"Exzellente Köpfe verlassen das Land"

23. Oktober 2009, 18:07
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Computerwissenschafter A Min Tjoa ist mit 13 aus Indonesien nach Österreich geflüchtet - seither fühlt er sich hier sehr wohl heimisch, beobachtet aber mit Sorge den Fremdenhass

Standard: Sie sind mit 13 aus einem damals diktatorisch geführten Land nach Österreich gegangen. Wo fühlen Sie sich heute, da die Demokratie in Indonesien kein Fremdwort mehr ist, heimischer?

Tjoa: Das ist schwer zu sagen. Wenn ich in Indonesien bin, bin ich dort daheim. Wenn ich in Österreich bin - und das bin ich die meiste Zeit - natürlich hier. Heimat ist dort, wo Freunde und Verwandte leben. Das gilt für beide Länder. Als ich in den 1990er-Jahren erstmals seit rund drei Jahrzehnten wieder nach Indonesien flog, war das so, als wäre keine Zeit vergangen. Heimat ist aber auch dort, wo ich arbeite und eine geistige Heimat gefunden habe. Das ist natürlich vor allem Österreich durch meine persönliche Geschichte.

Standard: War das schon immer so, oder fiel Ihnen mit 13 Jahren die Integration nicht ganz so leicht?

Tjoa: Mitte der 1960er-Jahre war eine völlig andere Situation in Österreich als heute. Ich war der einzige Ausländer in der Klasse, und uns wurde in Sachen Integration nichts in den Weg gelegt. Ich hatte einen Deutschlehrer, dem es vorerst egal war, ob mein Deutsch perfekt ist. Er wollte mir helfen, es zu perfektionieren. Während die meisten Schulkollegen nur Zusammenfassungen der Pflichtliteratur lernten, sagte er mir, ich könnte Pluspunkte sammeln, wenn ich bei speziellen Fragen nach Inhalten dieser Werke eine richtige Antwort wusste. Mit diesen Punkten konnten die Deutsch-Schularbeiten, die am Anfang alle mit "nicht genügend" benotet wurden, kompensiert werden. Das hat mir geholfen, so habe ich die Sprache gelernt.

Standard: Ist die Literatur ein Teil des Heimatbildes von Österreich geworden?

Tjoa: Sicher gehört das zum Österreich-Bild jedes geistig aktiven Menschen hierzulande dazu. Musil, Zweig, Schnitzler, oder wie die Klassiker alle heißen. Die Liebe zu einem literarischen Werk hängt für mich aber nicht davon ab, ob es etwa aus Österreich stammt. Woran ich nicht glaube, das sind die Stereotype - etwa des raunzenden, nörgelnden Wieners, die sich zum Teil in der Literatur widerspiegeln.

Standard: Aber der Wiener gilt bis heute als Raunzer. Falsches Bild?

Tjoa: Es stimmt sicher, aber es gibt mindestens genauso viele weltoffene Menschen hier, die nicht jammern und nicht im Anderen die Schuld an ihrem Schicksal suchen.

Standard: Eine Eigenschaft, die auch den Fremdenhass schürt. Wie beeinflusst der ihr Österreich-Bild?

Tjoa: Massiv. Neulich saß ich in der U-Bahn und musste telefonieren. Da meinte eine ältere Dame, sie sei froh, wieder einmal jemanden Deutsch reden zu hören. Das finde ich schon absurd, wenn man das mir gegenüber, einem gebürtigen Indonesier, sagt. Ich lese auch die fremdenfeindlichen Parolen mancher Politiker mit Sorge. Migranten machen auch Fehler, wenn sie immer unter sich bleiben und sich vielleicht aus Angst abkapseln.

Standard: Hat sich der Umgang mit Wissenschaftern aus dem Nicht-EU-Ausland verbessert?

Tjoa: Es hat sich vereinfacht. Aber es gibt noch immer Hürden. Man kann als Forscher noch immer nicht direkt von der Uni weg ein Unternehmen gründen. Da müssen wieder einige Jahre dazwischen als "Schlüsselarbeitskraft" verstreichen. Da liegen dann Ideen jahrelang in der Schublade. Exzellente Köpfe verlassen das Land dann wieder, weil sie die Planungssicherheit, die sie suchen, hier nicht finden. Da geht Österreich nach wie vor viel Know-how verloren. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 24. - 26. 10. 2009)


Zur Person
A Min Tjoa (56) ist Professor für Softwaretechnik an der Technischen Universität Wien und Leiter des Kompetenzzentrums Secure Business Austria.

  • Heimat ist dort, wo Freunde und Verwandte leben. Für A Min Tjoa ist das mittlerweile neben  Österreich auch wieder Indonesien.
    foto: fuchs

    Heimat ist dort, wo Freunde und Verwandte leben. Für A Min Tjoa ist das mittlerweile neben Österreich auch wieder Indonesien.

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