„Und, wie fühlst du dich?"

23. Oktober 2009, 17:42
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Beim STANDARD arbeiten Menschen aus 25 Nationen - Ein kleines Potpourri an ausländischen Innenansichten

Wien - Da ist zum Beispiel das Außenpolitik-Ressort des STANDARD: Die eine Hälfte besteht aus Ausländern (zwei Piefke, ein Katzelmacher). Die andere Hälfte kommt aus der Steiermark - was manchem Wiener wenn schon nicht als nahes Ausland, so doch fernes Inland gilt. Nicht, dass das jetzt Wunder wie repräsentativ für unser Unternehmen wäre, aber eines steht doch fest: Ohne Migranten - die Mitarbeiter des STANDARD kommen aus 25 verschiedenen Ländern - erschiene diese Zeitung nicht; und ohne die quasi ausländische Innensicht auf das Österreichische, wäre sie um einiges ärmer.

Gesinnungsösterreicher

„Und, wie fühlst du dich? Eher als Italiener oder eher als Österreicher?", das sind die Standardfragen, auf die sich der Autor dieser Zeilen eine Standardantwort zurechtgelegt hat: als Gesinnungsösterreicher mit italienischem Pass, dem hierorts - wie den meisten Standard-Südtirolern - zwischen der rührenden Selbstüberschätzung und der lustvoll zelebrierten Selbstanklage so etwas wie ein entspanntes Selbstbewusstsein der Österreicher abgeht. Deswegen: Ja, ihr seid super. Und ja, es gibt hier viel Unappetitliches anzuprangern. Aber, bitte, entspannt euch. Für den Skandalweltmeister reicht es noch lange nicht, da sind die Fratelli d‘Italia doch noch ein wenig versierter.

Bundesländer-Stolz

Unter einem Bekenntniszwang leiden unsere lieben deutschen Kollegen nicht. Was Sache ist, das hört man eh. Auf die Frage, woher sie denn komme, machte Anne Katrin Feßler vor 16 Jahren den Fehler, mit „aus Deutschland" zu antworten. Das wurde ihr prompt als niederträchtiger nationalistischer Hochmut ausgelegt. Hätte sie mit „aus Hessen" geantwortet, hätten die Österreicher vermutlich nur Bahnhof verstanden, aber sie selbst deklarieren sich ja zunächst auch nicht mit „aus Österreich", sonder mit Ober-, Nieder- oder sonst woher aus einem Bundesland. Kulturschreiberin Feßler: „Von dem ganzen Bundesländerstolz der Österreicher wusste ich gar nichts. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt, dass die gleiche Bundesländerzugehörigkeit bisweilen sogar Leute sympathisch macht, die man eigentlich gar nicht ausstehen kann."

Karin Tzschentke, Wirtschaftredakteurin, Deutsche und seit 20 Jahren in Österreich, wundert sich noch immer über das spezifische Talent der Österreicher für das Sudern, Lamentieren und vor allem das „Net-Hinschauen". Der Sprache und dem Charme ist sie wehrlos erlegen. Und der Politik? „Ich geb's zu. Ich bin froh, dass ich hier nicht wählen muss."

Besinnung

Mit der Migrationspolitik hadert Fatih Aydogdu, Künstler und Standard-Grafiker, der in der Türkei geboren ist und seit 27 Jahren in Österreich lebt. Warum ist die hiesige Politik nicht imstande, mit Zuwanderung anständig umzugehen? Immigration fordere auch von einer Mehrheitsgesellschaft ein, das Bild ihrer „einheimischen Kultur" zu revidieren. „Wenn die Aufforderung ,Integration‘ ernst gemeint ist und wenn die politischen Kräfte dieses Landes Ausländerbeschäftigung nicht nur als gefundenes Fressen der Rechts-außen-Politik zuspielen möchten, müssen sich die vernünftigere politische Parteien endlich zu ihren Weltanschauungen und zu humanistischer Politik besinnen."

Integrieren musste sich auch die Chronikredakteurin Colette Schmidt in den 1970er-Jahren in Österreich - und das obwohl sie halbe Österreicherin ist (und halbe Kanadierin). „Wir wurden nicht nur von Mitschülern, sondern oft von Lehrern ausgespottet, wenn wir ein Wort nur in Englisch kannten. Österreicher erklärten mir später oft, dass die Freundlichkeit von Nordamerikanern ja nur aufgesetzt und oberflächlich sei. Ich frage mich dann aber, ob Unfreundlichkeit unbedingt auf ein tiefschürfendes Wesen schließen lässt?"

Gute Frage. Tiefschürfend ist die Unfreundlichkeit vielleicht nicht, aber sie kommt doch von Herzen. Und das ist ja auch eine schöne Form österreichischer Zuneigung. (Christoph Prantner, DER STANDARD Printausgabe, 24./25.10.2009)

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