Ein Nachruf auf die Österreichers

23. Oktober 2009, 18:58
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Irgendwie scheint sich der schlimmste Albtraum zu verwirklichen, den der Mann ohne Eigenschaften je zu träumen imstande war. Denn alles, selbst der Fußball, deutet darauf hin, dass Österreich – 90 Jahre nach seiner letzten_Hervorbringung – zu einer europäischen X-Beliebigkeit geworden ist, die sich in nichts von kontinentalen Alltäglichkeiten wie Deutschland, Italien oder Ungarn unterscheidet.

Das aber bedeutet, dass ein Porträt von Herr und Frau Österreicher – unlängst noch Garant für zufriedene Buchhändler – unversehens zu einem Nachruf werden muss. Dummerweise, denn über Verstorbene soll man ja nicht matschkern. Was aber wäre dann das Österreichische an so einem Porträt?

Zur Welt kamen Herr und Frau Österreicher am 10. September 1919 in Paris, wo man ihm und ihr in die Geburtsurkunde schrieb, sie wären Bewohner dessen, was der Rest ist. Das wäre nicht so schlimm gewesen, hätte vor diesem 10. September irgendwer gewusst, was zuvor das Ganze war. Dem war aber nicht so. Wie es war, kann man bei Robert Musil nachlesen. Und hätte das etwa Jörg Haider getan, er hätte seinen Befund mit der ideologischen Missgeburt weit fundierter – also begrifflich oszillierender, in der Unendlichkeit allfälliger Möglichkeit herumschwa-dronierend, kurz: österreichischer – argumentieren können.

So tat er bloß, was auch die Österreichers so beleidigend oft taten. Er achtete bloß die Tatsache, dass auch geöffnete Türen feste Rahmen haben. Solch Musil’sche Einsicht ist aber nur dann wirklich wichtig, will man offene Türen einrennen, wie das die Österreichers gerne taten, nicht nur in ihrer Freizeit.

Das Ableben von Herr und Frau Österreicher – unlängst sogar von Anton Pelinka konstatiert – ist in Wahrheit ein europä-ischer Trauerfall. Denn dieses schmucke Paar war insofern eine kontinentale Singularität, als es in seiner enervierenden Rückwärtsgewandtheit jene Vision am Leben gehalten hat, die Leute wie Haider (oder sein Hundeflüsterer Hans Dichand) dann endgültig zu Grabe trugen. Hätten die Bewohner dessen, was der Rest ist, länger durchgehalten, sie könnten dem in der Schlagfalle des Nationalismus festhängenden Kontinent durchaus als Leitbild dienen. Und wahrheitsgemäß erzählen, dass, wie und warum ein großes Reich an seiner eigenen Unaussprechlichkeit zugrunde gehen kann. Das nämlich geschieht gerade. Wieder.

Man sollte ja, sagte einer der letzten echten Österreicher, „Geschichte lernen“. Nicht nur, aber auch, wenn man Redakteur ist. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.10.2009)

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