"Treue ist auch ein beruflicher Trumpf"

23. Oktober 2009, 17:40
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Die Französin Martine Marignac, eine fixe Größe des europäischen Autorenfilms und Produzentin von "36 vues de Pic Saint Loup" im Gespräch über Geld, Wut und Treue

Standard: Sie haben Philosophie studiert, unter anderem bei Roland Barthes. Was haben Sie von dort für die Arbeit als Produzentin mitgenommen, was neu lernen müssen?

Marignac: Es hat grundsätzlich meinen kulturellen Background geformt, meinen Blick auf die Kultur und die Welt. Wo ich mich komplett inkompetent fühlte, das waren die ökonomischen Verhältnisse, die Macht des Geldes. Weder meine Herkunft noch mein Studium hatten mich darauf vorbereitet, aber ich habe mir das Schritt für Schritt angeeignet - mit Pragmatismus, manchmal auch mit großer Wut. Noch heute ist die Phase der Geldbeschaffung jene, die mir am meisten Ärger macht und mich am wenigsten interessiert. Aber es muss gemacht werden, man kann sich nicht darum drücken. Alles andere - das Schreiben, die konkreten Vorbereitungen, der Dreh -, das ist dann wie ein Geschenk. Man denkt sich: Uff, ich habe das alles also nicht umsonst gemacht.

Standard: Haben Namen wie Jacques Rivette nicht auch Gewicht?

Marignac: Nein, es wird unbestreitbar immer schwieriger. Ich habe das Gefühl, dass wir am Ende eines Zyklus angekommen sind: Das System, das es einem bestimmten ambitionierten Kino in Frankreich und dem Rest Europas, das man mangels eines besseren Ausdrucks Autorenkino nennt, erlaubt hat, nicht zu verschwinden - dieses System ist dabei, sich aufzulösen. Man wird es neu erfinden müssen, anlässlich des Übergangs zum Digitalen.

Standard: Und ein Film wie "36 vues de Pic Saint Loup" , um welches Budget geht es da?

Marignac: Der Film wird sich schlussendlich im Bereich von 2,5 Millionen Euro bewegen.

Standard: Das heißt, ein Low-Budget-Film.

Marignac: Ja, das kann man so sagen. Wir haben einfach immer weniger Geld. Die Kosten sind einfach mit der Wirtschaftsentwicklung gewachsen, aber die Finanzierung für diese Art von Film nicht. Ein Film wie Jeanne La Pucelle (1993) etwa wäre heute radikal unfinanzierbar. Es war damals schon schwer, heute wäre es unmöglich.

Standard: Ist es noch wichtiger geworden, dass man sich auf seine Komplizen verlassen kann? Auf Schauspielerinnen wie Jane Birkin im konkreten Fall?

Marignac: Es ist offensichtlich, dass es Anstrengungen von allen Seiten braucht, wenn man weiterhin diese Art von Filmen machen will - anders geht das nicht. Natürlich heißt das, dass etwa Darsteller finanziell zurückstecken. Das hat es aber zu allen Zeiten gegeben, in mehr oder weniger bedeutsamen Dimensionen. Natürlich bekommt Jane Birkin bei einem Rivette-Film nicht dieselbe Gage wie für eine kommerzielle Komödie. Das trifft auch auf Michel Piccoli zu oder auf Isabelle Huppert und eine ganze Reihe von Schauspielern, die Renommee haben und es auf diese Weise einsetzen. Und dasselbe gilt natürlich auch für den gesamten Technikerstab.

Standard: Bevorzugen Sie eigentlich langjährige Zusammenarbeiten mit Regisseuren?

Martignac: Ich bin sozusagen von Natur aus treu. Wenn etwas gut läuft, dann sehe ich keinen Grund, das zu ändern. Das ist auch eine Frage von Temperamenten. Ich finde, Treue ist auch ein beruflicher Trumpf - eine Beziehung zwischen Produzent und Regisseur ist komplex, man arbeitet zusammen, man lernt sich kennen, das macht Dinge leichter und entwickelt sich zu einem Vorteil. Wenn man sich besser kennt, geht man freier miteinander um, ist nicht gefangen in Höflichkeiten, das ergibt einen fruchtbareren Austausch.

Standard: Sie haben im August beim Festival von Locarno den Preis für unabhängige Produktion erhalten, im Vorjahr bekam ihn Christine Vachon - ist das Zufall oder ist Produzieren eine Domäne innerhalb des Kinos, die Frauen leichter zugänglich ist als etwa die Regie?

Marignac: Seit zwanzig, dreißig Jahren hat sich das Kino auch für die Frauen geöffnet. Das ist ein Phänomen, das nicht nur das Kino betrifft. Auch wenn man noch nicht von Gleichstellung reden kann, haben wir trotz allem seit '68 die Türen ein bisschen aufgestoßen, und wir sind heute viel zahlreicher in diesem Metier. Als ich anfing, war es zu 95 Prozent männlich. Inzwischen ist die einstige Ausnahme normal geworden ist. Aber ich sehe darin vor allem eine historische Entwicklung, (lacht) genetische Prädisposition sehe ich da keine. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 24.10.2009)

Zur Person:

Martine Marignac studierte Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre in Paris Philosophie und Filmtheorie, bevor sie begann, an Filmproduktionen mitzuarbeiten. Seit rund dreißig Jahren fungiert sie als Produzentin von Jacques Rivette, weiters hat sie Filme von Otar Iosseliani, Chantal Akerman, Jean-Marie Straub /DanièleHuillet, Sophie Fillières u. a. betreut.

36 vues de Pic Saint Loup: 23. 10., Gartenbau, 20.30 Uhr (in Anwesenheit von Jane Birkin);Wh.: 27. 10., Künstlerhaus, 11.00 Uhr

  • Jane Birkin und Sergio Castellito in Jacques Rivettes jüngstem Kinofilm "36 vues de Pic Saint Loup" . Martine Marignac (unten) hat produziert.
    foto: viennale

    Jane Birkin und Sergio Castellito in Jacques Rivettes jüngstem Kinofilm "36 vues de Pic Saint Loup" . Martine Marignac (unten) hat produziert.

  • Artikelbild
    foto: festival locarno
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