Wien, Bühne des Balkans

23. Oktober 2009, 18:00
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Wien hat das Balkanische inhaliert, ohne sich dessen bewusst zu sein

Wien - Das Maršal im 16. Bezirk wäre eine ganz normale Bar, auch die Postkartenmotive - Belgrad mit Stiefmütterchen, Mostar im Mondlicht - fielen nicht auf, wären da nicht die Tito-Büsten hinterm Tresen. Im Maršal treffen sich Leute der ex-jugoslawischen Diaspora. Die meisten Ex-Jugos suchen aber keine Orte auf, die sie an die Vergangenheit oder alte Heimat erinnern. Sie sind Wiener geworden, wie Generationen von Migranten zuvor.

Fremd ist auch das Balkanische nicht mehr, im Gegenteil, Wien hat es inhaliert, ohne dass es sich bewusst wurde, wie sehr es die Stadt prägt. Geschätzte 250.000 Ex-Jugoslawen wohnen in Wien, ihre Sprache begleitet die Stadt wie eine Hintergrundmusik. Wer will, kann nicht nur in der Architektur Wiens Belgrad, Sarajevo oder Bukarest wiederfinden, sondern auch in den Diskos, in denen Mädchen mit extralangen Haaren im Kreis tanzen und Burschen solariumgebräunt in der Ecke sitzen, in Grill-Restaurants im Zehnten, wo man Shopskasalat bekommt, oder im Lepa Brena am Wiener Gürtel, wo man den Alltag wegtrinken kann.

Lieber Männer vom Balkan

„Die Community ist total zerstreut, es herrscht Individualismus und Desinteresse an Politik", sagt Goran Novakovic. Er ist so etwas wie der Papa der „Jugos" in Wien. Er kam mit der späteren Einwanderungswelle, der „großen Zäsur", wie er den Krieg nennt, der in Österreich das Gesicht von Flüchtlingen annahm und die „Jugos" auch in der neuen Heimat trennte. Seither hat Novakovic 2500 Wienern Serbo-kroatisch-bosnisch unterrichtet, drei Viertel von ihnen leben in bikulturellen Beziehungen.

„Das Gemeinsame gibt es, aber leider heiratet man nach wie vor lieber jemanden aus der Heimat, insbesondere junge Frauen holen sich Männer vom Balkan", sagt er.
Balkanisches Styling und Redensarten („Ajde!" für „Gemma!") sind Teil der Wiener Alltagskultur geworden, die Stadt ein kultureller Knotenpunkt eines neuen Ostens. Nach dem Zusammenbruch der alten Konzepte musste auch Wien eine Identität in der neuen politischen Geografie finden. Viele finden, Wien sei aufgewacht. 1991 habe die Stadt noch wie eine sozialistische Provinz gewirkt, sagt Novakovic. 

Tor zum Balkan

„Die Südländer haben Wien die Herzenswärme und die Schwarzen das Aussehen einer Weltstadt geschenkt, und deshalb verdienen sie schon jetzt ein Denkmal."
Österreich wurde auch zu einer Bühne des Balkans. Manche rümpfen zwar die Nase und meinen, die kulturelle Infusion aus Südosteuropa sei von Klischees und dem kommerziellem Ethnobeat getragen. Andere haben schlicht Spaß daran. Treffpunkt ist etwa der Ost Klub. „Wien ist die Hauptstadt dieser Szene", sagt Ost-Klub-Chef Matthias Angerer. „Die Stadt wurde durch diese Musik als Tor zum Balkan anerkannt." 

Der Künstler Dejan Kaludjerovic glaubt zwar, dass die Gefühle auf dem Balkan „mehr auf der Oberfläche sind" als hier, er findet aber eigentlich alle Wiener „balkanesisch". „Das ist nicht so wie anderswo in Europa, die trinken hier mehr Kaffee und reden länger." Doch wenn man den Österreichern diese Ähnlichkeit bewusst machen würde, würden „die das nicht mögen".(Adelheid Wölfl, DER STANDARD Printausgabe, 24./25.10.2009)

  • Kulturelle Infusion: Die moldauische Gruppe „Zdob si Zdub" heizt mit „Oma schlägt die Trommel" im Wiener Ost Klub ein

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