Unübliche Maßnahmen

23. Oktober 2009, 17:33
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Der untere Schätzwert ist für Kinsky-Telefonbieter Pflicht

Sechseinhalb Stunden dauerte der Verkaufsmarathon, während dessen Otto Hans Ressler 647 Antiquitäten zu verteilen hatte. Schon Tags davor war es zu teils turbulenten Szenen gekommen, der sonst im Palais Kinsky recht geordnete Auktionsablauf pausierte völlig. Der Grund: Einen nennenswerten Teil der im Rahmen der 75. Kunstauktion (13. / 14. Oktober) angebotenen 1200 Positionen schickte man ohne Limit ins Rennen. Fand sich zum Rufpreis kein Interessent, steigerte man bis zu jenem Wert abwärts, den ein Saalbieter zu zahlen bereit war.

Dies motivierte andere, sich doch noch in das Schnäppchengetümmel zu schmeißen, und also steigerte man wieder aufwärts. Das Ergebnis - abgesehen von einem Nettoumsatz in der Höhe von 3,22 Millionen Euro - waren massive Verzögerungen, der Zeitplan dahin. Das strapazierte weniger die Geduld des Saalpublikums als jene des Kinsky-Expertenteams, das seine liebe Not hatte, alle avisierten Telefonbieter rechtzeitig zu erwischen. Etwa 300 Anmeldungen lagen vor, eine Ausnahmesituation, bestätigt auch Ressler.

Für eine flämische, um 1600 datierte Waldlandschaft hatten sich etwa sieben Interessenten angemeldet, nur sechs konnte man erreichen. Der Zuschlag wurde vorerst bei 22.000 Euro erteilt, als man den ausstehenden siebenten Bieter eine halbe Stunde später doch ans Telefon bekam, war der vorherige Meistbieter gleich gar nicht mehr an einem Erwerb interessiert. Pech für ihn, sein Gebot war ja bindend.

Aber die Handhabe wurde noch rigoroser: In manchen Fällen konnte man die Telefonbieter nicht erreichen, trotzdem schlug man ihnen - so sich das Saalpublikum nicht beteiligte - die Kunstwerke zu. Eine unübliche, aber rechtlich abgesicherte Maßnahme, versichert Ressler.

Wer sich im Kinsky für ein Telefongebot anmeldet, erklärt sich gleichzeitig bereit, zumindest den unteren Schätzwert zu bieten. Man habe das vor einigen Jahren eingeführt, um jene Fälle zu vermeiden, die einer Versteigerung nur zuhörend beiwohnen wollen. Eine Vereinbarung, die mittlerweile von deutschen Auktionshäusern und auch dem Dorotheum übernommen wurde. Exekutiert wird es - Stichwort "Kundenservice" - nur selten, Ausnahmen bestätigen eben die Regel. (Olga Kronsteiner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25./26.09.2009)

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