"Mousart" und Tafelspitz

23. Oktober 2009, 18:34
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Die Innen- und Außensicht Österreichs als Teil der Biografie: Der Dirigent Carlos Kalmar

"In Chicago führten sie mich in eine Straße, die Gothi ausgesprochen wird - mit dem englischen ‚th‘" , erinnert sich Carlos Kalmar. Es dauerte, bis er herausfand, dass dieser "Gothi" eigentlich Goethe hieß. Und dass manche von "Mousart" schwärmen, ist Kalmar ist als Chefdirigent des Oregon Symphony-Orchesters in Portland und als Erster Dirigent des in den USA legendären Chicago Grant Park Music Festivals längst gewohnt.

Der Wechsel der Innen- und Außensicht Österreichs ist für Carlos Kalmar seit seiner Kindheit ein bestimmender Teil seiner Biografie. Seine jüdischen Eltern mussten 1938 aus Wien fliehen. Erst nach Bolivien, dann nach Montevideo, wo er seine Kindheit verbrachte. 1973 kehrten die Kalmars wieder in die für Carlos fremde Heimat Österreich zurück.

Nach Wien, wo der Jugendliche seine Leidenschaft zum Beruf machte: Erst studierte er am "Kons" Geige, dann dortselbst und später an der Musikuniversität Dirigieren.

Dieser Beruf führt - in österreichischer Tradition - schnell wieder ins Ausland. 1987 wurde er Chefdirigent der Hamburger Symphoniker. Er leitete die Stuttgarter Philharmoniker, war Dessauer Generalmusikdirektor und nur drei Jahre Chefdirigent der Niederösterreichischen Tonkünstler, bevor er in die USA berufen wurde.

Und so erlebte er alle Spielarten des weltweiten Österreich-Bildes: Steht dieses Land in Europa ohnehin in erster Linie für "Musik und Skifahren" - so studierte er einmal in Schanghai "mit einem klassischen Orchester die Zauberflöte ein, dessen Musiker noch nie etwas von dieser Oper gehört hatten." Kalmar musste sich "völlig auf die universelle Sprache der Musik" verlassen. Denn "sprachlich konnte ich mich mit den Chinesen nicht verständigen - weder auf Englisch und auf Deutsch sowieso nicht. Ich musste selten einem Orchester so viel vorsingen wie damals."

In den USA ist nun "die Vielfalt der Möglichkeiten immens. Man trifft Menschen, die vieles über Österreich wissen. Man trifft auch das Gegenteil." Zum täglichen Brot gehört der "kleine Aufklärungsunterricht über österreichische Küche" . Dass etwa "Schnitzel with Noodles" nicht wie in "Sound of Music" ein heimisches Nationalgericht ist.

Außerdem gibt es in Portland einen Fleischer, der nun weiß, was ein Tafelspitz ist: "Als ich nachfragte, meinte er, ich solle eine Kuh zeichnen, dann schneidet er mir das Fleisch schon zurecht." Und nicht zuletzt bereitet es Kalmar "immer großes Vergnügen, den Leuten zu erzählen, dass Beuschel sehr gut schmeckt" .

Aber er hat oft auch "Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in der klassische Musik eine solche Rolle spielt, das sie auf die ‚front page‘ der Zeitungen kommt" . Doch seit 2003 gab es kein einziges Engagement mehr in Österreich. Vielleicht gilt für Carlos Kalmar ja auch der "Leidspruch" von Qualtinger: "In Wien musst erst sterben, dass dich hochleben lassen. Aber dann lebst lang." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.09.2009)

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