Rinderdämonen und Schlangengeister

23. Oktober 2009, 16:46
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Am 5. August 1966 wurde in Peking die 48-jährige Lehrerin und Schuldirektorin Bian Zhongyun von ihren Schülerinnen mit nägelgespickten Stöcken zu Tode geprügelt

Sie gilt als das erste Opfer der Kulturrevolution, die von Mao Tse-tung in diesem Monat eingeläutet wurde. Mehr als 1770 Lehrerinnen, Lehrer und andere, der Revolution vermeintlich im Weg stehende "Rinderdämonen und Schlangengeister" und "schwarzen Elemente" wurden innerhalb weniger Wochen von Schülern und Studenten erschlagen. Am Tag nach dem Mord an Zhongyun kaufte ihr Ehemann einen Fotoapparat, sammelte alle Dokumente und schriftlichen Zeugnisse, packte sie mitsamt dem blutigen Gewand und der stehengebliebenen Uhr seiner Frau in einen Koffer und versteckte diesen über drei Jahrzehnte lang unter seinem Bett.

"Ich wollte die historische Wahrheit dokumentieren", sagt der heute Hochbetagte. "Wäre ich meiner Verantwortung nicht gerecht geworden, dann wäre mein Leben sinnlos gewesen" . ...nicht der Rede wert? Die Ermordung der Lehrerin Bian Zhongyun am Beginn der Kulturrevolution ist ein mit Originalaufnahmen und Zitaten großartig geschnürtes Paket authentischer Informationen, das zum einen eine Hör-CD von Wolfgang und Susanne Schwiedrzik, zum anderen eine DVD mit ei-nem Film von Hu Jie enthält. Ein beklemmendes Kapitel in der jüngeren Geschichte Chinas wird hier aufgeschlagen, und es ist klar, dass die Aufarbeitung erst zaghaft anzulaufen beginnt. (Ute Woltron, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.09.2009)

Hu Jie, W. u. S. Schwiedrzik, "... nicht der Rede wert. Der Tod der Lehrerin Bian Zhongyun". € 23,-. Edition Mnemosyne, Wien 2009

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