Schlechte Karten für "Eurosauce"

23. Oktober 2009, 16:55
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Europas Öffentlich-Rechtliche haben eine Schwäche für wahre Geschichten, zeigt sich beim Prix Europa - Die Siegeschancen für die acht ORF-Beiträge sind gering, für Aufsehen sorgte die Anstalt beim Wettbewerb dennoch - Mit Ansichtssache

Wer sich beim Prix Europa den Juroren stellt, muss einstecken können. "Fürchterliche Dialoge", "schrecklich gespielt", "glaubwürdig wie der Weihnachtsmann", urteilen die Kritiker nach Ansicht nicht zimperlich. Nicht jeder verträgt das gleich gut: Die ukrainischen Dokumentaristen verlassen den Wettbewerb bereits am zweiten Tag gekränkt. 

Besser ergeht es Meryem Citak und Peter Liska mit ihrer nominierten ORF-Reportage Kolaric' Erben - Die Tschuschenkinder von einst: "Wiederholungen", "zu viel Kommentar", "missglückter Schluss", beanstandeten zwar auch hier Kritiker. Doch es kommt auch Lob: "Großartig recherchiert", "spannende Charaktere". Ungeteiltes Mitgefühl erhalten die beiden erst, als Liska von den Hintergründen der Produktion erzählt.

Zum geplanten Migrationsschwerpunkt sollten Citak und Liska „etwas über Ausländer machen", lautete der Auftrag. Zu drehen begannen sie Ende 2007. Der Migrationsschwerpunkt fiel aus, der Film wurde knapp ein Jahr lang überhaupt nicht und schließlich im Jänner 2009 ausgestrahlt. Sendezeit: 2.20 Uhr.

"Unglaublich!", "Nicht zur Primetime?", sind die rund 20 Juroren fassungslos. Kolaric' Erben hat Liska eingereicht ohne Wissen des ORF, schon die Nominierung sei „späte Genugtuung", sagt er am Rande der Veranstaltung. Kolaric' Erben wurde später mit Bekanntwerden der Nominierung mit besserem Sendeplatz um 22.30 Uhr wiederholt.

231 Filme und Radioproduktionen

231 Filme und Radioproduktionen sichten und hören 200 Juroren beim Prix Europa eine Woche im Berliner Haus des Rundfunks. Mit acht Beiträgen ist der ORF dabei. Die Juroren sind Macher der nominierten Programme, die zu 95 Prozent im öffentlich-rechtlichen TV liefen. Die Trophäe, ein bronzener Stier, wird Samstagabend in 13 Kategorien zu je 6000 Euro vergeben. Der Prix Europa ist der größte europäische Medienwettbewerb. Europäische Kulturstiftung, EU-Kommission, Land Berlin-Brandenburg sowie 25 Rundfunkstationen finanzieren ihn. Zu den 650.000 Euro Jahresetat steuert der ORF 18.000 Euro bei. 

Citak und Liska treten im Wettbewerb für multikulturelle TV-Produktionen an. Sie konkurrieren mit deutschen, dänischen und niederländischen Filmen. Siegeschancen? "Glaube ich nicht", sagt Liska: "Die Erzählform ist zu traditionell."

Europaweit fördert die Krise millionenschwere Koproduktionen (Seewolf, Säulen der Erde, Moby Dick, Sisi). "Eurosauce", befürchtet Festivalleiterin Susanne Hoffmann in Zukunft.

Nationale Handschrift

Bei den nominierten Teilnehmern sieht sie die Gefahr nicht: "Jedes Land behält seine nationale Handschrift bei." Die entsteht durch die starke Ausrichtung an "True Stories", wahre und möglichst bedeutsame Ereignisse. Nordirland-Konflikt (Five Minutes of Heaven) und Irakkrieg (Occupation) stellt die BBC nach. Die Niederlande erzählen die Geschichte molukkischer Terroristin aus den 70ern in De Punt. Arte zeigt Leben und Tod Anna Politkowskajas. In Polen schockierte Golgota wroclawska mit Folterszenen aus der Kommunistenära. Unglück von Überlingen, RAF-Terror von Mogadischu sind für deutsche Fiction-im Rennen. Österreich traf den Jurygeschmack beim Tatort über den Tiroler Moscheenstreit. 

Außerhalb der Herstellungsländer laufen diese Filme nur selten: Die nichtnominierte niederländische Serie Single kaufte der ORF ein - weil sie an das US-Vorbild Sex and the City erinnert. Europaweit dominieren US-Programme. In der Krise kaufen Sender mehr ein. Ob sich damit die Chancen für europäische Ware verbessern? Hoffmann sieht keine Anzeichen: "Viele haben Angst vor dem Risiko. Gekauft wird, was sich anderswo schon bewährt hat." Geht es nach US-Medienkritiker Danny Schechter ist auch das bald Geschichte: Wie beim Uralt-Computerspiel fresse „der alte Pacman" traditionelles Fernsehen auf, sagte er. Die Digitalisierung mache aus Film- und TV eine neue Titanic: "An jeder Seite tauchen Eisberge auf." (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 24./25./26.10.2009)

  • Molukkische Terroristen überfielen in den 70er-Jahren einen Zug in den Niederlanden: "De Punt" ist beim Prix Europa für den besten Fernsehfilm nominiert.
    foto: bbc

    Molukkische Terroristen überfielen in den 70er-Jahren einen Zug in den Niederlanden: "De Punt" ist beim Prix Europa für den besten Fernsehfilm nominiert.

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