Der hässlichste Kratzbaum der Welt

23. Oktober 2009, 14:40
83 Postings

Ein übles Einrichtungsobjekt

Kürzlich hatte ich einen sehr merkwürdigen Traum. Ich bekam Besuch von Silvio Berlusconi, der leider wahnsinnig geworden war und sich für eine Katze hielt. Er ging auf allen vieren durch unsere Wohnung, fraß unserem Kater das Futterschälchen mit den Brekkies leer und leckte sich unter dem Küchentisch die Oberschenkel sauber. Als ich Berlusconi später erwischte, wie er im Wohnzimmer seine Fingernägel am Kratzbaum schärfte, wachte ich auf. Es war, wie gesagt, ein sehr merkwürdiger Traum mit einer stark surrealen Note.

Ich dachte nach, was mir mein Unbewusstes mit diesem Traum sagen wollte. Klare Antwort: Es war ein Auftrag, mir die Aggressionen über den Kratzbaum, der seit Wochen unser Wohnzimmer schändet, in einer Kratzbaum-Kolumne vom Leib zu schreiben.

Meine Frau hat den Kratzbaum gekauft, um unserem Kater Balu ein anderes Kratzobjekt als das Ledersofa schmackhaft zu machen. Der Kratzbaum ist etwa 80 cm hoch. Aus einem quadratischen Sperrholzsockel ragt ein armdicker und armlanger, mit Sisal umwickelter Prügel in die Höhe, der, so vermute ich, nach Ansicht des Kratzbaumproduzenten der zentrale Ort des präsumtiven Kratzgeschehens sein sollte.

Auf dem Prügel steckt ein kleineres Sperrholzquadrat, das, wie der Sockel, mit einem Überzug aus beigem Kunststoffplüsch bezogen ist. Diesem zweiten Quadrat dürfte die nette, im Falle Balus aber irrige Vorstellung zugrunde liegen, dass sich die Katze darauf behaglich niederlässt. Ich behaupte, es handelt sich bei diesem Kratzbaum um den hässlichsten Kratzbaum der Welt. Noch jeder, der ihn gesehen hat, musste sich fast übergeben. Philosophisch gesprochen, ist dieser Kratzbaum das Unding an sich.

Unser Kater scheint meine ästhetische Einschätzung zu teilen, jedenfalls hat er noch keine Kralle an den Baum gelegt. Zwei Gründe gibt es, warum wir den Kratzbaum nicht in den Mist geworfen haben: Er hat 25 Euro gekostet, und wir hoffen, dass sich unser Kater doch noch eines Besseren besinnen möge.

Seit einigen Tagen legen meine Frau und ich uns abwechselnd auf den Wohnzimmerboden und kratzen am Sisal. Wir nennen das "Vorkratzen", weil wir das Nachahmungsverhalten des Tiers anregen wollen. Bisher nimmt unser Kater das Vorkratzen mit Desinteresse zur Kenntnis. Dass er selbst an dem beigen Scheusal kratzen könnte, scheint ihm nicht einzufallen. Nicht einmal im Traum. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.09.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.