Von der Harmlosigkeit in der Literatur

23. Oktober 2009, 16:47
1 Posting

Eine neue Anthologie über "Junge Literatur in Österreich" lotet literarische Möglichkeitsräume aus

Es war kurz nach Rilkes Tod im Jahr 1926, als es Bertolt Brecht in die Jury eines Lyrikwettbewerbs der Zeitschrift Literarische Welt verschlug. Der Titel des Bewerbs lautete "Ein Geschenk an die Jugend" . Wenig freigiebig zeigte sich Brecht anschließend in seinem "Kurzen Bericht über 400 (vierhundert) junge Lyriker" : "Ich muss hier zugestehen, dass ich von der Lyrik Rilkes (eines sonst wirklich guten Mannes), Stefan Georges und Werfels wenig halte." Allerdings kamen auch die Junglyriker nicht gut weg:"Was nützt es, mehrere Generationen schädlicher alter Leute totzuschlagen, oder, was besser ist, totzuwünschen, wenn die jüngere Generation nichts ist als harmlos?"

Dem Abbau von Harmlosigkeit in der Literatur, der Anstiftung von Kontroversen und der Konfrontation mit der Wirklichkeit widmet sich, wie Karl Wagner in seinem Nachwort schreibt, die Anthologie ...zeichensetzung, zeilensprünge. Junge Literatur in Österreich. Klären möchte der von Regina Hilber, Thomas Ballhausen und Barbara Zwiefelhofer herausgegebene Band Fragen wie, "was denn die sogenannt junge Literatur" sei und ob sie "mit einer unverkennbaren Stimme" spreche.

"Literatur ist eine Sache von Leben und Tod, (...) man muss weitermachen, weiterdenken. Trotz der Unabgeschlossenheit der Bewegung des Schreibens: etwas meinen und dazu stehen, sich aufs Spiel setzen, aneignen, vergleichen, verwerfen und den Preis dafür zahlen wollen" , schreibt Ballhausen in seinem Vorwort. Und in der Tat sind die Texte des 18 Autoren umfassenden Bandes formal so ehrgeizig und vielfältig, dass niemand "Popliteratur!" rufen wird. Milena Michiko Flasar (Jg. 1980) beispielsweise legt mit einem Ausschnitt aus ihrem Debüt Ich bin über das Abschiednehmen und Nichtankommenkönnen mehr als eine Talentprobe vor. "Es ist schwierig geworden, bei sich zu bleiben, und noch viel schwieriger, aus sich herauszugehen" , heißt es da. Auch Peter Landerl (Jg. 1974) lässt seinen Ich-Erzähler nach einer gescheiterten Liebe den Weg nach innen antreten: "Verloren in den Jahren habe ich meinen guten Schlaf, den Bezug zur Natur und zum Göttlichen, den Sinn für das Schöne, meinen Witz, meinen Vater, der an Zungenkrebs krepiert war, meinen Sohn an seinen neuen Stiefvater..."

Überzeugend verknüpft Hanno Millesi (Jg. 1966)Momentaufnahmen aus dem Leben seines Erzählers mit dem Tod von Künstlern, die durch Unfälle starben oder freiwillig aus dem Leben schieden. Lisa Spalt setzt sich in ihrem spielerischen und gleichzeitig dichten Text Loop mit der "Poetik der Reproduktion" auseinander. Die Lyrik-Beiträge von Judith Pfeifer (Jg. 1975) und Robert Kleindienst (Jg. 1975) überzeugen weniger, was an der Auswahl der Gedichte liegen mag. Breit hingegen ist der Autorenpool der Anthologie. Neben noch neuen Namen wie Bernhard Strobel und Cornelia Travnicek präsentiert der Band auch schon feuilletonbekannte Autoren wie Anna Kim, Ann Cotten, Andrea Grill oder Paul Divjak.

Wie die in den letzten Jahren erschienenen Anthologien Zum Glück gibt's Österreich, Swiss Made und Zeitzonen (für Deutschland) bietet auch die zeichensetzung einen guten Überblick - repräsentativ kann und will sie nicht sein. Ein gelungener Versuch, "die Einsamen mit der Poesie und das Kollektiv der Einsamkeit besser zu verknüpfen", sind sie allemal. (Stefan Gmünder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.09.2009)

Regina Hilber, Thomas Ballhausen, Barbara Zwiefelhofer (Hrsg.), " ...zeichensetzung. zeilensprünge. Junge Literatur in Österreich" . € 18,-/192 Seiten. Luftschacht, Wien 2009

Hinweis:
Der besprochene Band wird am 28.10. um 19 Uhr im Wiener Literaturhaus (Zieglergasse 26 a)präsentiert. Es lesen Andrea Grill, Hanno Millesi und Bernhard Strobel. Der Eintritt ist frei.

Share if you care.