Völlige Versöhnung kann es nicht geben

23. Oktober 2009, 18:15
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Carl Djerassi, Eric Kandel und Walter Kohn wurden 1938/39 aus Wien vertrieben - ihre Beziehung zu Österreich hat sich in den letzten Jahren verbessert

Wien - Alle drei waren sie kürzlich in Wien, wenn auch in ganz unterschiedlichen Missionen: Walter Kohn (86), Chemie-Nobelpreisträger 1998, nahm vor wenigen Tagen das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich entgegen. Gedächtnisforscher Eric Kandel (79), Medizin-Laureat 2000, war am Vienna Biocenter, wo er die Spitzenforschungsinstitute IMBA und IMP - sowie das IST Austria in Maria Gugging - berät.

Carl Djerassi (86), der Miterfinder der Antibabypille, hat am Montag anlässlich der Neubestellung der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt einen Vortrag über Integrität in der Forschung gehalten. Beim Standard-Gespräch kurz davor bilanzierte der weltberühmte Chemiker und Autor seine Beziehung zu Österreich. "Mit einer Heimat, aus der man vertrieben wurde, kann es keine völlig Versöhnung geben" , so Djerassi, der 1939 über Sofia in die USA fliehen musste. "Aber mein Verhältnis zu Österreich hat sich in den vergangenen Jahren sicher verbessert."

So wie Kandel und Kohn erhielt auch Djerassi, der mittlerweile wieder ein so gut wie akzentfreies Deutsch spricht, von der Stadt Wien und der Republik Österreich spät aber doch Anerkennungen für ihre enormen wissenschaftlichen Verdienste. Djerassi nahm im Vorjahr zudem die österreichische Staatsbürgerschaft an und zeigte sich umgekehrt sehr großzügig: Er schenkte 65 Werke aus seiner Paul-Klee-Sammlung der Albertina.

Auch der im kalifornischen Santa Barbara lebende Walter Kohn hat seit 1999 "ein neues Verhältnis zu Österreich" , und er betätigte sich ebenfalls als Wohltäter: Am jüdischen Privatrealgymnasium Zwi- Perez-Chajes-Schule in Wien stiftete er einen Walter Kohn-Preis.

Gedächtnisforscher Eric Kandel, seit heuer Ehrenbürger seiner Geburtsstadt, hat zwar immer noch "schmerzvolle Erinnerungen" an die Zeit um 1938. Es habe sich in Österreich aber viel verbessert, so Kandel, der im Standard-Gespräch insbesondere die Bemühungen von Bundespräsident Fischer und Bürgermeister Michael Häupl würdigt. "Sorgen macht mir allerdings der Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit" , so Kandel, der in New York seine zweite Heimat fand und immer noch täglich im Labor steht.

Kosmopolit Carl Djerassi hat sich mit Mitte 80 übrigens noch einmal zu einem Teilzeit-Ortswechsel entschieden: "Ich habe mir in Wien eine Wohnung gekauft. Seit März pendle ich zwischen San Francisco, London und Wien, wo ich je ein Drittel des Jahres verbringen werde." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 24. - 26. 10. 2009)

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