Gegen die Ohnmacht

24. Oktober 2009, 09:55
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Adelheid Popp: Ihre Kindheit verbrachte sie in Armut, hinaufgearbeitet bis zur Abgeordneten hat sie sich aus eigener Kraft

Sie starb im Bewusstsein, alles, woran ihr Herz hing, verloren zu haben. Hilde Schmölzer über Adelheid Popp (1869-1939).

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Das Elend ihrer frühen Jahre ist symptomatisch für Generationen von Arbeiterkindern im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Vater, ein aus Böhmen nach Inzersdorf eingewanderter Weber, prügelt seine Frau regelmäßig im Suff, schwängert sie fünfzehnmal und lässt seinen Jähzorn auch an den fünf überlebenden Kindern aus - zehn sind im Säuglingsalter gestorben. Die umfangreiche Familie - Adelheid ist die Jüngste - bewohnt ein einziges Zimmer, in dem gearbeitet, gewohnt und geschlafen wird. "Was ich von meiner Kindheit weiß, ist so düster und hart und fest in mein Bewusstsein eingewurzelt, dass es mir nie entschwinden wird" , schreibt Adelheid in ihren Jugenderinnerungen.

Adelheid Popp, geborene Dworak, wird die profilierteste Vertreterin der ersten sozialdemokratischen Frauenbewegung Österreichs. Später wird sie von einem weinenden, fünfjährigen Kind berichten, das am Weihnachtsabend zum ersten Mal einen von der Mutter mühsam zusammengesparten Christbaum bekommt, den der alkoholisierte Vater im Jähzorn mit einer Hacke zerschlägt. Von ihrer Scham, wenn sie als "Neujahrswünscher" wohlhabende Familien anbetteln musste. Von einer Herzogin, die ihr ein paar Schuhe für den Winter schenkt und bei deren Besuch sie sich zum ersten Mal in einem Spiegel sieht. Und von den Bemühungen der Mutter, sich und die Familie nach dem frühen Krebstod des Vaters durch Gelegenheitsarbeiten durchzubringen. Sie erzählt sachlich, in einer schlichten Sprache ohne Pathos und ohne jeden literarischen Anspruch. Das Buch mit dem Titel Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin, das 1909 - vorerst anonym - erscheint, erlebt schnell mehrere Auflagen und wird in zehn Sprachen übersetzt. Es führt nicht nur vielen Arbeiterinnen ihr eigenes Schicksal vor Augen, sondern sensibilisiert auch bürgerliche Kreise für das Elend der proletarischen Unterschicht.

Obwohl Adelheid durch Näharbeiten dazuverdient, stellt der Schulbesuch in Inzersdorf, wo sie geboren ist, eine große finanzielle Belastung dar. Ihre Mutter musste bereits mit sechs Jahren als Dienstmädchen arbeiten - ein Schicksal, das sie Adelheid trotz extremer Armut ersparen will. Aber schon nach der dritten Klasse Volksschule findet die Mutter (die weder lesen noch schreiben kann), dass ihre Tochter genug gelernt hat und zum Familieneinkommen beitragen muss. Zwar ist ein achtjähriger Schulbesuch damals bereits obligatorisch und auch Kinderarbeit untersagt, doch werden diese Gesetze häufig umgangen.

Adelheid hat ihre Mutter geliebt, beschreibt sie als aufopfernd und bemüht, ihre Kinder "redlich zu erziehen und vor Hunger zu schützen". Sie steht ihr ganzes Leben zu ihr, obwohl die Mutter im Alter die Tochter immer weniger versteht, ihr Vorwürfe macht, dass sie das in ihren Augen höchste Glück, nämlich Hausfrau und Mutter zu sein, einer politischen Karriere opfert.

Als Adelheid zehn Jahre alt ist, zieht sie zusammen mit der Mutter von Inzersdorf nach Wien, wo sie jetzt arbeiten muss. Zuerst zwölf Stunden täglich in verschiedenen Textilwerkstätten, mit 13 Jahren wird sie Fabriksarbeiterin. Ihr größter Wunsch: einmal ausschlafen können. "Schlafen wollte ich, bis ich selbst erwachte, das stellte ich mir als das Herrlichste und Schönste vor." Zweimal versucht ihre Mutter sie in einer Lehre unterzubringen, um ihr einen ordentlichen Beruf zu ermöglichen. Aber die Lehrherren und -frauen kassieren zwar das mühsam aufgebrachte Lehrgeld, benutzen Adelheid jedoch als Mädchen für alles, sodass sie gar nichts lernt.

Schließlich rächt sich der ständige Raubbau an dem jungen Körper: Sie erleidet mehrere Ohnmachtsanfälle und wird in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Dort geht es ihr so gut wie noch nie zuvor, sie bekommt regelmäßiges Essen, besitzt zum ersten Mal in ihrem Leben ein eigenes Bett und saubere Wäsche. Als die Ärzte ihr auch noch Lesestoff besorgen, ist ihr Glück vollkommen. Neben den bislang wahllos verschlungenen Kolportageromanen, Indianergeschichten und Berichten aus kaiserlichen und fürstlichen Häusern liest sie jetzt Schiller und Daudet. Aber nach ihrer Entlassung aus der Klinik stellen sich die Ohnmachtsanfälle neuerlich ein, sie wird als Vierzehnjährige zu alten, siechen und verwirrten Frauen in ein Armenhaus gesteckt, und nur ein Zufall bewahrt sie davor, in ihr "Heimatland" , Böhmen (aus dem ihr Vater stammt), abgeschoben zu werden.

Die Wende in ihrem Leben

Mehrmals ist sie sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Einmal kündigt sie deswegen ihre Arbeit in der Fabrik, was wiederum schwere Vorwürfe der Mutter zur Folge hat. Oft irrt sie an kalten Wintertagen beschäftigungslos durch die Straßen, leiert an Wohnungstüren ihr "Bitt schön um Arbeit" herunter und flüchtet schließlich verzweifelt in irgendwelche Kirchen, um dort inbrünstig zu "Maria, der Jungfrau" und allen Heiligen um Arbeit zu beten. Adelheid ist zu dieser Zeit nicht nur kaisertreu, sie ist auch fromm.

Die Wende in ihrem Leben stellt sich nicht nur durch etwas bessere Arbeitsbedingungen, sondern durch eine Bewusstseinsänderung ein. Sie beginnt, sozialdemokratische Blätter zu lesen, hat ihre erste Begegnung mit Sozialdemokraten (meist Freunde ihrer Brüder) und besucht - oft als einzige Frau- ihre ersten Versammlungen. Langsam erkennt sie, dass ihr Schicksal nicht gottgewollt, sondern veränderbar ist. Ihr Geschlecht empfindet sie dabei als großen Nachteil: "Dass ich als Mädchen in der sozialistischen Bewegung oder im politischen Leben überhaupt etwas leisten könne, wusste ich damals noch nicht." Sie möchte ein Mann sein. Auch von der "Frauenfrage" hat sie trotz inzwischen erfolgter Gründung des Arbeiterinnenbildungsvereins "keine Ahnung ... es schien alles nur Männerleid und Männerelend zu sein" .

Tatsächlich ist der Antifeminismus damals unter den Genossen noch sehr verbreitet, viele halten an der traditionellen Frauenrolle fest, und erst spät, nämlich am Parteitag des Jahres 1907, wird der Aufbau einer freien politischen Frauenorganisation beschlossen. Hemmend wirkt sich das sogenannte Vereinsgesetz aus, das Frauen jede politische Betätigung verbietet und erst 1918 aufgehoben wird. Häufige Gefängnisstrafen von Genossinnen - auch Adelheid Popp muss eine vierzehntägige Haft absitzen - sind die Folge. Ihre erste Rede 1891 vor einer Versammlung schildert Adelheid emphatisch: "Als ich die Stufen zum Rednerpult hinaufging, flimmerte es mir vor den Augen, und ich spürte es würgend im Halse. Aber ich überwand diesen Zustand und (...) sprach von den Leiden, von der Ausbeutung und von der geistigen Vernachlässigung der Arbeiterinnen ..." Ihre Rede wird nicht nur mit großem Beifall aufgenommen - dass eine Frau öffentlich zu den Genossen spricht, ist höchst ungewöhnlich -, sie wird auch in einem Fachblatt abgedruckt und Adelheid Popp in der Folge eine begehrte Rednerin auf Versammlungen. "Ich kam mir vor, als hätte ich die Welt erobert." Wieder arbeitet sie bis zur Erschöpfung, eilt nach elf Stunden Arbeit in der Fabrik zu Versammlungen in ganz Wien, meist zu Fuß, denn die Pferdestraßenbahn endet früh am Abend, auch hätte sie sich die Fahrtkosten nicht leisten können. Sie plädiert für eine separate Frauenorganisation, für eine vermehrte Aufnahme von Frauen in die Gewerkschaft, polemisiert gegen die "Heiligkeit der Ehe" und beteiligt sich am ersten Arbeiterinnenstreik. Von der bürgerlichen Presse als Hetzerin und Aufwieglerin verschrien, schreibt sie Beiträge für die Arbeiterinnen Zeitung, die ab Jänner 1892 zweimal pro Monat als Beilage zu der von Victor Adler gegründeten Arbeiter Zeitung erscheint. Nachdem das Blatt dann im Oktober 1892 als unabhängiges Organ der Frauenbewegung herauskommt, wird sie zur Chefredakteurin ernannt. Eine beispiellose Karriere für eine halbe Analphabetin, die sich Bildung mühsam selbst beibringt und deren erste Artikel wegen fehlender orthografischer Kenntnisse von Viktor Adler korrigiert werden müssen.

Zu Beginn des Jahres 1894 heiratet sie den 20 Jahre älteren Julius Popp, Mitherausgeber der Arbeiter Zeitung, Parteikassier und neben Victor Adler der wahrscheinlich wichtigste Mann in der Partei. Ihre Ehe, in der sie zwei Söhne zur Welt bringt, stellt sie stets als beispielgebend dar. Dass Julius sie nicht in ihrer politischen Arbeit behindert, sondern im Gegenteil dazu ermutigt, erscheint ihr so außergewöhnlich, dass der vielfach belasteten Frau, die wieder mit Ohnmachtsanfällen zu kämpfen hat, der Gedanke an Mithilfe im Haushalt gar nicht kommt.

Nachdem ihr Mann nach nur neun Jahren Ehe stirbt, bleibt sie mit zwei Kleinkindern, der über 80-jährigen Mutter und einer halbwüchsigen, von Tuberkulose bedrohten Nichte zurück. Zu den schweren finanziellen Sorgen kommen ständige Krankheiten, aber erst nach elf Jahren wird ihr bedrohlicher Zustand von der Partei wahrgenommen und ihr ein Gehalt ausbezahlt, mit dem sie ihre Schulden begleichen kann.

Im ersten Weltkrieg erwartet sie ein weiterer Schicksalsschlag: Ihr Sohn Julius fällt neunzehnjährig an der Front. Neun Jahre später stirbt der zweiten Sohn Felix an Grippe.

Wie sehr Adelheid und die Genossinnen ständig an doppelter Front zu kämpfen haben - nämlich für die politischen Rechte des Proletariats auf der einen und gegen die Männer in der eigenen Partei auf der anderen Seite - und wie oft sie zu Kompromissen gezwungen sind, zeigt ihr Kampf für das Frauenwahlrecht. Obwohl die sozialdemokratische Partei die einzige ist, die eine - in der Praxis allerdings sehr halbherzig geübte - Forderung nach dem Frauenstimmrecht in ihr Programm aufgenommen hat, verzichten die Frauen immer wieder aus Parteidisziplin zugunsten der Männer. "So sehr wir uns bewusst sind, dass das gleiche Recht, für das wir kämpfen, das gleiche Recht der Frauen in sich schließt, sind wir mit Ihnen einer Meinung, dass der Augenblick des großen Kampfes, der jetzt gekommen ist, nicht dazu angetan ist, das gleiche Recht der Frauen in den Vordergrund zu stellen." 1907, als das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht beschlossen ist, wird diese Haltung der österreichischen Genossinnen auf der 1. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Stuttgart auch heftig kritisiert.

Als Frauen 1918 endlich das aktive und passive Wahlrecht in Österreich erkämpft haben, zieht Adelheid Popp zusammen mit acht weiteren sozialdemokratischen Frauen ins Parlament ein und übernimmt nach Clara Zetkin den Vorsitz im "Internationalen Frauenkomitee". Sie setzt sich in der Folge vor allem für die Gleichstellung von Mann und Frau, die Dienstboten, eine Reform des Abtreibungsverbotes ein und veröffentlicht zahlreiche Publikationen.

In ihren letzten Lebensjahren muss sie mit ansehen, wie das Verbot der sozialdemokratischen Partei, die Niederlage der Arbeiterschaft und die Machtergreifung Hitlers ihr Lebenswerk vernichten. Nach ihrem Tod am 7. März 1939 - sie stirbt an den Folgen eines Schlaganfalls - darf kein Nachruf veröffentlicht werden. Aber 1949 erinnert sich das offizielle Österreich und gibt einem Gemeindebau im 16. Wiener Gemeindebezirk ihren Namen. (Hilde Schmölzer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.09.2009)

Zur Person:
Hilde Schmölzer veröffentlichte zahlreiche Bücher über Frauengeschichte. 2008 wurde das Buch "Revolte der Frauen, Porträts aus 200 Jahren Emanzipation" neu aufgelegt. Zuletzt erschienen: "Frauenliebe. Berühmte weibliche Liebespaare der Geschichte" (Promedia Wien).

  • Vom Arbeiterkind zur Abgeordneten, die für die Rechte der Frauen
eintritt: Die bewegte Biografie der Adelheid Popp (1869-1939) führte
nicht nur unzähligen Frauen ihr eigenes Schicksal vor Augen, sondern
schaffte es auch, bürgerliche Kreise auf das Elend und die Bedürfnisse
der Arbeiterschicht aufmerksam zu machen.
    foto: oenb

    Vom Arbeiterkind zur Abgeordneten, die für die Rechte der Frauen eintritt: Die bewegte Biografie der Adelheid Popp (1869-1939) führte nicht nur unzähligen Frauen ihr eigenes Schicksal vor Augen, sondern schaffte es auch, bürgerliche Kreise auf das Elend und die Bedürfnisse der Arbeiterschicht aufmerksam zu machen.

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