Medizin als Familienkrankheit

23. Oktober 2009, 17:24
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In Österreichs Spitälern arbeiten mehr als 1000 Ärzte persischer Herkunft. Ihr Selbstverständnis: multikulturell

Der gute Ruf eines Landes zieht Menschen an. „Wien hatte im Iran immer eine exzellente Reputation in der Medizin", erinnert sich Shapour Djavan, Kardiologe am Wiener Rudolfinerhaus an die Zeit, in der seine beruflichen Weichen gestellt wurden. Der Sohn aus einer Industriellen-Familie, 1939 in Täbriz geboren, sollte nur auf den besten Universitäten ausgebildet werden. 1959 kam Djavan als Medizinstudent nach Österreich, hat eine Ärztin iranischer Herkunft geheiratet und hier eine Mediziner-Dynastie begründet. „Fast alle in unserer Familie sind Ärzte und arbeiten in leitenden Positionen", erzählt Djavans Sohn Bob, Urologe. Iraner, so sagt er, hätten eine „sensationelle Integrationskraft, vergessen dabei ihre persische Herkunft aber nicht." 

Familientraditionen

Rund 1000 Ärzte iranischer Herkunft leben heute in Österreich, schätzt Babak Bahadori, Präsident der österreichisch-iranischen Ärztegesellschaft (ÖIÄG). Auch er kommt aus einer Ärztefamilie. „Medizin zu studieren ist bei uns eine Familienkrankheit, ich bin Arzt in der dritten Generation, ein freiwilliges Medizin-Studium ist so etwas wie eine Pflicht", so Bahadori. Die Geschichten von Iranern, die nach Österreich zum Studium kommen, ähneln sich seit vielen Jahrzehnten.

Österreichisch-iranische Beziehungen bestehen seit mehr als 500 Jahren, im 19. Jahrhundert war Jacob Eduard Polak, ein Mediziner, besonders aktiv. Er kam 1851 an die damals neugegründete Schule „Dar-al-Fonun" nach Teheran. Von dort aus sollte der Iran modernisiert werden, militärisch und naturwissenschaftlich und Po-laks Aufgabe war es, Ärzte fürs Militär auszubilden. Polak unterrichtete dort neun Jahre lang, und zwar so erfolgreich, dass ihn schließlich Schah Naseroddin aus der Dynastie der Qajaren zum Leibarzt machte. Als sein ständiger Begleiter wurde er über die ärztliche Tätigkeit hinaus ein Kulturvermittler. Bis heute gilt Polak als Begründer der modernen Medizin im Iran.

"Arzt der Könige, König der Ärzte"

Polak blieb aber nicht der einzige österreichische Arzt, der persische Herrscher behandelte. Hundert Jahre später war es der Wiener Internist Karl Fellinger (1904- 2000), der das Vertrauen vieler Herrscher im Mittleren Osten genoss. Fellinger, zwischen 1946 und 1975 Vorstand der II. Medizinischen Universitätsklinik in Wien und ab 1964 Rektor, behandelte auch Schah Reza Pahlevi. Fellinger war für viele iranische Ärzte, die nach Österreich kamen, ein großes Vorbild, so auch für Shapour Djavan, der es schaffte, als Assistenzarzt bei ihm zu beginnen. „Wir alle kannten den großen, grauhaarigen und ungemein Respekt einflößenden Mann, der gerne als der Arzt der Könige und König der Ärzte bezeichnet wurde", erinnert sich Mitra Fakhari, Schwägerin von Djavan und Kinderchirurgin am SMZ Ost. 


Für sie so wie für die meisten anderen Iraner ist Österreich eine zweite Heimat geworden. Der Grundtenor vieler, die hier leben: Iran ist ihr Mutter-, Österreich ihr Vaterland.
Die meisten, die im Laufe der 60er- und 70er-Jahre zum Studium nach Wien kamen, konnten kein Wort Deutsch. Die Sprache lernten sie innerhalb kurzer Zeit so gut, dass sie die Zulassungsprüfung zum Studium schafften.

Als fertige Mediziner stellte sich die Frage, wieder in den Iran zurückzukehren, nur kurz. Als der Schah gestürzt und die Islamische Republik ausgerufen wurde, war vielen der Weg zurück aus politischen Motiven versperrt. „Fast alle, mit denen ich studiert habe, sind nicht in den Iran zurückgekehrt", sagt auch ÖIÄG-Präsident Bahadori, der als Internist in St. Pölten tätig ist.

"Wurzeln nicht verleugnen"

Mehdi Mousavi, Primararzt für Unfallchirurgie am Wiener SMZ Ost, kam unmittelbar nach der Islamischen Revolution nach Wien, „allerdings rein zufällig über einen Patienten meines Vaters", erinnert er sich. 15 Jahre lang war er dann nicht im Iran, „Heimat ist da, wo man sich wohlfühlt, meine Wurzeln werde ich nie verleugnen".

Die iranische Community in Österreich versteht sich als intellektuelle Gemeinschaft und ist nicht nationalistisch geprägt, betont Bahadori. Erst 2001 wurde die ÖIÄG vom iranischen Filmemacher und Arzt Houchang Allahayri gegründet. Man sieht sich in der Tradition Avicennas, jenes Universalgelehrten aus Persien, der um 1000 grundlegende Werke der Medizin verfasst hat. „Avicenna vereint Orient und Okzident", und genau das soll auch die Vereinigung der austroiranischen Ärzte leisten. Man veranstaltet Fortbildungen, spricht Deutsch und ist stolz auf jeden Nicht-Iraner, der zu den Treffen kommt.

Als streng apolitische Vereinigung setzt man auf Forschung und Wissenschaft und knüpft weltweit Kontakte. 2010 will man einen Forschungs-Award ausschreiben, auch Österreicher sollen mitmachen. Shapour Djavan organisiert jedes Jahr Herzkongresse im Iran, österreichische Kardiologen sind immer dabei. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 24./25.10.2009)

  • Der persische Gelehrte Avicenna, Leitfigur für die austroiranische Ärztegesellschaft
    foto: standard

    Der persische Gelehrte Avicenna, Leitfigur für die austroiranische Ärztegesellschaft

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