Wieder einmal Zeit, danke zu sagen

23. Oktober 2009, 17:26
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Zum Staatsfeiertag äußert sich alle Welt, Politiker und Medien insbesondere, zur Lage der Nation - Fritz Hausjell montierte die Lagen aus den Jahren 1965, 1985, 2005 und des heurigen, 45. Staatsfeiertags zu einem Mosaik der Zeitgeschichte

Wahrscheinlich sehen wir nächstes Jahr im ORF eine Dokumentation, wie Österreich im TV anlässlich der Nationalfeiertage seit 1965 inszeniert wurde. Erhellend wäre es allemal und das Material im ORF-Archiv auch reichlich. Hier und heute gibt es das Vorprogramm dazu: den rasanten Gang durch jene Zeitungsseiten, die Österreich bedeuteten, weil diese breites Publikum erreichten. Also blättern wir um den Nationalfeiertag in Krone und Kurier. Wir starten erst 1965 - nicht weil die Krone 1955 noch nicht (sondern erst ab 1959) wieder erschien - sondern weil der österreichische Nationalfeiertag heuer zum 45. Mal gefeiert wird.

Krone und Krach

Die Kronen Zeitung hatte am ersten Nationalfeiertag, also am 26. Oktober 1965, den Aufmacher "Volksbegehren für Rundfunkreform ist nun abgewürgt" und als zweite, kleinere Schlagzeile: "Zum Nationalfeiertag: Provisorische Regierung". Es war zum Bruch der wiederholten ÖVP-dominierten großen Koalition gekommen, aus den folgenden Wahlen ging dann 1966 die einzige Alleinregierung der Konservativen in der Zweiten Republik hervor. Am Tag nach dem ersten Nationalfeiertag titelte die Krone: „Krach um Termin für Neuwahlen! Krach um Rücktritt des Nationalrates! Krach um ersten Nationalfeiertag!" Im nachfolgenden Text bemüht die Krone schon damals das Klischee von der abgehobenen Politikerkaste: "Das war ein Nationalfeiertag: Während ein Großteil der Nation arbeitete, statt zu feiern, feierten die Politiker, indem sie stritten."

Beim Nachlesen im Kurier - "Feiern im Parlament, in Schulen und beim Bundesheer" - beginne ich mich an mein erstes Schuljahr 1965 zu erinnern. In der Volksschule von Alt-Lenzing malten wir rot-weiß-rote Fähnchen, aber was damit geschah, darüber versagt das Gedächtnis. "Hasserfüllter Streit in der Koalition", berichtete auch der Kurier am 27. Oktober 1965, aber auch dies: "Ein Demonstrant streute von der Galerie hunderte von Südtirol-Flugzetteln über die Abgeordneten und rief mit gellender Stimme: „Ich bekunde hiermit die geistige Anwesenheit und das Treuebekenntnis Südtirols zu Österreich!‘" Heute bedarf es dafür nicht mehr der Galerie. Der Abgeordnete und Südtirol-Sprecher der FPÖ, Werner Neubauer, witterte Ende Juli 2009 ein „Geheimkomplott" zwischen ÖVP und Rom gegen Südtirol, nachdem zuvor der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf (FPÖ) eine Volksabstimmung zur Rückkehr Südtirols zu Österreich gefordert hatte. Nebenbei bemerkt: ÖVP-Kanzler Klaus habe seine Rede mit der SPÖ nicht abgesprochen, wird am 27. 10. 1965 über den Kurier publik gemacht - wie sehr sich doch die Inszenierungen des politischen Konflikts wiederholen.

Nach vorne schauen

Wir blättern dennoch ins Jahr 1985 weiter. Aus dem Kurier erfahren wir - der sozialdemokratische Kanzler Fred Sinowatz führt damals die kleine Koalition mit der Liberalismus versuchenden FPÖ unter Norbert Steger - am 26. Oktober: "Österreich ist mit Recht selbstbewusst." Auf der Titelseite kommentiert „Rau", also Hans Rauscher, unter dem Titel "Feiern": „Das war alles gut und richtig und ist uns in der ausgezeichneten ORF-Serie "Österreich II" von Hugo Portisch noch einmal eindringlich vor Augen geführt worden. Das war auch dringend notwendig in einer Atmosphäre der Geschichtslosigkeit, des Nicht-Wissens um den Hintergrund unserer Existenz. Aber jetzt müssen wir auch nach vorne schauen. Unsere Industrie muss modernisiert werden. Unser Hochschulwesen ist offenbar nicht auf die Forderungen der Zukunft eingestellt. Unser politisches System droht im kleinlichen Hickhack zu versinken. Feiern ist wichtig, aber nicht alles."

Am Tag davor hatte Hubert Wachter im gleichen Blatt sich die Frage gestellt, "Was die Amerikaner von Österreich halten". „Beste Bonität" in wirtschaftlicher Hinsicht. Bundeskammer-Präsident Sallinger hatte US-Präsident Ronald Reagan einst mit einem Lipizzaner beschenkt. Das Verhältnis USA zu A hing voller Geigen, nicht nur im Kurier, der einst ein amerikanisches Befreiungsblatt war. Aber leider war da auch die dominante eigene Geschichte: „Dann kam uns Walter Reder dazwischen. Und die Sache mit ehemaligen jüdischen Vermögenswerten, Bildern, die in österreichischen Museen vor sich her hingen. Die ‚Mauerbach-Affäre‘." Und der von der BRD nach Österreich spielende Fall des weltweit gesuchten NS-Arztes Dr. Mengele. Außerdem die Sache mit den Technologietransfers in den Osten und Wien als (vermeintlichem) Spionagezentrum und - zuletzt noch der Weinskandal. Österreichs Image in den USA war angeschlagen. Vor allem an der Ostküste, in jüdischen Hochfinanzkreisen, wo man sich „über die ‚braunen‘ Tupfer in Österreich erregte." Soweit Hubert Wachter, heute bei News, damals, 1985, im Kurier. 

Die Krone hatte am 26.10.1985 einen Bankräuber am Cover und Viktor Reimann meinte im Rückblick auf 1955: "Gott war uns gnädig" - und dachte dabei wohl daran, dass es für ihn gut war, dass die Amerikaner nicht dahinterkamen, dass er vor 1938 illegaler Nazi war und 1938 legales Mitglied wurde, was er den Amis 1945 in Salzburg beides verschwiegen hatte. Ernst Trost indes dankte in seiner Kolumne den Amerikanern, die ihm ab 1945 „die weite Welt geöffnet" hatten. Weitere 20 Jahre später ist der Kalte Krieg zwischen West und Ost Geschichte, und andere Bedrohungsszenarien dominieren die österreichische Identitätsfrage. An der Nationalfeiertags-Berichterstattung lassen sich diese nur indirekt, aber dennoch heftig ablesen. 

Wir und die

Identität bedeutet immer ganz wesentlich: Wem gegenüber grenzt sich ein Land, eine Gesellschaft ab, für wen definiert man sich? Blicken wir in die Ausgaben der führenden Zeitungen des Jahres 2005, dann stellen wir Polarisierung fest. Im Kurier glossiert Guido Tartarotti am 26. Oktober 2005 auf der Titelseite vielen Alt- und Neo-ÖsterreicherInnen unter dem Titel „Heimat" aus der Seele: „Unser Nationalessen zum Feiertag ist gebröseltes Flachfleisch, so groß wie möglich: Wir schauen zwar nicht immer über den Tellerrand, aber zumindest hängen wir drüber, in Form unseres Schnitzels. Heimat. Heimat riecht wie Kaffee (stammt aus der Türkei) und hört sich an wie Kurt Ostbahn (ein kroatischer Wiener aus dem Burgenland). Sie macht trunken wie tschechisches Budweiser im Schweizerhaus, schwerelos wie Skifahren (stammt aus Skandinavien) und ehrgeizig wie Fußball (stammt aus England). Heimat schmeckt wie Omas Wiener Schnitzel (stammt aus Italien; und die Oma aus Schlesien). Heimat sieht aus wie Michael Niavarani, Arabella Kiesbauer oder Muhammet Akagündüz. Heimat ist in den Symphonien Gustav Mahlers, den Fantasien André Hellers, den Essays Robert Menasses, den Sketches von Karl Farkas und in den Werken anderer jüdischer Österreicher. Heimat ist das, was man sich nicht nehmen lassen sollte. Schon gar nicht von denen, die einen Kampfbegriff daraus machen wollen."

Ähnlich hatte tags zuvor schon Birgit Braunrath glossiert. Dem wollte die Krone 2005 nur Bundespräsident Fischers Ausspruch "Neutralität bleibt unverzichtbar!" entgegensetzen und Fotos mit Kindern "Auf zum Wandern am Nationalfeiertag", übrigens erstmals 1971, wie ich einer Story des geschichtsbewussten Uwe Mauch im Kurier entnehme. Eine Woche vor dem Nationalfeiertag stellte der Kurier die Frage: "Ist Österreich ein Einwanderungsland?" Er beantwortete sie positiv und berichtet, dass die "Österreichische Liga für Menschenrechte" am 25. Oktober 2005 einen Festakt für 40 Jahre Arbeitsmigration in der Hofburg beging. „Es ist an der Zeit, danke zu sagen", wird Sonja Wehsely, Wiens damalige Stadträtin für Integration, zitiert. Damit hatte sie in der Krone keine Chance. 

Allerdings fand Ernst Trost in der Krone am 26. Oktober 2005 gute Worte für Emigranten, die eigenen nämlich: "Der Staatsfeiertag ist ein guter Anlass, dieser unserer Landsleute zu gedenken, die in der Fremde Österreich im Herzen bewahrten, trotz aller berechtigten Bitternis. Und viel zu vielen hat man auch das Heimkommen nicht leicht gemacht. „Bevor ich sterb, möchte ich nach Hause gehen", dichtete Theodor Kramer in London, doch dann, endlich in Wien, klagte er: „Erst in der Heimat bin ich ewig fremd ..." Die Journalisten in Innenpolitik und Chronik hatten es gewiss nicht gelesen, sonst würden sie nicht weiter in aller Einfalt von "Asylmissbrauch", "Scheinasylanten" und "Schleppern" in der Krone schreiben. (Fritz Hausjell, DER STANDARD; Printausgabe, 24./25./26.10.2009)

Zur Person
Fritz Hausjell, ao. Univ.Prof. für Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien, Präsident der Österr. Ges. f. Exilforschung, Recherche: Tina Singer, freie Publizistin und Dissertantin an der Universität Wien.

  • A"n der Nationalfeiertags-Berichterstattung lässt sich die österreichische Identitätsfrage ablesen": Fritz Hausjell
    foto: standard/cremer

    A"n der Nationalfeiertags-Berichterstattung lässt sich die österreichische Identitätsfrage ablesen": Fritz Hausjell

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    Am Rande der Parade zum 40. Nationalfeiertag, im Jahr 2005: Der Österreicher blickt frohgemut in die Zukunft.

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