahr später hatte das Mädchen die österreichische Staatsbürgerschaft. "In den 1980er-Jahren gab es noch keine Quotenregelung bei der Familienzusammenführung" , sagt sie. Damals habe es auch noch nicht so viele Afrikaner in Linz gegeben, sie sei "irgendwie eine Exotin" gewesen. "Wegen meiner Hautfarbe bin ich nie gehänselt worden."

Von Anfang an sei die Mutter dahinter gewesen, dass ihr Kind schnell Deutsch lernt, Hochdeutsch. Sonst beherrscht die 29-Jährige noch Englisch, Französisch und Oberösterreichisch. Unter Freunden werde freilich Dialekt gesprochen, vermutlich wäre sie als Volksschülerin "eher mit ihrem Hochdeutsch als wegen ihrer Hautfarbe aufgezogen worden" .

"Ich bin einfach der Kaffee" , erkläre Toutou immer ihrer eigenen, 11-jährigen Tochter. Das Mädchen sei hingegen wie ihr Vater ein Mischling und "somit der Milchkaffee" . Die Teenagerin fühle sich jedoch als Österreicherin, die Mutter hingegen bezeichnet sich als "Austro-Bamileke" (Bamileke heißt ihr Stamm). Seit sie ihren Geburtsort Bafoussam verlassen hat, war sie erst einmal wieder in Kamerun. "Ich vermisse am ehesten das Essen" , erklärt sie lachend.

Nach Gymnasium in Linz und Modeschule in Wien hat sie in Salzburg Psychologie studiert, derzeit sitzt sie an der Diplomarbeit. Nächsten Sommer plant Toutou mit der Tochter nach Afrika zu fliegen, um ihr zu zeigen, wie Mama die ersten sieben Lebensjahre verbracht hat: "Wir haben nicht in einer Hütte gewohnt" , will sie gleich festhalten. "Ich bin recht europäisch aufgewachsen."

An ein Kindheitserlebnis kann sich die junge Frau noch gut erinnern: "Normalerweise fuhren wir mit dem Bus zum Kindergarten, einmal musste ich laufen, das war schrecklich."

Heute finde sie es "schrecklich" , dass die Österreicher eine so negative Meinung von Afrikanern haben. "Schwarzafrikaner heißt immer gleich Drogendealer." Mit der schwarz-blauen Bundesregierung sei der Rassismus wieder salonfähig geworden. Auf der Homepage von "Alpen-Donau-Info" machten Neonazis im Wahlkampf gegen die farbige Gemeinderatskandidatin Stimmung: "Soweit ist es gekommen - Negerin wird in Linz vielleicht Gemeinderätin." Einschüchtern lasse sich die heute selbstbewusste Frau davon nicht. "Um ein Zeichen gegen den Rechtsruck zu setzen" , engagiert sich Marie-Edwige Hartig jetzt politisch. (Kerstin Scheller/DER STANDARD/Printausgabe, 24.10.2009)

  • Marie-Edwige Hartwig sitzt für die Grünen im Linzer Gemeinderat. Sie will einen neuen Ausschuss zum Thema Integration.
    foto: gruene linz

    Marie-Edwige Hartwig sitzt für die Grünen im Linzer Gemeinderat. Sie will einen neuen Ausschuss zum Thema Integration.

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