"Ich fühlte mich schon sehr wienerisch"

23. Oktober 2009, 18:17
8 Postings

Geboren und aufgewachsen in Wien, vertrieben 1938, eine wissenschaftliche Karriere in den USA: Wo sich George Mandler, Mitbegründer der Kognitions-psychologie, zu Hause fühlt

Standard: Die Universität Wien hat Ihnen kürzlich ein Ehrendoktorat verliehen, 1938 hat Österreich Sie aus dem Land gejagt. Wie erleben Sie die Ehrung?

Mandler: In einer gewissen Weise sehe ich es schon ein bisschen als Wiedergutmachung. Ein Freund hat mich unlängst gefragt, was mir am Ehrendoktorat wichtig sei, die Auszeichnung als Wissenschafter oder die Tatsache, dass Österreich mich auszeichnet. Es ist natürlich Letzteres, und erfreulich ist, dass in den letzten 70 Jahren ein Wandel passiert ist. Österreich bekennt sich dazu, was geschehen ist.

Standard: Sie waren 13, als Sie vertrieben wurden. Fühlten Sie sich als Österreicher?

Mandler: Ich fühlte mich schon sehr wienerisch, ging gerne und viel in den Prater und mochte die Oper. Als ich 1945 hierher zurückkam und klar wurde, wie viele meiner Verwandten umgebracht worden waren, wollte ich nichts mehr mit dem Land zu tun haben. Meine Großmutter hat Theresienstadt überlebt. Wir holten Sie im Winter 1945 nach New York. Sie ist dort 1981 gestorben.

Standard: Und Sie haben jeglichen Kontakt abgebrochen?

Mandler: Mich hat besonders geärgert, wie wenig gegen ehemalige Nazis unternommen wurde. Offiziell hat sich niemand bei mir entschuldigt.

Standard: Als Wissenschafter haben Sie sich viel mit Denken, Erinnerung und Bewusstsein beschäftigt. Wann im Leben formiert sich das Heimatgefühl?

Mandler: Irgendwann zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahr. Es ist auch mit der Sprachentwicklung gekoppelt. Ich kann Deutsch und Englisch gleich gut, meine Schwester, die neun war, als sie Österreich verlassen musste, hat später nie mehr flüssig Deutsch gesprochen.

Standard: Kehren Sie in Gedanken in Ihre Kindheit zurück?

Mandler: Wenn man alt wird, wird man vergesslich, und wenn man das merkt, braucht man andere, um sich erinnern zu können. Nur viele sind mittlerweile gestorben.Wenn ich versuche, meine Kindheitserinnerungen zu rekonstruieren, erzähle ich sie anderen. Erinnern ist ein innerer Prozess.

Standard: Was bedeutet für Sie eigentlich Heimat?

Mandler: Zu Hause fühle ich mich in den USA. Dort lebe ich, ich mag Baseball und identifiziere mich mit dem politischen System. Fünf Monate im Jahr lebe ich in England, wo meine Söhne leben. Ich fühle mich England verbunden. Es ist das Land, das mich gerettet hat. Auch wenn ich nach Wien komme, fühle ich mich zu Hause. Als ich 1938 Wien verlassen musste, war ich Austria-Fan, jetzt bin ich es wieder. Ich wünschte, es wäre eine bessere Fußballmannschaft.

Standard: Kennen Sie Heimweh?

Mandler: Nein, das ist ein Gefühl, das mir fremd ist, ich kenne es in keiner Variante. (Karin Pollack//DER STANDARD, Printausgabe, 24. - 26. 10. 2009)

Zur Person
George Mandler (85), Mitbegründer der Kognitionspsychologie, wurde exakt am 71. Jahrestag seiner Emigration von der Uni Wien mit dem Ehrendoktorat ausgezeichnet

  • "Heimweh kenne ich in keiner Variante": George Mandler.
 
    f.: uni wien

    "Heimweh kenne ich in keiner Variante": George Mandler.

     

Share if you care.