Immer wieder Österreich..

23. Oktober 2009 18:55

Realitätsblindheit als Leitkultur? Weiterwurschteln als Zukunftsvision? - Befund eines Skeptikers: Christian Fleck

Wohin geht Österreich? So zu fragen unterstellt, es gäbe noch wen, dessen Sorgen über den Horizont der morgigen Berichterstattung über das heute vollmundig Verkündete hinaus reichen, der einen Plan hat, der mehr als die Eroberung eines bestimmten Postens oder dessen Verteidigung gegen Konkurrenten zum Inhalt hat.

Dem kann man mit Recht entgegenhalten, dass sich glücklich die fühlen können, die nicht in interessanten Zeiten leben. Sicherheit, Wohlstand und Stabilität sind das Gegenteil dessen, was interessante Zeiten auszeichnet. Was soll also die Klage? Spricht aus ihr nicht nur Wohlstandsüberdruss? 

Möglicherweise. Doch müsste man mit Blind- und Taubheit geschlagen sein, fiele einem nicht auf, dass Apathie und Resignation heute häufiger zu beobachten sind als etwa noch vor zehn Jahren (als die schöne neue Welt des Internets Euphorie auslöste), vor zwanzig (als das Ende Sowjeteuropas Hoffnungen weckte) oder noch mehr Jahren (als gar soziale Utopien sprießten). 

Seit einem Jahr reden alle von der Krise des Finanzmarktes. Aber im Alltag merken davon nur jene etwas, die einen Bekannten unter den Entlassenen oder Kurzarbeitenden haben. Die Krise erleben wir nicht, wir fürchten uns nur davor. Und finden uns bereitwillig mit der Zusicherung der institutionalisierten Politik ab, dass man "alles im Griff" habe. Achselzucken statt Aufbegehren scheint zum Signum der Gegenwart geworden zu sein.

Wohin entwickelt sich aber eine Gesellschaft, wenn alle Zeichen auf Weiterwurschteln stehen? Oder anders formuliert: Wie zukunftsfähig ist Österreich? 

Zukunftsfähigkeit meint, dass die kommenden Jahre einer Absicht unterworfen werden, weil ein Plan verfolgt wird. Dazu bedarf es zuvor aber einer Analyse der Mängel und einer realistischen Beurteilung der Möglichkeiten, sie zu verändern. 

Dazu gehört auch, sich darüber klar zu werden, wer denn Akteur dieses Wandels sein kann.

Im Folgenden soll an vier Beispielen gezeigt werden, dass diesbezüglich schwere Zweifel zu äußern fast unabweisbar ist - sowohl was die Analyse-, als auch, was die Gestaltungsfähigkeit betrifft. 

Die Beispiele sind so gewählt, dass sie nicht jene Klagen wiederholen, die schon niemand mehr hören kann. Es geht also nicht um die Vorzüge des Mehrheitswahlrechts, das - hätten wir es - für die Demokratie alles andere glücklich fügen würde; es geht nicht um die Staatsreform, die - wenn sie denn eines Tages beschlossen wäre - uns aller Budgetsorgen entheben wird. Es geht ebenso wenig darum, jene Entwicklungen anzuführen, die auch in Österreich Platz greifen werden, weil wir als Mitglied - soll man sagen glücklicherweise? - Entscheidungen der EU in nationales Recht und heimische Politik umzusetzen haben. Schließlich geht es mir auch nicht darum, irgendeine handliche soziale Utopie zu propagieren, die die Welt, wenn schon nicht aus den Angeln zu heben, so doch in einen Zustand zu versetzen verspricht, der das Leben erst richtig lebenswert macht. 

Zukunftsfähigkeit bedeutet, Politikfelder so zu analysieren, dass sich Konturen eines Konsenses abzeichnen: Was ist das zu lösende Problem und welche Vorschläge welcher Interessensgruppen stehen einander gegenüber?

Mit der tagtäglichen koalitionären Kompromisspraxis und deren vermeintlichen oder tatsächlichen Gefährdungen (Hacklerregelung! EU-Kommissar! „Neidkonto"!) hat das nichts zu tun, da diese ständig darauf schielt, die eigene Klientel versorgt zu wissen und insofern nach wie vor vom Proporzdenken bestimmt ist. Proporz ist die Karikatur von Konsens. Proporz-Kompromisse folgen der Logik des Dealens. Konsensfindung ist Ausdruck politischer Kultur. 

Innovation als Importware: Viel Papier und heiße Luft

Die Regierung Schüssel gründete 2000 den Rat für Forschung und Technologieentwicklung, der seither nicht müde wird, die heimische Innovationspolitik beflügeln zu wollen. Berge von Papier wurden produziert, vor allem aber tat sich der Rat mit der Verkündigung von Strategien hervor: Auf die 2005 verkündete "Strategie 2010" folgte 2007 eine "Exzellenzstrategie", und im vergangenen August wurde in Alpbach die "Strategie 2020" feierlich aus der Taufe gehoben, an deren Ausarbeitung mitzuwirken "alle" eingeladen waren, wofür ein eigenes Webportal eingerichtet wurde. Abermals wurden viel Papier und noch mehr Kilobyte beschrieben - zum Beispiel unter der verlockenden Überschrift "Vision 2020" mit Sätzen wie diesem: "Österreich ist eine erfolgreiche und international anerkannte Innovationsnation. Exzellente Forschung und radikale Innovationen sind die Basis für Österreichs führende Position..." Wer da noch weiter liest, demonstriert Leidensfähigkeit.

Als Beratungsorgan der Bundesregierung formuliert der Rat nicht deren Strategie, sondern rät ihr nur zu einer. Eine Strategie ist ein Plan von jemandem, der mehr oder weniger klare Interessen verfolgt. Ihr Vorhandensein soll sicherstellen, dass die Richtung nicht alle paar Augenblicke geändert wird. Wo eine Strategie zustande kam, weil vorher widerstreitende Interessen ausgelotet und Kompromisse gefunden wurden, mag es Sinn machen, eine Agentur einzurichten, die darüber wachen möge, dass nicht vom vereinbarten Weg abgekommen werde. Doch diese Agentur mit der Ausarbeitung, Umsetzung und Überwachung zu beauftragen heißt, sie allein zu lassen mit den widerstreitenden und zumeist mächtigeren Interessengruppen.

Eine Rat-Einsicht mit dem zweifelhaften Wert, den Plattitüden nun einmal haben, besteht darin, dass seine Experten herausgefunden haben, dass Österreich zu den "Innovation Followers" zähle, die das nachmachen, was die "Innovation Leaders" kreierten, und zur Beruhigung wird aufgezählt, welche Staaten mit uns in der B-Liga spielen. Für das Politikfeld Innovationsstrategie trifft tatsächlich zu, was der Rat aber genereller meinte: Alle Bestandteile der heimischen Innovationspolitik der vergangenen beiden Jahrzehnte wurden aus dem Ausland, vor allem aus der EU-Zentrale, importiert: der Rat selbst, die 3%-Quotenmagie, die Führer und Gefolgschaft-Unterscheidung etc. 

Verzichtet wurde hingegen auf eine Analyse der Bedingungen möglicher Innovationspolitik. Sie hätte an ein paar Eckpfeilern österreichischer Realpolitik rütteln müssen, um beispielsweise zu enträtseln, wie in einem Land, in dem alle entscheidenden Positionen proporzmäßig besetzt waren und sind, dennoch eine international beachtliche Wirtschaftsleistung erzielt werden konnte.

Stattdessen trotten die Innovationsratgeber brav hinter den Kolonnen her und glauben, das wäre schon eine Innovation. Auf diese Weise haben wir alles, was alle anderen auch haben, und noch ein paar Nischen, wie die Glock-Pistolen, die österreichische Tunnelbautechnik und das weite Feld der Künste und Geisteswissenschaften, die den Innovationstechnokraten ebenso wenig Profit versprechen wie die (Kultur-)Landschaft, die via Fremdenverkehr weit mehr zum heimischen BIP beiträgt.

Asyldebatte: Hysteriker gegen Rechthaber

Wer die soziale Realität durch die Brille der heimischen Massenpresse wahrnimmt, muss ob der veröffentlichten (Leserbrief-)Erregung zum Schluss kommen, Massen von Fremden hätten sich hier breitgemacht. Die Ministranten der Nächstenliebe verstärken diesen Eindruck. Wer ständig die Öffnung der Herzen, Brieftaschen und Grenzen einmahnt, arbeitet den Verteidigern des Ur-Österreichischen und Abwehrkämpfern gegen die Überfremdung unabsichtlich zu. Um ein Stichwort aus der jüngsten Erregung um das Fremdengesetz aufzunehmen: Der „gefühlten Realität" anderer damit zu begegnen, diese Gefühle als eingebildete beiseiteschieben zu wollen, ignoriert, dass die Deutung der Welt (nicht nur von Fremdenpolizisten) Wirklichkeit schafft und reale Folgen hat.

Für IT-Experten aus Indien waren wir nicht attraktiv und werden es angesichts des alltäglichen Umgangs der Österreicher mit Ausländern auch nicht werden. Deswegen werden wir realistischerweise auch in Zukunft frühere Asylwerber und illegal nach Österreich Eingewanderte einbürgern (müssen). Weil wir uns im Gegensatz zu Ländern mit Einwanderungspolitik die Neo-Österreicher nicht aussuchen, müssen wir mit jenen das Auslangen finden, die da sind.

Um Realismus Platz greifen zu lassen, bedürfte es eines öffentlichen Konsenses, der ohne Popanze auskommt: Ja, wir sind ein für andere attraktives Land. Ja, wir brauchen Arbeitskräfte, Steuer- und Abgabenzahler. Ja, wir wollen nicht alle nehmen, aber unter denen, die schon da sind, sollen wir eine Auswahl treffen können und jene, die unseren Kriterien nicht genügen oder deren Asylantrag in letzter Instanz abgelehnt wurde, schieben wir ab und machen das in einer Weise, die einer entwickelten Demokratie würdig ist. Zustimmung zu all diesen Prinzipien kommt einer Minderheitenfeststellung in Sachen Einwanderungspolitik gleich.

Natürlich kann man sich auch eine klügere und noch viel leichter eine menschlichere Vorgangsweise ausmalen. Jungen Afrikanern, die, allein schon weil sie es bis nach Mitteleuropa geschafft haben, unter Beweis stellten, dass sie über reichliche Alltagstüchtigkeit verfügen, eine Berufsausbildung anzubieten, statt sie in den illegalen (Drogen-) Markt zu drängen, ihnen dann mit Rückkehrprogrammen unter die Arme zu greifen und sie so zu möglichen künftigen Partnern in einem Afrika zu machen, das irgendwann einmal als Markt interessant werden wird, würde die sprichwörtlichen zwei Fliegen treffen. Statt eines Abschiebezentrums ein Ausbildungszentrum zu errichten, wäre auch eine fruchtbare Neuerung der Entwicklungshilfepolitik. Nur: In einer unübersichtlichen Welt gibt es keine einfachen Lösungen. Statt bester Wege kann es nur zweitbeste geben, was bedeutet, dass Kompromisse geschlossen werden müssen. Doch dazu müssten die Verteidiger versteinerter Positionen anerkennen, dass auch die jeweils anderen ein wenig recht haben.

Akademischer Tunnelblick in der  Bildungspolitik

Österreich ist das einzige Land, das seinen Studenten weder Aufnahmeprüfungen noch Studiengebühren abverlangt. Diese Großzügigkeit kommt allerdings nur einem sehr geringen Anteil der Gleichaltrigen zugute. Der größere Teil der jungen Österreicher wird ausbildungsmäßig in Berufe hineinkomplimentiert, die die überwiegende Mehrzahl nach Ende der Ausbildung nicht weiter ausüben können wird. 

Das bessere Viertel der Bevölkerung, die mit Matura, verfügt über das, was der französische Soziologe Pierre Bourdieu treffend kulturelles Kapital genannt hat. Sie haben Zugang zu den Medien und deswegen wird in aller Ausführlichkeit über die Härten der Aufnahmeprüfungen zum Medizinstudium berichtet, doch kaum einmal wird das Schicksal jener, die keinen Lehrplatz finden, mit vergleichbarer Empathie geschildert. 

In die Welt der Lehrberufe ist die Botschaft der Wissensgesellschaft noch nicht vorgedrungen. Die Berufsausbildung folgt immer noch der längst obsoleten Vorstellung, als junger Mensch erlerne man einen Beruf, den man dann den Rest seines Lebens ausübe. Die beliebtesten Lehrberufe sind absehbare Sackgassen, weil die Berufe die große Zahl von Arbeitskräften nicht aufnehmen können (deren schönfärberische Berufsbezeichnungen ja kaum zu verbergen vermögen, welche Jobs jemandem tatsächlich zugemutet werden, der oder die sich "Klimatechniker" oder "Gastgewerbeassistentin" nennen darf).

In einem Punkt herrscht allerdings eine bemerkenswerte Parallelität zwischen Gebildeten und Ausgebildeten. Jene, die als Studierende scheitern - bei der Studienabbrecherquote sind wir Weltspitze -, und die, die nach dem Ende der Lehre keine Stelle in ihrem erlernten Beruf finden, sind aufgefordert, die Gründe dafür ausschließlich bei sich selbst zu suchen. Selbstattribuierung nennt das die Sozialpsychologie, und Soziologen verweisen darauf, dass das auf verquere Weise zur Stabilität von sozialen Ungleichheitsstrukturen beiträgt. Wer meint, an sich selber gescheitert zu sein, kommt gar nicht auf den Gedanken, das soziale Arrangement, das diese Ergebnisse notwendigerweise hervorbringt, als Ursache in Erwägung zu ziehen.

Ein Land, dessen Repräsentanten nicht erröteten, als sie die Lissabon-Strategie mitunterzeichneten, in der davon die Rede war, dass Europa bis 2010 der "wettbewerbsfähigste und dynamischste wissensbasierte Wirtschaftsraum der Welt" werden solle, "der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren Zusammenhalt zu erzielen" - ein solches Land leistet sich eine Bildungspolitik, die über Wochen hinweg Schlagzeilen mit Belanglosigkeiten wie Lehrerarbeitszeit und Nachmittagsbetreuung macht. Der österreichischen (Aus-)Bildungspolitik wurden die hochtrabenden europäischen Absichten bislang nicht einmal in homöopathischen Dosen verabreicht.

Verfall der  öffentlichen Kritik: Reflexe statt Reflexionen

Wer ist für das in den vorigen Beiträgen geschilderte Schlamassel verantwortlich? Kommentatoren neigen dazu, den Reformstau den Politikern anzulasten. Daran ist manches wahr, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Ein erheblicher Teil der Verantwortung für die skizzierte Misere kommt einer Gruppe von Zeitgenossen zu , die man gemeinhin Intellektuelle nennt und deren Verhalten mir in mehrfacher Hinsicht geeignet erscheint, das eingangs benannte Gefühl der Resignation eher zu verstärken als aufzubrechen. Warum ist das so?

Da sind einmal jene, die man Pawlow'sche Kritiker nennen kann. Eine Handvoll Intellektueller ist stets zur Stelle, wenn ihr Auslösereiz klingelt: Wenn es gegen Faschisten geht, zürnt die heimische Literaturnobelpreisträgerin, wenn es gegen die Verharmlosung eines Arbeitermörders und dessen angebliche Wiedergänger in den politischen Wandelhallen der Gegenwart geht, wirft sich ein promovierter Romancier ins Zeug, wenn die heimischen Schulen wieder einmal im Argen liegen, mahnt der pensionierte Pädagogikprofessor; Leser dieser Seite kennen weitere Beispiele. Dabei will ich gar nicht sagen, dass diese Interventionen unberechtigt wären - im Gegenteil: in zwei von drei Fällen (mindestens) ist der Protest wohlbegründet und punktgenau formuliert. Doch bevor man den Kommentar zu lesen beginnt, weiß man schon, was kommen wird und welche Lehre daraus zu ziehen ist: Denk doch endlich so wie ich!

Eine weit größere Gruppe verzichtet überhaupt darauf, Kritik zu üben, weil sie als eingebettete Intellektuelle Rücksicht auf ihre Gastgeber nehmen und die Einladung zu künftigen Bettungen nicht aufs Spiel setzen wollen. Über diese Spezies etwas anderes als tief empfundene Verachtung zu artikulieren, fällt mir schwer, zumal dem Dauerschlaf dieser Bettgänger der Macht kaum etwas entgegenzusetzen ist: Wohl situierten Duckmäusern und Langeweilern "Wacht auf!" zuzurufen, fällt in Don Quichottes Ressort.

Ähnlich prekär wie die Beziehung zu den Mächtigen ist das Verhältnis zum Volk. Karikaturisten der Vergangenheit geißelten die Bösartigkeit der Mächtigen, bannten die Verschwendungssucht der Reichen aufs Papier und entblößten die Trotteligkeit der Herrschenden. Wir Bildungsschnösel ergötzen uns an den Zeichnungen von Manfred Deix, deren Verachtung der „gewöhnlichen" Leute kaum zu überbieten ist. Der amerikanische Sozialwissenschaftler Michael Walzer hat darauf aufmerksam gemacht, dass Gesellschaftskritik nur wirksam werden kann, wenn die kritisierte Gesellschaft als eigene begriffen und empfunden wird_...
Die Verachtung der Massen hat in Österreich eine lange Tradition, und mehr als einmal lieferte die Geschichte den Verächtern auch Anlass, sich in ihrer Abscheu bestätigt zu sehen. Aber: Eine demokratische Gesellschaft ohne Mitsprache der Majorität kann sich nur der imaginieren, der sich als Nachfahre Josephs II. sieht.
Dieser Neo-Josephinismus ist weitgehend immun gegen Anregungen und Kritik (der eigenen Position), stellt keine Fragen mehr, sondern sucht die Wirklichkeit nur mehr nach Belegen für die immergleichen Antworten ab. Und wer immer schon weiß, was richtig wäre, der braucht ja tatsächlich mit niemandem mehr zu diskutieren. 

Eine ähnliche Haltung manifestiert sich auch in der stetig um sich greifenden Protestkultur des "Zeichensetzens". Wann immer etwas Verwerfliches geschieht, findet sich alsbald jemand, der ein Zeichen setzen will, um das Böse zu bannen. Nach einem durchzeichneten Abend zieht man mit dem wohligen Gefühl von dannen, es "denen da" wieder einmal gezeigt zu haben. - Nichts ist weniger politisch als solche Gefühlsaufwallungen. Politisch wäre es, mit Personen anderer Überzeugung zu diskutieren, sie mit Argumenten zu traktieren und sich mit ihnen zusammenzuraufen. 

Das Fehlen produktiver öffentlicher Debatten über das Gemeinwohl kann man jedenfalls keinem der üblichen Verdächtigen in die Schuhe schieben. Daran sind weder der Neoliberalismus noch Kärnten schuld. Es ist unsere eigene Zögerlichkeit, Faulheit und die kaum überbrückbare Distanz gegenüber „gewöhnlichen" Leuten und deren schwer erträglichen Weltsichten. Doch eher kann man Massen dazu befähigen, die Welt ein wenig anders zu sehen, als dass ein Wunderwutzi unser aller Problem für uns lösen wird. 

Meine Befürchtung: Österreich wird weiterwurschteln, und Österreichs Intellektuelle werden weiter schweigen oder wiederkäuen. Die drängenden Probleme werden weiter liegenbleiben. Nichts würde mich mehr freuen, als mit dieser Prognose nicht recht zu behalten. (Christian Fleck/DER STANDARD Printausgabe, 24.10.2009)

Christian Fleck lehrt Soziologie an der Universität Graz und war in den vergangenen vier Jahren Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie.

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    1 2
    Karl Staudinger
     
    04.11.2009 00:45
    mit dem finger auf das böse hinzeigen

    die diskussion über zentrale politische herausforderungen beschränkt sich in österreich - auch im intellektuellen milieu - weitgehend darauf, mit dem finger auf die bösen zu zeigen.

    merci, herr fleck, dass sie drauf hinweisen, dass das für unser aller weiterentwicklung genau NICHTS bringt - im gegenteil, es ist das kontinuierliche bemühen darum, sich vor einer wirklichen änderung der verhältnisse zu drücken. voraussetzung einer solchen ist nämlich, dass man an der wirklichkeit ansetzt.

    beste grüße nach graz aus dem wienerwald
    karl staudinger

    Max Kahlenberg
    02.11.2009 23:06
    "Aufklärung" ? In Österreich ?

    Ein Widerspruch in sich !!!

    Peter Sichrovsky
    01.11.2009 05:27

    Österreichische Intellektuelle: Ein Paradebeispiel für ein Oxymoron.

    Christoph Karl Steininger
    26.10.2009 17:10
    "Massen von Fremden hätten sich hier breitgemacht"

    Aber das haben sie doch. Massen von Fremden mit fremdländischer Kleidung, Männer die nicht mit Richterinnen, Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen usw. reden wollen.
    Aber die Sozialleistungen wollen sie schon haben, möglichst für die ganze Sippe, das nennt man dann "Familiennachzug". Die Nachzügler weigern sich natürlich auch die österreichische Kultur auch nur zur Kenntnis zu nehmen und verlangen daß die Scharia in unser Rechtssystem integriert werde.
    Sicher sind die Reaktionen der "Massenpresse" gelegentlich überzogen. Aber den berechtigten Sorgen der Bürger mit intellektuellen Hochmut zu begegnen bringt auch nicht viel!

    Linus Tintifax
    03.11.2009 18:37
    intellektueller hochmut

    wo sie den in herrn flecks äußerst ernüchternder kolummne erkennen wollen, ist zumindest mir schleierhaft. vielleicht verwechseln sie ja hochmut mit skepsis...

    Löschkandidat
    26.10.2009 16:34
    Es gibt Intellektuelle in A. Leider haben Sie sich Ihre Verpflichtung als "Role model" mit den Worten

    "Da haben'S a Institut und jetzt schleichen Sie sich, wir wollen nie mehr 'was von Ihnen hören." abkaufen lassen.

    larachat
    26.10.2009 15:56
    durchblick?

    der diagnose des stillstandes kann ich mich anschließen, aber diese zustandsbeschreibung arbeitet hier leider mit - unzutreffenden - schuldzuweisungen:

    - die "hysteriker" in der asyldebatte (auch "ministranten der nächstenliebe", hört sich immerhin lyrischer an als "gutmensch") reagieren angesichts der im neuen fremdenrecht beschlossenen inhalte so verstört. bitte informieren sie sich, herr fleck!
    -es stimmt, dass viele (links)intellektuelle diese gesellschaft nicht mehr verstehen. aber es fordert sie auch niemand: es gibt nur wenig streit- und diskussionskultur in diesem land. einmal sehen, was sich heute, montag, 26.10. abends im audimax abspielt, immerhin haben sich dort ja felber, charim, menasse, lobo angesagt.

    Curd Hombre
    26.10.2009 15:35
    Gewurstelt wird nur, wenns um österreich geht....

    Österreich = die schnöde Bevölerung!

    Wenn's um Parteienfinazierung, das Einsackeln in die eigene Tasche, Versorgung der eignen Klientel(Banken usw.) ghet, da wird nicht geurstelt.ad wird hochprofessionell agiert - ganze Akte verschwinden,w erden vergessen usw!

    Araquin
    26.10.2009 14:55
    Danke!

    Ein wunderbarer Essay, der den Finger auf die Wunden legt.

    Und besonderen Dank dafür, daß einmal jemandem auffällt, wie lieb die Eliten in Ö. zu sich selbst und zueinander sind (was sich auch in deren Porträtierung im TV und in der sonstigen Öffentlichkeit niederschlägt), und wie man die Mehrheit der Bevölkerung, also die nicht so toll Gebildeten, runtermacht und der Lächerlichkeit preisgibt.

    Was auch die Erfolge der Herren H und jetzt S erklärt, die sie nicht von oben herab behandeln. So leicht hätte man es diesen Seelenfängern nie machen dürfen.

    Waxolunist
    26.10.2009 14:37

    Ich fand den Teil über die Integration sehr gut. Gefällt mir.

    avision
    26.10.2009 13:59
    Eine ausgezeichnete Reflexion ...


    Wer ist für das in diesem Beitrag geschilderte Schlamassel verantwortlich?
    Ja, der Herr Dr. Karl !!!

    Nun ja, der Gerichtspsychiater Reinhard Haller meinte: den Mangel an Visionären in der Politik, psychopathische Züge als beste Karrierevoraussetzungen und die Eigenheiten der österreichischen Seele.

    Wir erleben ja bereits seit Längerem eine Politik ohne Konturen. Und ein Bundeskanzler hat einmal gesagt:
    „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

    Ich denke, das war die psychopathologische Verwechslung von Visionen mit Halluzinationen.

    JonBut
    26.10.2009 13:54
    Der Deutsche Kulturkreis

    hat sich nun mal mit heisser Milch die Zunge verbrannt und löffelt nun Joghurt mit Vorsicht.
    Der Generationenkonflikt der 68´er Jahre wurde abgewürgt, die Sprösslinge danach haben deshalb, trotz 89, wenig bis keinen realen Bezug zu "Werten".
    Die "Alten" sind schon tot, oder mucksmäuschenstill, die tragende Gewissenssäule ist fix und fertig überfordert, der Nachwuchs frei und unbeholfen.
    Das sind zugegebenermassen "Wehen" für einen neuen sozialen Wurf. Aber diesmal nicht aus Not, sondern aus Frust.
    Es fehlen herzergreifende Ideale; denn auch Wohlstand zerdrückt jedwede Hoffnung für ein befriedigendes Leben.

    Orakel1
    26.10.2009 11:09
    Es hat schon eine historische Tradition, dass in ..

    ..regelmäßigen Abständen Österreich sich selbst ins Abseits stellt. Uns fehlt völlig die Eignung, die vorhandenen Problembereiche wahrhaftig und selbstkritisch zu analysieren und machen grundsätzlich für das selbstverschuldete Diemma die "Anderen" haftbar. Und die "Anderen" sind immer die Gleichen: der politisch Andersdenkende, die selbstgewählte Regierung, das Ausland im allgemeinen und im Besonderen die EU. Wir gefallen uns in der verlogenen und mitleidsheischenden Rolle, dass alle und alles gegen uns ist. Dabei übersehen wir den wahren Schuldigen: nämlich wir selbst. Wir biegen uns lieber die Wahrheit zurecht und haben Angst vor der Realität. Lernfähigkeit kennen wir nicht.

    KingKong Number 1
     
    26.10.2009 09:19
    Als Teil des Establishments

    vergißt er geflissentlich den Quantensprung, der auf uns zu kommt. Wenn der ökonomische Unterbau nicht mehr trägt, dann kann nicht mehr weitergewurschtelt werden, dann werden Brüche, Risse und Kanten die österreichische Gesellschaft umwandeln. Vielleicht sogar genau 100 Jahre nach der ersten großen Zerstörung anno 1918.

    FSK
    25.10.2009 23:40
    nichts Konkretes

    Das ist Raunzerei auf mittlerem Niveau.
    Braucht niemand.

    j sokrates
    25.10.2009 21:44
    Mit unserern visionären Vordenkern

    Aristoteles Faymann und Immanuel Pröll, ist in diese Richtung kein Staat zu machen...

    Lazarsfeld
    25.10.2009 19:49

    In Österreich gibt es heute keine Intellektuellen, mit Ausnahme vielleicht von Rudi Burger. 60% ereifert sich in politischer Korrektheit und der Rest schweigt dazu, um sich die berufliche Entwicklung nicht zu verpatzen. Das ist aber kein österreichisches Spezifikum, sondern ein EU Phänomen. In Österreich wird nur wieder übertrieben, wenn z.B. eine ÖVP Ministerin eine "gendergerechte" Schreibweise verordnet, als ob der Duden oder das ÖWB nicht reichten. Wir leben heute in einem neuen gesamteuropäischen Biedermeier. Metternich läßt grüßen.

    Lars Eisbär
    26.10.2009 06:45
    Woanders is a net besser

    Die geliebte Österreichische Behauptung, ”…anders ist es auch nicht besser” (und daher nicht aufregen und ärgern, geschweige etwas zu ändern zu versuchen), ist aber FALSCH und wird nicht durch Wiederholung mehr wahr.

    Lazarsfeld
    26.10.2009 10:39

    Selbstverständlich wäre das falsch. Nur, das Österreich, dass die Mehrheit noch im Bewusstsein hat, gibt es in der Realität nicht mehr. Österreich heute ist eine Provinz in einem imperialen Kontext. Alle Veränderungen, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden können, auch die von Fleck, sind mit diesem imperialen Kontext bewusst oder unbewusst abgestimmt. Auch Fleck kann sich der herrschenden "politischen Korrektheit", die dieses System ideologisch abzusichern versucht, nicht ganz entziehen, trotz seiner Reputation und politischen Beziehungen. Die akademische Intelligenz spürt, dass die Musik woanders spielt. Schauen Sie sich z.B. das folgende EU Projekt an. Hier entsteht unsere Zukunft.
    http://www.indect-project.eu/

    Igor Gassner
    25.10.2009 19:21
    ES ist leider heute schwierig

    die Richtung die ein Land geht zu beurteilen denn es ist diese Entwicklung laengst nicht mehr von uns allein abhaengig. EU und zuwandernde Kulturen werden zumindest zu 51 % unsere Zukunft bestimmen. Gaebe es diese zusatzbeeinflussung nicht und es wirde ja in oesterreich vom Establischment immer so getan als gebe es keine geteilte kulturelle zukunft und keine EU dann waere dieser Artikel zu 100 % richtig leider aber gibt es diese zwei wesentlichen Elemente deshalb muss es heissen was ist ueberhaupt noch in unserer Hand. Wir bestimmen weder ueber die gesetze der Zukunft die von der EU zu 70 % bestimmt werden noch ueber die Bevoelkerung der zukunft die zu 70 % von den Kindern der Zuwanderer bestimmt werden wird.

    sotho talker
     
    25.10.2009 23:42
    wenn ich mir manche postings durchlese dann fällt mir eine enorme angst auf.

    haben wir europäer so wenig selbstvertrauen?

    sie zeichnen irgendwo ein bild von einem kulturraum mit 700 mio einwohnern der von (im vergleich) ein paar wenigen überrannt und assimiliert wird.

    das bild ist absurd.


    jetzt, hier und heute wird in einem großen lobenswerten projekt an der künftigen identität europas gebaut. (die nicht perfekt sein wird, aber immerhin besser als die letzen 200 jahre!)

    und alles was den österreichern mehr oder weniger kollektiv dazu einfällt ist "wir fühlen uns so unterlegen und haben angst"?

    ist es österreichisch alles woran man scheitern kann zu verdammen um es im nachhinein eh schon gewußt zu haben? ist das unser ausweichmechanismus um nicht die ärmel raufkrempeln zu müssen und mitzuarbeiten?

    bobo de droite
    25.10.2009 14:51
    stark !

    ich wage mal die behauptung, dass dies einer der 10 wichtigsten beiträge ist, die jemals im standard erschienen sind.

    messerscharfe analyse. besonders angetan hats mir der satz:
    "Was ist das zu lösende Problem und welche Vorschläge welcher Interessensgruppen stehen einander gegenüber?"

    daran haperts nämlich am meisten. besonders bei der linken ist 'das problem' bereits teil des daseinsgrunds (sozialisten=umverteilung, grüne=umwelt) und lässt daher keine andere als die im parteiprogramm festgeschriebene problemdarstellung zu.

    Christiane Amanpour
     
    25.10.2009 13:43
    Die österreichische Frage 2009: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

    Der Soziologe Fleck stellt diese Kernfrage ohne über Geld & Besitz zu reden. Er kritisiert das Fehlen einer produktiven öffentlichen Debatte, also die Medien, lässt aber aus, wem die Medien gehören & wessen Lied sie daher singen.

    Er behauptet fälschlich, dass Österreich keine Uni-Zugangsbeschränkungen und keine Studiengebühren hätte. Am Gang der Studienzulassungsstelle der Uni Wien prangen Schilder, die diese Propaganda widerlegen. Nur Erststudium + 2 Sem. ist gebührenfrei, alles andere muss gezahlt werden. Aufnahmsprüfungen f. gewisse Fächer gibt es auch.

    Außerdem lässt Fleck aus, dass die Bildungsselektion in Ö schon bei den 10-jährigen beginnt, eine europ. einmalige Situation.

    Proporz gibt es leider überall.

    Genauer bitte.

    x aeins
    25.10.2009 09:27

    sehr interessant der Punkt: "Deix - Verachtung der Massen" - und als Gegenpol ein verknöcherter Josephinismus
    Vielleicht liegt eine Ursache aber wirklich in Bildungsunterschieden,der mit einem neuen Aufklärungsschub zu verbessern wäre - anders als nach der Art Josephs II,mit seinem (lt.Friedell) "spezifischen österreichischen Schwachsinn,der glaubt,wenn etwas genau aufgeschrieben ist,dass es dann schon existiert"
    Hier wärs vielleicht wert weiterzudiskutieren?

    johannes reichhart
    25.10.2009 07:42
    schön, herr fleck, leider alles wahr!

    nur eine anmerkung: sie sind soziologe. waren (oder sind noch) präsident der öst. ges. f. soziologie.

    mich wundert seit langem, warum sich die soziologie nicht für die völlig anachronistischen umgangsformen in ö. interessiert. der titelwahn, die falschheit, die sich als höflichkeit tarnt, die unterwürfigkeit gegenüber jeder art von vorgesetzten, behörden, amtskappeln.

    warum gibt es noch hofräte, warum sind mittelschullehrer professoren, warum wird jeder geschäftspartner mal vorbeugend als herr dr. oder wenigsten herr ing. angeredet? warum ist der gute name nichts wert in ö.?

    warum ist das der soziologie wurscht?

    wenn man, wie ich, nach 10 jahren ausland heimkehrt, erlebt man einen kulturschock,wähnt sich versetzt ins biedermeier

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