Österreich als Weltkomödie

23. Oktober 2009, 18:54
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Thomas Bernhard ist in der realen Politik des Landes angekommen - Von Alexandra Föderl-Schmid

Wien ist anders. Zum Unterschied von Berlin oder London hat die Hochkultur auch hohes Prestige in der Bevölkerung. Wer Burgtheater-Direktor wird, interessiert in den Kaffeehäusern, Taxis und Restaurants genauso stark wie die Person des Bundespräsidenten, des Bundeskanzlers oder des Erzbischofs.

Nur die Gewichtungen verschieben sich manchmal. Bruno Kreisky und Kardinal Franz König stellten das Burgtheater in den Schatten, Bundespräsident Rudolf Kirchschläger hat so gut gepredigt, dass der Kardinal, wenn er auf einem ÖGB-Kongress auftauchte, zum Politikstar mutierte. Claus Peymann wiederum dominierte das öffentliche Leben in einer Weise, dass man von nichts anderem sprach als von der Burg als politischem Theater.

Er hatte aber Thomas Bernhard als kongenialen Partner - und die Kronen Zeitung, die noch vor der Uraufführung von Heldenplatz im Oktober 1988 titelte: "Österreich, 6,5 Millionen Debile!" Bernhard wurde als "Österreich-Beschimpfer" und "Nestbeschmutzer" bezeichnet, der damalige Bundespräsident Kurt Waldheim hielt "dieses Stück für eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes". Angelockt von den öffentlichen Debatten wollten 130.000 Zuschauer Heldenplatz sehen - und damit das Drama von Professor Josef Schuster, der sich aus dem Fenster einer Wohnung am Wiener Heldenplatz stürzte, weil "die Situation in Österreich noch viel schlimmer als vor 50 Jahren", zur Zeit des Anschlusses, sei.

Seit der Uraufführung sind 21 Jahre vergangen. Die von Bernhard beschriebenen Zustände - der starke Einfluss von Kirche und Wirtschaft auf Parteien, reaktionäre Tendenzen der österreichischen Gesellschaft - finden sich heute noch, häufig sogar verstärkt. Wer den Wahlkampf der FPÖ beobachtet, sieht vieles von dem, was in Bernhards Stücken als groteske Übertreibung und Zuspitzung erschien, im realen Leben angekommen.

Dass der neue Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann nach seinem Premieren-Feuerwerk von Faust I und II bis zu Lady Macbeth von Mzensk an der Staatsoper nach sechs Wochen zur Überzeugung kommt, "dass wir inkludiert in diesem Pentagramm zwischen Parlament, Rathaus, Bundeskanzler und Bundespräsident politische Verantwortung übernehmen müssen", zeigt, er ist in Österreich angekommen. Der Norddeutsche nennt es die "Krankheit Burgtheaterdirektor", dass die Kunst zum Mittler werden müsse, "den mündigen Bürger wie den verantwortungsbewussten Politiker fordern".

Von der Politik wird die Kunst längst nicht mehr gefordert. Die SPÖ hat ihr Wahlversprechen zumindest in dem Punkt eingehalten, dass Kultur wieder Ministerrang hat. Aber indem sie ein Doppelressort kreierte und mit Claudia Schmied eine ehemalige Bankerin bestellte, die sich vor allem mit Neugebauer und Co in Bildungsangelegenheiten herumschlagen muss, war die Rangfolge klar.

Dabei ist Österreich eine kulturelle Großmacht, die sich wie Frankreich einen eigenen Kulturminister leisten müsste. Denn es ist vor allem das Kulturangebot, das die Touristen ins Land lockt.

Auf dieses Erbe berief sich auch Bruno Kreisky, der der Welt und seinem Volk vorspielte, Österreich wäre etwas Besonderes. Dass wir inzwischen Teil eines vereinigten Europa sind, wird von der politischen Klasse, die auf das Kleinformat schielt, ignoriert.

Wer die Posse rund um die Nennung eines österreichischen EU-Kommissars verfolgt, sieht Thomas Bernhard bestätigt: das Land als "Weltkomödie" und "Österreich selbst ist nichts als eine Bühne". Wenn schon Politik als Theater inszeniert wird, dann sollte das wenigstens auf dem Niveau der Burg geschehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26.10.2009)

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