Bester Kauflaune

23. Oktober 2009, 18:19
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Vom Vorgängerformat erbte man bloß den Titel. Die 54. Kunst Messe München (bis 25. Oktober) überzeugt mit Flair

Es ist nicht allzu viel überliefert aus dem Leben der Johanna Bodenstein. Opernsängerin, Wien-München-Köln die Stationen, vergilbte Fotos dokumentieren ein für das Großbürgertum typisches Interieur. Die Möbel mehrheitlich Wiener Biedermeier, darunter mit dem Globus-Nähtischchen (um 1810) ein kirschbaumfurnierter Repräsentationsklassiker.

Hier steht es nun bei Georg Britsch, für 38.000 Euro mitsamt originaler Innentapezierung, ohne Hochglanzpolitur, nur sorgfältig von Altersschmutz befreit. Dahinter, im Séparée, warten zwei Bibliotheksschränke (48.000 Euro) aus der legendären Sammlung Sobek, ehemals im Pötzleinsdorfer Geymüllerschlössel beheimatet. Jetzt zweckentfremdet, harrt darin ein komplettes Wiener Porzellanservice eines Käufers.

Ein paar Messekojen weiter hängt der Wien-Bezug von der Decke. Stolz verweist Thomas Herzog auf den hervorragenden Erhaltungszustand des geschnitzten, teilvergoldeten und nach einem Entwurf von Josef Danhauser ausgeführten Lusters (58.000 Euro). Ein ungewöhnliches, in Sepia-Tönen gemaltes Walde-Kleinformat mit der Hahnenkammbahn wechselte schon vor der Preview den Besitzer, um die 90.000 Euro wird es schon gekostet haben. Nach Wien wird der auf gotische Skulpturen spezialisierte Kunsthandel Walter Senger diesen Herbst nicht kommen. Drei Jahre Hofburg Messe für Kunst und Antiquitäten sind vorerst genug.

Zusammen mit anderen Kollegen engagiert sich Senger für das von Wolfgang Krey organisierte Messeformat. 2008 zelebrierte man mit 27 Teilnehmern als "Fine Art & Antiques" im Haus der Kunst die Premiere, eine vertraglich abgesicherte Option für den Veranstaltungsort bis 2011 inklusive. Eine Rechnung, die der Messeorganisator angesichts der Absage im Frühjahr ohne den vermietenden Wirt machen musste.

Ob Vertragsbruch oder nicht, wird das Landgericht demnächst entscheiden, ein Verfahren ist anhängig. Ein Scherflein im Kampf um die Vormachtstellung der Kunstszene in München legte der Deutsche Kunsthandelsverband im Frühjahr nach: Fortan darf sich das Krey'sche Format mit dem Titel der ältesten aller deutschen Kunst- und Antiquitätenmessen schmücken und nennt sich aktuell "54. Kunst Messe München - Fine Art & Antiques" (bis 25. Oktober).

Mit dem erst seit kurzem für Events verfügbaren Postpalast, einem denkmalgeschützten Bau in Bahnhofsnähe, der zuletzt als Kantine fungierte, fand Wolfgang Krey für seine 34 Schützlinge eine mehr als adäquate Location.

Das Ergebnis ist mehr als gelungen und überzeugt mit charmantem Flair, mit einem architektonisch wunderbaren Standbau, wie man ihn sich für manch anderes Event nur wünschen würde. Genauso der völlig ohne die übliche Bilder-Lastigkeit auskommende und deshalb wohltuende Angebots-Mix: Hier Braunschweiger Barockmöbel mit den typischen Elfenbeinintarsien (Kunstsalon Franke) oder ein neogotischer Stuhl russischer Provenienz (Eric Meletta, 24.800), dazwischen handschmeichelnde und für alle Getränke nutzbare Silber-Tumbler (K. & R. Schepers, 1500-3200 Euro), dort Marie Bracquemonds impressionistische Crevetten-Ode (Maier & Co Fine Art, 40.000 Euro) oder ein Immunität garantierendes Knüpfepos aus dem Besitz eines Stammesfürsten (Hans Eitzenberger, 86.000 Euro).

Das Publikum quittierte das schon in den ersten Tagen mit Kauflaune, bis weit in die sechsstellige Preisklasse hinein. (Olga Kronsteiner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.09.2009)

 

 

 

  • Marie Braquemonds " Les crevettes"  (1887) sind für 40.000 Euro zu haben.
    fotos: maier & co fine art

    Marie Braquemonds " Les crevettes" (1887) sind für 40.000 Euro zu haben.

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