Die Finger nicht mehr los lassen

23. Oktober 2009, 17:43
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Tagebuch zur Viennale

Was nervt: Blöde, dröge Plotkadenz, Authentizitätsgetue. Fußnote: authentische Kadenz, musikal.- leitet das Zeitalter harmonisch konzipierter Musik ein, sowie: Bemerkenswert ist, dass sich allein mit der authentischen Kadenz das Gerüst ganzer Kunstwerke aufbauen lässt.

Was ist das mit dem Bedürfnis: So tun, als wär das echt in Text, in Film, was man erzählt, wobei dieses Erzählen eine Form annimmt, die jeder Echtheit entbehrt, die einen Anfang hat, einen Schlusspunkt, Bedürfnis unterm Teppich, welches sich am Höhepunkt herauskehrt. Gegenentwürfe, zum Beispiel: Sich fragen, erstens, welche Realität erzähle ich da eigentlich? Oder, zweitens: Sich verweigern der Kadenz in ihrer dramaturgischen Kurvenform. Welche Realität ist das denn, bin ich im Kopf oder ist der im Fernsehn, dieser Herr Pupkin am Ende von Martin Scorseses The King of Comedy, der mit demselben Gesicht ganz nah kommt, das davor zu oft sein eigenes Traumgesicht gewesen ist.

Diese Möglichkeit, Uneindeutigkeit am Ende ist essentiell fürs Ganze: Wozu den Finger in die Wunde legen und draufdrücken, wenn dann ohnehin alles wieder zuwächst wie durch Zauberkraft? Was die Komödie machen soll und muss: Finger fest und aber nicht mehr loslassen, oder zumindest Wunde existent und dann Abspann und gut.

Größtmögliche Verzweiflung ergibt größtmögliche Komik (aber bitte ohne Figurenverrat!), oder, um sinngemäß mit Alan Ayckbourn zu sprechen: Licht geht ohne Schatten nicht, und umgekehrt. Also eigentlich eine große Traurigkeit hinter allem, aber auch deswegen oder überhaupt deswegen erst interessant: Wenn das Lachen wehtut, entweder weil's kommt, oder weil's feststeckt.

Anfänglich wahrnehmbarer Widerspruch zu oben, zweitens, Kadenzverweigerung: In der Not tut der Mensch Unüberlegtes, will heißen Verzweiflung versetzt in Bewegung, wenn nicht, versetzt sie Ungewolltes in Bewegung, es bewegt sich also was, wie dann bitte im plotunabdingbaren Genre um die dramaturgische Drögheit herummanövrieren? Was am meisten nervt am Kurvenfetischismus ist die Vorstellung, dass man was sucht, das einen erfülle, dass man nur ein Mensch ist, wenn die Löcher endlich wieder zu sind, die vorher einer reingeschossen hat oder man selbst.

Seltsame Glücksvorstellung, damit ist es wie mit den Emotionscodes: Dass man "weiß" , wie eine Trauer auszusehn hat, eine Wut, eine Verweigerung, eine Liebe, und dass man sie nur so als solche (an)erkennt, bloß: meine Trauer, die ist irgendwie nicht so, hm. Die Figuren in Wes Andersons Rushmore sind ebenso wenig so, sind zerfranst und zerbeult, und die Komik aus ihrer Verzweiflung tut weh, weil ihre Handlungen nicht verhandelbar sind, weil sie nicht anders können, außer vielleicht noch vom Dach fallen, endgültige Lebensverweigerung.

Ihre Versehrtheit macht diese Menschen unzulänglich, sie schaffen die direkte Kommunikation nicht, außer manchmal, wenn's einfach rausmuss, wenn's nicht passt. Ansonsten reden sie, sagen nichts, sagen aber gerade so alles, und das macht Rushmore so komisch, und das macht "Rushmore" so traurig. Am Ende sind keine Löcher geflickt, keine positive Ganzheitskomplettierung, sondern ein Akzeptieren des Mangels, weil das doch der Punkt ist, so, anders nicht. (DER STANDARD/Printausgabe, 24.10.2009)

Zur Person:

Gerhild Steinbuch, Autorin und Dramatikerin, besucht derzeit für den Standard die Viennale.

  • Zerfranste und zerbeulte Helden:Jason Schwartzman in Wes Andersons "Rushmore".
    foto: viennale

    Zerfranste und zerbeulte Helden:Jason Schwartzman in Wes Andersons "Rushmore".

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