Wenn das Gewissen entscheidet

23. Oktober 2009, 17:37
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Der rumänische Regisseur Corneliu Porumboiu folgt in seinem zweiten Spielfilm "Politist, Adjectiv" der Überwachungsaktion eines Polizisten und dessen wachsenden Zweifeln

Dass ein Schüler auf dem Weg zum Unterricht noch schnell einen Joint raucht, kommt in den besten Familien (und in den besten Ländern) vor. In Rumänien aber macht ein junger Mensch sich damit strafbar, und wenn man der Erzählung in Corneliu Porumboius Film Politist, Adjectiv glauben darf, dann hat die Polizei in einer Provinzstadt wie Vasliu auch viel Zeit, um den Drogenkonsum zu überwachen und schließlich zu unterbinden.

Cristi heißt der Polizist, selbst noch ein relativ junger Mann, der mit einer Beschattungsaktion betraut wird. Er folgt einem Schüler namens Victor quer durch die Stadt, hebt dessen weggeworfene Zigarettenstummel auf, riecht daran und sieht aus sicherer Distanz zu, wenn sein Fahndungsobjekt auf dem Hof vor einem Kindergarten ahnungslos mit einem Freund und einer Freundin Cannabis raucht. In Prag, wo Cristi mit seiner Frau auf Hochzeitsreise war, wird derlei nicht mehr geahndet, ganz zu schweigen von Paris, jener großen Stadt im Westen, als deren kleine Schwester die rumänische Hauptstadt Bukarest manchmal bezeichnet wird.

Internationale Vergleiche

Diese internationalen Vergleiche werden in Politist, Adjectiv ausführlich erörtert, denn für ein Land wie Rumänien, für eine postkommunistische Gesellschaft, kommt es sehr darauf an, sich in ein Verhältnis zu setzen - zu den freiheitlichen Demokratien des Westens, zu denen man nun auch gehört.

Cristi ist von seiner Aufgabe nicht so richtig überzeugt. Er hat das Gefühl, dass der Drogenkonsum von Victor harmlos ist. Allenfalls gibt er manchmal einem Freund ein bisschen Stoff, aber er dealt nicht, und er scheint auch nicht die Quelle für die illegalen Substanzen zu sein. Über weite Strecken des Films sehen wir Cristi, wie er auf der Straße herumsteht und auf Hauseingänge blickt, wie er abends nach Hause kommt und ein langes Gespräch mit seiner Frau führt (in dem es um rumänische Grammatik geht - ein Thema, das später noch an Bedeutung gewinnen wird), wie er auf dem Polizeirevier von Büro zu Büro geht, um seine Berichte zu vervollständigen. Politist, Adjectiv ist registrierendes Kino in Reinkultur, das Geschehen vor der Kamera wirkt so natürlich, dass umso mehr ins Auge fällt, wie außergewöhnlich präzise gestaltet diese weitere herausragende Arbeit des jungen rumänischen Films ist.

Der Plot läuft auf eine Gewissensentscheidung zu, denn Cristi findet einen Zugriff auf Victor unangebracht, er hat das Gefühl, er hätte danach einen jungen Menschen "auf dem Gewissen" , der für drei oder mehr Jahre ins Gefängnis muss, für ein Delikt, das in anderen Ländern längst nicht mehr verfolgt wird. Der philosophische Dialog, auf den Politist, Adjectiv hinausläuft, ist das Gegenteil einer sokratischen Wahrheitsfindung - es ist die Fortsetzung des totalitären Systemzusammenhangs mit den Mitteln des Rechtsstaats.

Radikale Gegenposition

Unübersehbar sieht Corneliu Porumboiu - der nach mehreren Kurzfilmen sein in Cannes preisgekröntes Spielfilmdebüt 12:08 östlich von Bukarest 2006 auch in Wien vorstellte - eine Kontinuität des Überwachungsstaats, die über das Wendedatum 1989 hinwegreicht. Mit seinem filmischen Werk etabliert er dazu eine radikale Gegenposition: eine Ethik und Ästhetik der Beobachtung, die ein hohes Maß an Analyse voraussetzt und diese dann in der Form des Films so zum Verschwinden bringt, dass nur konkrete Umstände ersichtlich werden, aufgrund derer ein Individuum eine Entscheidung treffen muss. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 24.10.2009)

Politist, Adjectiv: 26. 10., Urania, 21.00 Uhr ;Wh.: 29. 10., Gartenbau, 15.30 Uhr 

  • Abendliche Gespräche über Grammatik als Ausgleich zu monotoner Beschattungsarbeit: Cristi (Dragos Bucur) und seine Frau Anca (Irina Saulescu) in "Politist, Adjectiv" .
    foto: viennale

    Abendliche Gespräche über Grammatik als Ausgleich zu monotoner Beschattungsarbeit: Cristi (Dragos Bucur) und seine Frau Anca (Irina Saulescu) in "Politist, Adjectiv" .

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