Ferrero-Waldner wird verzichten

Thomas Mayer, DER STANDARD, 23. Oktober 2009, 15:10
  • Artikelbild
    foto: reuters/heinz-peter bader

Es wird vielleicht noch einige Tage dauern. Aber in den Machtzentren der ÖVP ist die Entscheidung bereits gefallen

Es wird vielleicht noch einige Tage dauern. Aber in den Machtzentren der ÖVP ist die Entscheidung bereits gefallen: Benita Ferrero-Waldner wird definitiv nicht die neue alte EU-Kommissarin aus Österreich. Die öffentliche Aufforderung des Nationalratsabgeordneten Ferry Maier sollte ihr verdeutlichen, was die schwarzen Granden von ihr erwarten - dass sie jetzt selber verzichtet und erklärt, sie stehe nicht zur Verfügung. Offiziell heißt das, Ferrero-Waldner müsse doch selber wissen, worauf es ankomme, nämlich sich "nicht zum Spielball der Innenpolitik zu machen".

Wir werden sehen, ob die Außenkommissarin dies öffentlich in Form einer Erklärung macht, um ohne Reputationsverlust aus der Vereinnahmung durch SP-Kanzler Werner Faymann rechtzeitig herauszufinden. Oder ob es plötzlich aus der Koalition eine Erklärung gibt, dass Ferrero-Waldner nicht mehr in Frage kommt als Kandidatin.

Wie ich an dieser Stelle bereits erwähnt habe, stehen derzeit die EU-Sterne für Wissenschaftsminister Johannes Hahn am besten. Er gäbe SP wie VP die Chance, die gelähmte Regierung umzubilden. In der Volkspartei schwindet langsam die Hoffnung, dass Wilhelm Molterer, den sich die Parteispitze nach wie vor wünscht, am Ende doch noch das Rennen machen könnte. Umso abschätziger fallen von Tag zu Tag die negativen Kommentare über Werner Faymann aus. Die Schwarzen halten ihn politisch inzwischen offenbar für halbtot.

Auf der anderen Seite des koalitionären Regierungsunternehmens ist man freilich auch nicht faul. "Reichlich dreist" nennt der steirische EU-Abgeordnete Jörg Leichtfried von der SPÖ die Mahnung des VP-Europaabgeordneten Ernst Strasser, der die Sozialdemokraten zum gemeinsamen Vorgehen in der Kommissarsfrage aufforderte und den Kanzler für Verzögerungen verantwortlich machte. Faymann habe "die erfahrene Kommissarin Ferrero-Waldner vorgeschlagen, die ÖVP hüllt sich in Schweigen", giftete Leichtfried. Sie solle Ferrero endlich zustimmen.

So kommt man nicht weiter. Somit ist die Nominierung des österreichischen EU-Kommissars definitiv in der Tiefebene der österreichischen Innenpolitik angelangt.

In eigener Sache eine kleine Dokumentation zu unserer Exklusigeschichte von gestern, wonach Bundeskanzler Werner Faymann am 17. September Kommissionspräsident Barroso am Rande des EU-Gipfels in Brüssel selbst Wilhelm Molterer und Johannes Hahn, nicht aber Ferrero-Waldner vorgeschlagen habe. Die Geschichte sorgte für einige Unruhe in Wien, brachte mir den Vorwurf ein, ich würde im Auftrag der ÖVP agitieren und eine Kampagne gegen den Bundeskanzler reiten. Keine Sorge. Der Standard bleibt unabhängig.

Wir sind nur der Auffassung, dass die Öffentlichkeit ein Recht hat zu erfahren, was sich hinter der Fasade und den Wortkaskaden der Politik in Österreich und in Europa wirklich abspielt. Damit wir, frei nach Erich Kästner, den Kakao, durch den man uns zieht, nicht auch noch trinken. Dafür ist auch dieser Europa-Blog da. Das ist für Journalisten mitunter unangenehm, wenn Druck von ganz oben ausgeübt wird. Aber das gehört zum Job. Ich sage nur Frühstück in Amsterdam.

Wie kam es also zum gestrigen Hin und Her um das Dementi des Kanzlers zum Molterer-Vorschlag? Meine Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid hat gestern Abend dem Kanzler persönlich dargelegt, dass wir völlig korrekt berichtet haben.

Donnerstag nach Mittag konfrontierte ich von Straßburg aus die Kanzler-Sprecherin mit dem Faktum, dass Faymann am Rande des EU-Gipfels in Brüssel am 17. Sepember Molterer und Hahn vorschlug, wie das mit dem ÖVP-Chef abgesprochen war, und dass er explizit nicht Benita Ferrero-Waldner nannte (die damals Tage danach um den Job der Unesco-Generalsekretärin kämpfte). Das wurde ebenso bestätigt wie das Faktum, dass Faymann und Pröll das zwei Tage vorher bei der Regierungsklausur in Salzburg vereinbart hatten.

Gegen 16 Uhr stellten wir die Geschichte online. Wenig später erreichte uns aus dem Kanzleramt folgende Berichtigung:

"Der Vorschlag Molterer Hahn wurde nicht bei der Regierungsklausur fixiert, sondern zwischen Faymann und Pröll am Rande der Klausur vereinbart. Das ist ein Unterschied."

Also nicht bei, sondern am Rande der Klausur. Kein Problem. An der Sache selbst gab es keine Beanstandung.

Eine Stunde später wurde der Kanzler im Parlament von Journalisten auf den Standard-Bericht angesprochen. Laut APA sagte er dazu: "Faymann selbst bestritt dies allerdings gegenüber Journalisten am Rande der Plenarsitzung des Nationalrats. Es sei während der vergangenen Wochen über viele Personen gesprochen worden, eine Liste mit Molterer und Hahn habe es aber nicht gegeben. Und es werde auch keinen 5er, 4er- oder 3er Vorschlag geben, sondern einen gemeinsamen Vorschlag der Bundesregierung. Unterstützt wird von ihm unverändert die bisherige Kommissarin Benita Ferrero-Waldner (V). Dies gelte umso mehr, als auch Barroso klar gemacht habe, in seiner Kommission Frauen besonders berücksichtigen zu wollen. Daher stünden seiner Einschätzung nach Österreichs Chancen auf ein bedeutendes Ressort auch besonders gut, wenn wieder eine Frau nach Brüssel entsandt werde."

30 Minuten später eine Aussendung der Kanzler-Sprecherin: "Wien (OTS) - Zu den in Medien kolportierten Gerüchten, es sei bereits ein Personalvorschlag an Kommissionspräsident Barroso ergangen, ist folgendes klarzustellen: Es kann kein Vorschlag über eine Ernennung des österreichischen Kommissars ohne einen Beschluss der Bundesregierung und des Hauptausschusses getätigt werden. Kommissionspräsident Barroso hat mehrmals festgestellt, dass nur ein Name von jedem Mitgliedssaat als Vorschlag zulässig ist. Darüber hinaus gibt es von ihm keinerlei Zusage bezüglich eines Ressorts. Alles weitere sind Gerüchte, bzw. Inhalte vertraulicher Gespräche, die an dieser Tatsache nichts ändern."

Als die Chefredakteurin den Kanzler mit der früheren Bestätigung konfrontierte hieß es, die Sprecherin habe "einen Fehler gemacht". Es seien nicht nur Molterer und Hahn bei Barroso zur Sprache gekommen, sondern mehrere Personen.

Mag schon sein, dass der Kanzler in den vergangenen Wochen mehrere Personen als Kandidaten ins Spiel gebracht hat: Aber das war nicht der Punkt unserer Geschichte. Wir wollten wissen, wie es kommt, dass der Kanzler vor vier Wochen bei Barroso selber Molterer vorschlägt, den er heute vehement ablehnt, aber Ferrero-Waldner damals nicht, für die allein er sich heute ausspricht.

Es wäre langsam an der Zeit, dass Vizekanzler ÖVP-Chef Pröll sich dazu äußerst. Alle Anfragen in diese Richtung blieben bisher unbeantwortet. Aber wir probieren es weiterhin.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 42
1 2
Wie bitte?1
00
31.10.2009, 02:17
Die Geschichte sorgte für einige Unruhe in Wien, brachte mir den Vorwurf ein, ich würde im Auftrag der ÖVP agitieren und eine Kampagne gegen den Bundeskanzler reiten. Keine Sorge. Der Standard bleibt unabhängig.

Oh, hört, hört.

... Es gab Zeiten, da musste sich der Standard wenigstens darüber keine Sorgen machen, für unabhängig gehalten zu werden.
Die G'schicht, wie Ferrero-Waldner laut unabhängigem Standard-Kommentaristen erst eh ganz klass als Bundespräsidentin gwesen wär, dann eh a ganz a klasse und furchtbar einflussreiche Kommissarin war, dann wieder a ganz a klasse Bundespräsidentin würd, angesichts der drückenden braunge-schwarzen Mehrheit in unseren Landen, nur fix no amoi ausgerechnet jetzt als weiterhin Kommissarin eine abgefeimte Sozi-Verschwörung sein soll, will mir als Nichtschwarzem halt so gar nicht einleuchten. Zumal ja auch weder die einzelnen Karriereschritte noch die Übergänge vom einen zum anderen argumentiert werden.

Saskia Fabian
 
00
26.10.2009, 10:48
ich vermisse inhaltliche anforderungen an die/den potenziellen kandidaten/in

es geht ja nur mehr darum, wer sich mit seinem vorschlag gegenüber den anderen durchsetzt, von qualifikation ist nie die rede. aber das gilt ohnehin für die gesamte politik. der "gio" hahn ist nichts anderes als ein verdammt cleverer glücksspieler, der einen verdammt gut riecher hat, wie man nach oben kommt, das muss man ihm lassen. sonst bei ihm: nix da...

Alexander Sommer
00
25.10.2009, 20:44
warum ferrero nicht?

kann mir mal bitte jemand (ernsthaft) erklaeren, warum a) die roten fuer einen schwarzen kanditaten sind und b) die schwarzen die schwarze ferrero nicht (mehr) wollen? hat sie ihren job c) nicht "gut gemacht"?

danke..

rollschuhrolli
00
25.10.2009, 14:05
Es wird Zeit, die Dame in Pension zu schicken,

sie war Schüssels Erfindung, hat ihm hündisch, also ohne Aufmucken, treu gedient, wurde für ihre Treue belohnt, es reicht, ab mit ihr in die Pension.

Heiner Müller
00
25.10.2009, 10:55
Hat sie denn schon verzichtet,

die Gute?

Heiner Müller
00
25.10.2009, 10:57
... oder ist sie doch

verzichtet worden?

Almi66
00
25.10.2009, 05:30
In der Wiener Stadtpolitik geht so was durch...

da berichten die Lokalmedien willfähriger (Wien Heute, Heute...), da sie entweder durch elendslange Werbebeilagen der Stadt, oder durch pol. Druck auf den Posten des Chefredakteurs gefügig gemacht werden.

Da gibt es auch eine starke Mehrheit der SP, die leichter "drüberfährt" über holpriges Terrain.

Ja, da konnte der Stadtrat Faymann noch schalten und walten, da hatte er eine willfährige aber korrupte Wohnbauabteilung des Magistrates zur Seite (siehe Artikel im Standard)

Auf Bundesebene geht die Pinocchio-Politik halt nicht mehr rein und Lügen werden gnadenlos aufgedeckt.

Dem Standard sei Dank!

der Emir
00
24.10.2009, 20:06
vielleicht hat der Feyly das ganze ja mit seinem alten Job verwechselt

und er wollte für Ferrero Waldner eine Wohnung in Brüssel beschaffen und damit sie beschützt wird, hat er irgendeinen Kommissar vorgeschlagen, der ihr zur Seite gestellt wird? Am besten den Kommissar Hahn, der kräht, wenn die Schwyzer wieder am Cernlein schrauben wollen.
Dann hat er sich noch beim Gusi nach dessen Meinung erkundigt aund der hat einen Barolo bestellt, woraufhin nun der Feyly ganz vom Hocker war, denn mit dem Barolo hat er ja über Pater Willi gesprochen, wegen dem Messwein...
Alles sehr kompliziert Herr Kommissar!

erlich
01
24.10.2009, 15:16
... Ferrero-Waldner wird verzichteT ...

Graf Bobby
11
24.10.2009, 13:39
Da müssen ja die Wogen ziemlich hoch gegangen sein


wenn die ChRedakteurin Richtung Kanzler ausrücken mußte. Nur nicht unterkriegen lassen.

Die Hintergründe des Ernennungskarussels stellen eigentlich ziemlich besorgniserregende Fragen an das Denk- und Strategievermögen des Kanzlers.

Und das sollte uns zu denken geben....

ubu roi
04
24.10.2009, 00:36

möchte mich dem vorposter anschließen: das hier gehört zum interessantesten, was es zu diesem thema zu lesen gibt. sehr informativ, sehr aktuell, sehr gut zu lesen. bitte mehr sowas.

Christoph ************
09
23.10.2009, 22:11

Komplimente für diese neue Kolumne.

Ich hoffe nur, dass sie auch so aktiv bleibt, wenn bald, die Niederungen der nationalen Innenpolitik wieder verlassen werden und es zB den nächsten Gipfel zu berichten gibt.

Die Angriffe hier im Forum kann ich nur schwer nachvollziehen. Die Idee, dass der Standard ein ÖVP Kampfblatt sein könnte finde ich auch etwas erheiternd. Ich sehe diese Kontroverse aber positiv, denn zumindest wird einmal wieder über ein EU bezogenes Thema geredet.

PS:
Sollte jetzt wirklich Hahn zum Zug kommen, hoffe ich zum Wohle Europas, dass er Kommissar für Mehrsprachigkeit wird oder ähnliches. Da kann er nicht viel Schaden anrichten. Mr Cern wirklich zum Kommissar für Forschung zu machen wäre ja Wahnsinn.

Thomas Mayer, DER STANDARD
17
23.10.2009, 23:20
Dankeschön

Vielen Dank für das Lob, hört man gerne. Ich gebe es volley weiter an die Kollegen der Online-Redaktion, die in den vergangenen zwei Wochen großartige handwerkliche Arbeit geleistet haben, um eine solche Europa-Plattform zu ermöglichen. Wir werden uns bemühen, die Debatten über Europa hochzuhalten: unabhängig, aufmüpfig, über den kakanischen Tellerrand hinaus.

Jax
02
24.10.2009, 15:51
Dankeschön

die Leser sagen Dankeschön.

Magic Wand
 
04
23.10.2009, 22:01
"[Faymann ] politisch inzwischen offenbar [...] halbtot"


Dann würd' ich gerne wenigstens was von seiner politisch lebenden Hälfte sehen ...

gurkobert
10
23.10.2009, 21:35

wenn die benita jetzt auf hoat schaltet, dann muss der beppone zwischen ihr und dem dschio entscheiden. seis wies sei, der wernsch hat einen spaltpilz in die vaupeh gepflanzt und der mayer kriegt in seiner rage eh nix mit und meint, er ist volle der auskenner ....

Ha Ko
01
23.10.2009, 21:32

Kommisar für Spielautomaten und einarmige Banditen.

Heiner Müller
02
23.10.2009, 20:51
Ferrero: Wozu braucht man Feinde, wenn man solche Freunde hat?

Heiner Müller
00
23.10.2009, 20:12
Worauf will denn die Ferrero verzichten

die Sache ist gelaufen.

zimbo
 
00
23.10.2009, 20:27
Ja, die Diktion ist aber lustig.

Heiner Müller
10
23.10.2009, 18:19
Ja, wenns der Herr Mayer mal sagt

dann gibts für die Ferrero-Waldner dann natürlich keine Chance mehr.

NaderNader
30
23.10.2009, 17:53
Alleine der langatmige Erklärungsversuch

...des Herrn Redakteurs, läßt darauf schließen, dass er Bockmist gebaut hat. "Wir wollten wissen, warum Faymann damals Ferrero-Waldner nicht genannt habe" - weil sie für den UNESCO-Vorsitz kandidierte. Hätte er sie genannt, und sie hätte den UNESCO-Job bekommen, dann wäre Faymann wahrscheinlich in der Luft zerrissen worden. Vermutlich hat der Kanzler dem Barroso gesagt: "..bei uns sind derzeit zwei Kandidaten im Gespräch: Molterer und Hahn" - und der Willi Wichtig in Brüssel namens Mayer bläst die Sache auf. Und die Frau Föderl-Schmidt spielt mit, weil sie sich sowieso gerne damit beschäftigt Faymann-bashing zu betreiben. Eine richtige Schlaucherlpartie, wie man in Wien zu sagen pflegt.

undjetzt
01
23.10.2009, 17:36
Fein wird's doch Waldheim oder der "Es reicht" ...???

Heiner Müller
03
23.10.2009, 17:18
Wenn die SPÖ der ÖVP schon das Vorschlagsrecht eingeräumt hat

dann muß der ÖVP doch wohl klar sein, daß sie nicht Personen vorschlagen kann, die von der SPÖ nicht akzeptiert werden können. Der klügere Schritt wäre demnach den Herrn Molterer zum Verzicht zu überreden, als der Ferrero-Waldner die Füße wegzuziehen.

BobDuke
00
23.10.2009, 17:35
Hab gedacht die ÖVP kann vorschlagen wen sie will.

Nicht die SPÖ darf einen ihr genehmen ÖVPler vorschlagen.
Das Chaos regiert.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 42
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.